ArchivDeutsches Ärzteblatt44/1996Körperliche Untersuchungen bei psychisch Kranken

MEDIZIN: Diskussion

Körperliche Untersuchungen bei psychisch Kranken

Tölle, Rainer; Stöß, Matthias; Schydlo, Reinhard; Knott, Heribert

Zu dem Beitrag von Frank Röhr, Jürgen Schürmann und Prof. Dr. med. Rainer Tölle in Heft 28?29/1996
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Unklare Differenzierung
In einer psychiatrischen Krankenhausabteilung stellt sich häufig die Frage, wie ausführlich körperliche Untersuchung, Labor- und andere Diagnostik gemacht werden soll. Im Beitrag wird dargestellt, daß ein großer Teil von stationär behandelten psychiatrischen Patienten an körperlichen Erkrankungen leidet, was nicht anders zu erwarten ist. Soll ärztlich-psychiatrisches Personal sich auf die speziellen Aufgaben des eigenen Gebietes konzentrieren und Diagnostik und Therapie körperlicher Erkrankungen an andere Fachdisziplinen abgeben? Wieweit soll körperlichen Erkrankungen Zeit und Arbeitskraft gewidmet werden? Hierauf wird nicht differenziert eingegangen. Natürlich ist es wünschenswert, jeden Kranken umfassend zu untersuchen. Andererseits verlangen die ureigenen psychiatrischen Problemstellungen nach Aufmerksamkeit und Arbeitseinsatz. Psychiatrisch Erkrankte sind ja nicht von den übrigen ambulanten und stationären Behandlungsmöglichkeiten abgeschnitten. Im Alltag bewährt hat sich ein nur kleines "Routineprogramm" an körperlicher Diagnostik, das ganz individuell je nach klinischer Beobachtung und Beschwerden des Patienten ergänzt wird. Starre, umfangreiche Untersuchungsschemata sind unpraktisch.
Durch die Arbeit schimmert die Spaltung in "biologisch orientierte" und "psychotherapeutisch orientierte" Psychiatrie und eine Allmachtsphantasie hindurch. In der biologisch-körperlichen psychiatrischen Theorie haben die körperlichen Aspekte entsprechend hohes Gewicht, in einem psychodynamischpsychotherapeutischen Denksystem werden körperliche Diagnostik und Behandlung eher im Hintergrund stehen und von anderen Medizinern wahrgenommen werden. Beide Arbeitsweisen können angemessen sein. Ein "Super-Doktor", der akkurat die Seele kuriert und gleichzeit alle körperlichen Leiden erkennen und behandeln kann, ist wohl ein Wunschtraum.

Matthias Stöß
Arzt im Praktikum
Kirchhofstraße 19 12051 Berlin


Wichtigkeit neurologischer Untersuchung
Auch im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie sehen wir täglich, daß bei über 90 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die uns wegen ihrer psychischen Erkrankungen oder Störungen vorgestellt werden, körperliche Befunde eine wesentliche Mitursache ihrer Erkrankung darstellen. Im Vordergrund stehen mit 84 Prozent neurologische Störungen, vor allem sensomotorische Störungen und Entwicklungsverzögerungen, die das gesamte Selbstbild und Verhalten beeinflussen. Um einen Therapieplan aufstellen zu können, ist die Durchführung einer körperlichen und neurologischen Untersuchung bei jeder kinder- und jugendpsychiatrischen Erstuntersuchung, nicht zuletzt zum Ausschluß akuter hirnorganischer Erkrankungen, unabdingbar. Sie zu unterlassen würde einem ärztlichen Kunstfehler gleichkommen.
Um so unverständlicher ist es, daß im Rahmen der EBM-Reform den Psychiatern und den Kinderpsychiatern, seit Beginn dieses Jahres die Abrechenbarkeit somatischer und vor allem neurologischer Untersuchungen untersagt wurde.


Dr. med. Reinhard Schydlo
Herzogstraße 89–91 40215 Düsseldorf


Untermauerung
Der Artikel untermauert eindrucksvoll die altbekannte Tatsache, daß man beim Psychischen an das Somatische denken "muß" und umgekehrt. Offenbar vernachlässigen gerade die "biologisch" orientierten Psychiater das Biologische und müssen sich und andere mit großem Aufwand daran erinnern, daß ihre Patienten auch einen Körper haben. Vielleicht wird es einmal Standard, nicht nur in der Statistik, sondern auch im direkten Kontakt mit dem Kranken, Psychiatrisches und Medizinisch-Somatisches zusammenzubringen: ganzheitliche, eben psychologische Medizin im besten Sinne. Nötig wären Einzelfallstudien, die den Zusammenhang zwischen körperlichen und psychischen Befunden plausibel darstellen.


Dr. Heribert Knott 70195 Stuttgart


Schlußwort
Dr. Schydlo weist zu Recht darauf hin, daß unsere Ausführungen mit gleicher Bedeutung auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gelten. Dr. Knott kann ich wohl grundsätzlich zustimmen, nicht aber in der Wortwahl: "Psychiatrisches" und "Medizinisch-Somatisches" sind eben nicht einander gegenüber zu stellende Begriffe, sondern Psychiatrie umfaßt selbstverständlich auch Somatisches. Herr Stöß fragt nach der Verhältnismäßigkeit somatischer Untersuchungen bei psychisch Kranken. Wie weit die Untersuchungen gehen sollen, ist natürlich von den Gegebenheiten des Einzelfalles abhängig und oft nicht leicht zu entscheiden – wie in der ganzen Medizin.


Für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Rainer Tölle
Klinik für Psychiatrie der Westfälischen Wilhelms-Universität
Albert-Schweitzer-Straße 11
48129 Münster

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote