ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2003Die Neueröffnung der Wiener Albertina: Kein Altmeistermuseum

VARIA: Feuilleton

Die Neueröffnung der Wiener Albertina: Kein Altmeistermuseum

Dtsch Arztebl 2003; 100(21): A-1457 / B-1215 / C-1137

Motz, Roland

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Die antiken Statuen im Musensaal erstrahlen im neuen Glanz. Foto: Roland Motz
Die antiken Statuen im Musensaal erstrahlen im neuen Glanz. Foto: Roland Motz
Das historische Palais wurde mit neuester Technik ausgestattet und um hochmoderne Erweiterungsbauten ergänzt.
Nach zehnjähriger Bauzeit hat Wien seit März ein neues touristisches Highlight. 80 Millionen Euro ließen sich die Stadtväter den Um- und Erweiterungsbau des lang gestreckten Stadtpalais an der Augustinerbastei zwischen Burggarten und Oper kosten, um Wiens Spitzenstellung im internationalen Kulturtourismus weiter zu festigen. 20 Kilometer Goldleisten wurden verarbeitet, ebenso Seidentapeten aus Venedig, Marmor aus Ostanatolien und Intarsienböden aus Rio-Palisander. Alte Lüster hängen im Musenzimmer über antiken Gipsstatuen neben neuen Kristallleuchtern von Swarovski. Das historische Palais mit 18 auf das Aufwendigste restaurierten Prunkräumen wurde mit neuester Technik ausgestattet und um moderne Erweiterungsbauten ergänzt, die durch minimalistische Raumausstattung und kühle Nüchternheit bestechen.
„Als Zweigesichtigkeit der Albertina“ beschreibt der seit 1999 amtierende Museumsdirektor Klaus Albrecht Schröder in seiner Rede am 14. März anlässlich der Eröffnung, bei der auch die norwegische Königin Sonja anwesend war, das Nebeneinander von klassizistischen Sälen und den für die Ausstellungen gedachten Neubauten aus viel Aluminium und Glas um einen runden überdachten Innenhof. Trotz Terminnot der norwegischen Königin hätte man sich aber mit der Eröffnung doch noch ein paar Wochen Zeit lassen sollen. Die hoch gelobte Fassade, mit deren Entwurf die Architekten Steinmayer und Mascher den Ausschreibungswettbewerb für sich entscheiden konnten, ist wie ein Kunstwerk von Christo noch vollständig verhüllt. „Wir wollten aus der unendlichen Geschichte endlich eine endliche machen“, sagt Schröder. Er verspricht ab dem Sommer die erwartete baustellenfreie neue Museumsmeile für den anspruchsvollen Kulturtouristen. Über der elf Meter hohen Eingangsplattform, zu der Rolltreppen und ein Glaslift von der Augustinerstraße führen, soll dann auch das von Hans Hollein entworfene futuristische, 64 m lange Titandach montiert werden, das schon jetzt von der österreichischen Presse als neues Wahrzeichen Wiens gefeiert wird.
Um erst gar nicht den Eindruck eines Altmeistermuseums aufkommen zu lassen, beginnt die Albertina gleich mit drei parallel laufenden Ausstellungen. Dem norwegischen Begründer des Expressionismus, Edvard Munch, ist der meiste Platz gewidmet. „Das Auge und der Apparat“ heißt die Ausstellung aus der neu gegründeten Fotosammlung. Die Ausstellung „Robert Longo“ mit den aktuellen „Freud Drawings“ hat die 1938 schon halb verlassene Wohnung des berühmten Schöpfers der Psychoanalyse wenige Stunden vor dessen Vertreibung aus der Berggasse 19 in Wien zum Thema. In dem dichten Zyklus aus großformatigen Graphit- und Kohlezeichnungen wird Verlust, Abschied und Leere spürbar.
Das dreigleisige Ausstellungskonzept wird auch für die Zukunft gelten. Eine Schau nimmt zeitgenössische Tendenzen auf, eine zweite wird aus der Foto- beziehungsweise aus speziellen Teilen der Grafiksammlung zusammengestellt, und die dritte zeigt alte Meisterwerke. Mit 60 000 Zeichnungen und einer Million druckgrafischer Blätter besitzt die Albertina die größte und wertvollste grafische Sammlung weltweit: Raffael, Michelangelo, Goya, Rembrandt, Rubens, Dürer. Werke von unschätzbarem Wert wie zum Beispiel Albrecht Dürers gefaltete Hände hatte Albert Herzog von Sachsen und Teschen mit seiner Frau Marie Christine Ende des 18. Jahrhunderts zusammengetragen. Kurz vor seinem Tod machte er die Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich und verfügte testamentarisch sowohl deren Unverkäuflichkeit als auch den immerwährenden Verbleib im Stadtpalais. Vom Mittelalter bis zur Moderne reichen heutzutage die Bestände der einzigartigen, in späteren Jahren immer wieder ergänzten Sammlung.
Das Konzept der mehrmonatigen Wechselausstellungen ergibt sich aus einem ganz profanen Grund. Die wertvollen Papierzeichnungen sind extrem lichtempfindlich und können daher immer nur kurz ausgestellt werden. Um die ungeheure Fülle der Sammlung überhaupt sachgerecht lagern zu können, mussten die Architekten einen unterirdischen Erweiterungsbau anlegen. So werden viele Kunstwerke unbeachtet von neugierigen Blicken die Zukunft in einem 3 000 Quadratmeter großen Tiefspeicher verbringen müssen. Die drei Eröffnungsausstellungen sind noch bis Mitte Juni zu sehen. Weitere Informationen: www. albertina.de. Roland Motz
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