VARIA

NS-Zeit: Abruptes Ende

Dtsch Arztebl 2003; 100(21): A-1458 / B-1214 / C-1138

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Die Machtübernahme der Nationalsozialisten bedeutete auch für viele Ärzte das berufliche Ende. In Berlin wurden 1933 von den 334 Hochschullehrern der Medizin 139 entlassen. Die meisten emigrierten, viele kamen (gewaltsam) zu Tode. Auch viele Krankenhäuser erlitten einen Aderlass; das Krankenhaus Berlin-Moabit zum Beispiel entließ 56 Prozent seiner Ärzte.
An die Schicksale verfolgter Ärzte in Berlin erinnert eine kleine, ergreifende Ausstellung, die das Robert Koch-Institut (RKI) initiiert hat. Anhand von sieben rekonstruierten Lebenswegen werden dem Besucher Schicksale und Geschichte nahe gebracht. Denn „Geschichte wird an Einzelschicksalen plastisch“, erläutert Dr. Bärbel-Maria Kurth vom RKI und erinnert zugleich an eine verschüttete sozialmedizinische Tradition, die mit den Biografien verbunden ist, nämlich Ansätze von Public Health, praktisch umgesetzt in Beratung und Behandlung von Patienten in Ambulatorien. In Berlin gab es 1924 42 solcher Ambulatorien mit 650 000 Patienten. Mit der Verfolgung sozialistischer und jüdischer Ärzte endete dieser Ansatz abrupt.
Das RKI kam durch Zufall auf dieses kombinierte Thema von Verfolgungen und sozialmedizinischem Modell: Eine Abteilung des Instituts war zeitweise auf dem Gelände der früheren SA-Kaserne Papestraße untergebracht. In den Kellerräumen dieser Kaserne, die heute zu einem Kleingewerbegebiet mutiert ist, wurden 1933 Sozialisten, Kommunisten und Juden, darunter viele Ärzte, eingesperrt, verhört und gefoltert. Dank der Beharrlichkeit einzelner Mitarbeiter des Instituts wurden solche Schicksale rekonstruiert und in einer Ausstellung, zunächst in den RKI-Räumen, öffentlich. Die Ausstellung hat nunmehr eine vorläufige neue Heimat im Gesundheitsamt von Tempelhof/Schöneberg (Rathausstraße 27, 12105 Berlin) gefunden. Zu der Ausstellung gibt es eine aufschlussreiche, wissenschaftlich zuverlässige Broschüre (kostenlos), erhältlich beim RKI, Nordufer 20, 13353 Berlin (zu Händen von Herrn Dr. Thomas Ziese). Norbert Jachertz
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