ArchivDeutsches Ärzteblatt44/1996Fonds-Shops: Beratung bleibt oft auf der Strecke

VARIA: Wirtschaft - Berichte

Fonds-Shops: Beratung bleibt oft auf der Strecke

Jobst, Peter

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LNSLNS Wie Pilze schießen sie derzeit aus dem Boden: Fonds-Shops, Fonds-Boutiquen und Investment-
Center werden in nahezu jeder größeren Stadt gegründet. Rund 100 Anbieter werben heute zwischen Flensburg und Berchtesgaden, manche können bereits auf einen Kundenstamm von mehr als 2 000 Anlegern verweisen. Was steckt hinter der Idee?


Leichtgläubiges Publikum
Ob Autos, Socken oder auch Investment-Anteile – alles läßt sich mit geschickter Werbung verkaufen. Und gerade Deutschland bietet hierzu nahezu ideale Voraussetzungen: Ein kaufkräftiges und oftmals leichtgläubiges Publikum und nicht zuletzt ein überaus liberales Gewerberecht machten es nahezu jedermann möglich, in den Handel einzusteigen. Denn selbst wenn große Vermögenswerte zur Disposition stehen, etwa Immobilien oder Versicherungen, genügen geringste Voraussetzungen wie etwa ein Gewerbeschein oder ein Maklerschein nach Paragraph 34c der Gewerbeordnung. Neben diesem – so Kritiker – "erweiterten Führungszeugnis" werden jedoch keine weiteren Qualifikationsnachweise verlangt. Dies bekommen gerade Geldanleger immer wieder zu spüren: Mit wagemutigen Versprechungen werden sie von unerfahrenen Anbietern in überhöhte Bausparverträge und überteuerte Versicherungspolicen "gedrückt", für das Versprechen von Steuervorteilen nehmen sie die größten Risiken auf sich. Nicht viel anders – so hat es derzeit den Anschein – ist es bei manchen der neuen Fonds-Shops: Junge, unerfahrene Existenzgründer ohne branchenspezifische Ausbildung besorgen sich die Prospekte möglichst vieler Fondsgesellschaften und gehen damit auf Kundenfang. Die Beratung ist nicht selten entsprechend: Anleger werden mit hohen, aber dauerhaft nicht erzielbaren Renditen der Vergangenheit "geködert", an eine ausgewogene Risikomischung wird ebensowenig gedacht wie an mögliche steuerliche Konsequenzen einer Fondsanlage. Nicht umsonst setzt sich die Angebotspalette einiger Boutiquen praktisch ausschließlich aus Auslandsfonds zusammen, deren Vertriebe kaum Augenmerk auf die Qualität ihrer Geschäftspartner legen und die zudem besonders hohe Vermittlungsgebühren zahlen – die sie sich letztendlich über den Ausgabeaufschlag wieder vom Anleger hereinholen. Hingegen verweigern viele deutsche Fondsgesellschaften die Zusammenarbeit mit derartigen Vermittlern aus Prinzip. Dies bedeutet andererseits nicht, daß alle Fonds-Boutiquen gleichermaßen schlecht beraten. Im Gegenteil: Insbesondere die "Großen" der Branche bemühen sich redlich, dem Anleger ein optimales Portefeuille zusammenzustellen. Hierbei kommt ihnen zugute, daß sie unabhängig vom Interesse einzelner Kapitalanlagegesellschaften beraten und so aus der gesamten Palette der verfügbaren Fonds schöpfen können – wobei oftmals auch Selektionen hinsichtlich der erwarteten Renditen getroffen werden. Wie bei jeder Geldanlage entscheidet also letztendlich vorrangig die Seriosität des Anbieters über den Erfolg der Investition – selbst wenn damit noch keineswegs eine Gewähr für den Erfolg des Fonds selbst gegeben ist. Um hier mehr Klarheit zu schaffen, gibt es mittlerweile bereits Verbände: Die "Arbeitsgemeinschaft Deutscher Investmentfonds-Shops" (A.D.I.) und der "Bundesverband Deutscher Investmentberater" (BDVI) wollen sich um größere Seriosität in der Branche kümmern. So verlangt etwa die A.D.I. von ihren Mitgliedern unter anderem den Verzicht auf den gleichzeitigen Vertrieb von Versicherungen und Bausparverträgen, eine kostenfreie Beratung per Computer, ein Mindestalter von 25 Jahren und eine fachspezifische Berufsausbildung sowie ein Büro, das ausschließlich gewerblichen Zwecken dient. Andererseits sehen auch die renommierten Kapitalanlagegesellschaften dem munteren Treiben längst nicht mehr tatenlos zu: Während vor wenigen Jahren die meisten Investmentgesellschaften nur wenige Fonds anbieten konnten und damit ein Ausweichen zur Konkurrenz nahezu provozierten, haben heute alle namhaften Anbieter ihre Angebotspalette spürbar erweitert. Mit mehr als 100 Fonds, die etwa von der SparkassenFondsgesellschaft Deka verwaltet werden, lassen sich jedoch praktisch alle Anlegerwünsche abdecken – und seien sie noch so "exotisch".

Zur Hausbank...
Ein Wechsel zur Konkurrenz oder gar einer – möglicherweise weitgehend unbekannten – ausländischen Investmentgesellschaft ist mithin gar nicht mehr zwingend nötig, bietet doch die Hausbank durchaus vergleichbare Produkte. Und damit sind zwei Pluspunkte verbunden: Einmal kennt der Anleger "seinen" Berater, und er kann auf das entsprechende Fachwissen vertrauen. Zum anderen bleibt das Geld meist bei der Hausbank oder der hauseigenen Investmentgesellschaft, so daß beispielsweise ein Kreditbedarf unkomplizierter gelöst werden kann. Dennoch werden Fonds-Boutiquen in den kommenden Jahren sicherlich weiterhin erfolgreich arbeiten. Jeder Anleger sollte aber in jedem Fall vor einem entsprechenden Geschäftsabschluß prüfen, ob der Anbieter lediglich auf eine "schnelle Provision" abzielt oder tatsächlich mit entsprechenden Erfahrungen solide berät. Auch sollte das Angebot der Hausbank geprüft werden, das längst nicht mehr so "einseitig" ist, wie in manchen Medien dargestellt. Peter Jobst

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