ArchivDeutsches Ärzteblatt44/1996Psychische Unfallfolgen: Verhaltenstraining hilft gegen Ängste

VARIA: Auto und Verkehr

Psychische Unfallfolgen: Verhaltenstraining hilft gegen Ängste

Dtsch Arztebl 1996; 93(44): A-2875 / B-2445 / C-2283

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LNSLNS Während sich die einschlägige Forschung bis vor ein paar Jahren hauptsächlich auf die Auswirkungen von Vergewaltigungen, Kriegserlebnissen und Naturkatastrophen konzentriert hat, beschäftigen sich neuerdings immer mehr Arbeitsgruppen mit den psychischen Folgen von Autounfällen, die bislang häufig unterschätzt wurden.


Viele Menschen sind nach einem Autounfall von psychischen Folgeschäden betroffen. Bei denjenigen, die in einen Unfall verwickelt waren, läßt sich eine über mehrere Wochen oder Monate klinisch relevante Anpassungsstörung diagnostizieren. Für einen Teil der Unfallopfer hat der Autounfall sogar eine so starke traumatische Wirkung, daß sich bei ihnen im weiteren Verlauf eine posttraumatische Belastungsstörung und damit eine schwere psychische Erkrankung entwickeln kann. Wesentliche Symptome dafür sind zum Beispiel häufiges Wiedererleben des Traumas, Vermeidungsverhalten, eine verminderte Reaktivität sowie starke körperliche Beschwerden (Kopfschmerz, Schwindel, Schweißausbrüche). Es kann bis zu sehr schweren Beeinträchtigungen in nahezu allen Lebensbereichen kommen. Emotionale Labilität, Depressionen und Schuldgefühle können hierbei zu selbstschädigendem Verhalten und im Extremfall zum Suizid führen. Die Wahrscheinlichkeit einer posttraumatischen Belastungsreaktion ist je nach Art und Schwere des Traumas unterschiedlich hoch. So ist bei einigen Personen lediglich ein intensives Leid zu beobachten, wenn sie einen Unfall sehen, andere sind beim Fahren sehr reizbar und können sich kaum konzentrieren. Auch Schlafstörungen konnten beobachtet werden. Das Marburger Institut der Christoph-Dornier-Stiftung für Klinische Psychologie entwickelt in Zusammenarbeit mit der Sisyphus Verkehrs- und Sicherheitstechnik-Vertriebs GmbH Köln ein Verhaltenstraining für solche Unfallopfer. Dieses Training richtet sich an Personen, die nach einem Autounfall unter solchen psychischen Folgeschäden leiden. Ziel des Programms ist es, im Rahmen eines Gruppentrainings bereits bestehende Beschwerden und Beeinträchtigungen zu reduzieren sowie die Entstehung weiterer Symptome zu verhindern.

Wieder mehr Selbstvertrauen
Das Training ist stark verhaltensorientiert und setzt sich aus verschiedenen Bausteinen zusammen. Grundsätzlich werden dabei folgende Kernziele unterschieden: l Verringerung ängstlicher und depressiver Symptome, l Abbau von Vermeidungsverhalten, l Verarbeitung der belastenden Erfahrungen im direkten Zusammenhang mit dem Unfallgeschehen,
l Vermittlung von Selbsthilfestrategien und die Erhöhung der eigenen Kompetenzerwartung sowie des Selbstvertrauens im Straßenverkehr. Dabei werden neben gezielten psychologischen Maßnahmen auch Fahrübungen durchgeführt. Diese werden ausführlich vorbereitet, begleitet und nachbesprochen. Es schließt sich eine weitere Übung an dem von Sisyphus entwickelten Rettungssimulator an. Ein solcher Kurs dauert drei Tage. Die Teilnehmerzahl ist auf zehn Personen begrenzt. Das Gruppenprogramm ist hingegen nicht unterschiedslos für jedermann geeignet. Bei akuten Belastungsstörungen mit hohem Schweregrad sowie anderen schweren psychiatrischen Erkrankungen empfiehlt sich eine Einzelbehandlung. Weitere Informationen sind bei der Christoph-Dornier-Stiftung, Ernst-Giller-Straße 20, 35039 Marburg, erhältlich. MS

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