ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2003106. Deutscher Ärztetag: Schritt für Schritt

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106. Deutscher Ärztetag: Schritt für Schritt

Dtsch Arztebl 2003; 100(22): A-1469 / B-1221 / C-1145

Jachertz, Norbert

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Die Kölner Periode der Ärzteschaft neigt sich nach fünfzig Jahren dem Ende zu – sangund klanglos. Im nächsten Jahr beginnt die Berliner Zeit. Das Bild malte Jürgen Sieger mit der linken Hand, nachdem er rechtsseitig durch einen Schlaganfall gelähmt war.
Die Kölner Periode der Ärzteschaft neigt sich nach fünfzig Jahren dem Ende zu – sangund klanglos. Im nächsten Jahr beginnt die Berliner Zeit. Das Bild malte Jürgen Sieger mit der linken Hand, nachdem er rechtsseitig durch einen Schlaganfall gelähmt war.
Mit einem bewährten Team geht die Ärzteschaft in die Auseinandersetzungen um weitere Reformen des Gesundheitswesens. Der Deutsche Ärztetag bestätigte bei den Wahlen zum Vorstand der Bundes­ärzte­kammer die bisherige Spitze. Professor Jörg-Dietrich Hoppe, dem Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer und des Deutschen Ärztetages, wurde mit sehr großer Mehrheit das Vertrauen ausgesprochen.
Offensichtlich stimmt der Ärztetag mit dem von Hoppe vertretenen Kurs der Bundes­ärzte­kammer und der Art, wie er in Berlin und andernorts Politik macht und die Interessen von Ärzten und Patienten vertritt, überein. Hoppe setzt nach wie vor auf Dialog mit der Bundesregierung, Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt und den Fraktionen im Bundestag. Was nicht heißt, dass er die von Schmidt mit dem Gesundheitssystemmodernisierungsgesetz eingeschlagene Linie auch nur ansatzweise billigt. Der Ärztetag und mit ihm sein Präsident beklagen insbesondere die den Gesetzentwurf durchziehende „Misstrauenskultur“, aus der sich vielfältige, gegen die Ärzte gerichtete Kontrollmechanismen herleiten. Namentlich Hoppe wendet sich zudem gegen die verbreitete Heuchelei, mit den anstehenden Reformen im Gesundheitswesen werde ärztliche Leistung nicht rationiert, sondern lediglich deren Qualität kontrolliert. Insgesamt wirkt sich die Gesundheitsreform, folgt man Hoppe, rationierend aus, auch wenn man das an einzelnen Bestimmungen nicht immer festmachen kann.
Das ist ja überhaupt das Tückische an der von Schmidt und ihrem Ministerium ausgearbeiteten Vorlage, dass der grundlegende Strukturwandel des Gesundheitswesens nur erkannt wird, wenn man die einzelnen Teile des Gesetzentwurfes zusammen sieht. Beseitigung der ambulanten Facharztstrukturen, Öffnung der Krankenhäuser für ambulante Behandlung, flächendeckende Einrichtung von Gesundheitszentren, Ausweitung der Vertragsmacht der Krankenkassen und eben jene Kontrollen von Ärzten, verbunden mit scharfen Sanktionen gegen die Unbotmäßigen, das alles zusammengenommen macht die Reform so folgenreich. Mag sein, dass Ministerin Schmidt das so nicht sieht, weil sie eher einzelne Teile vor Augen hat. Jedenfalls hat sie sich bei Hoppe noch während des Ärztetages darüber beschwert, dass er ihr so ungeniert die Absicht zur Rationierung vorgeworfen hat.
So tief greifend die von Berlin geplanten Reformschritte sind, die Reformen, die die Ärzteschaft selbst in Händen hat oder beeinflusst und die auf diesem 106. Deutschen Ärztetag eine Rolle spielten, sind eher maßvoll – aber stellenweise auch „nicht ohne“.
So wird die Zusammenlegung der Weiterbildungen von Allgemeinärzten und (allgemeinen) Internisten zu einer hausärztlichen Weiterbildung mit Sicherheit noch für Stimmung sorgen. Das tut das Projekt schon seit Jahren, und auch auf diesem Ärztetag brachen die Gegensätze zwischen Allgemeinärzten und Internisten erneut auf. Der Ärztetag hat sich dann mit einem deutlichen Votum zugunsten der Verschmelzung über alle Bedenken hinweggesetzt.
Weitere innerärztliche Reformen, die auf diesem Ärztetag eingeleitet wurden, betreffen die ärztliche Fortbildung. Der Deutsche Ärztetag hat Kriterien für die Vergabe von Fortbildungspunkten und für eine freiwillige Zertifizierung verabschiedet. Schließlich ging es beim Ärztetag in Köln auch um das industrielle Sponsoring und die heikle Frage, wie der Arzt auch bei finanzieller Förderung seine Unabhängigkeit bewahren kann. Über diese innerärztlichen Reformschritte wird in diesem Heft berichtet.
Mit dem 106. Deutschen Ärztetag, der im Kölner Gürzenich stattfand, beschließt der Deutsche Ärztetag seine Kölner Periode. Im nächsten Jahr zieht die Bundes­ärzte­kammer nach Berlin, auch die Deutschen Ärztetage werden künftig häufiger in Berlin tagen. Köln war seit rund 50 Jahren Synonym auch für ärztliche Berufspolitik. Daran wurde bei diesem letzten Ärztetag in Köln von Hoppe eher beiläufig erinnert. Die Delegierten waren gedanklich schon weiter: im nächsten Jahr in Bremen, im übernächsten Jahr in Berlin. Sic transit gloria.
Für nostalgische Gedanken bleibt keine Zeit. Norbert Jachertz
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