ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2003Top II - Novellierung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung: Operation gelungen

POLITIK: Deutscher Ärztetag

Top II - Novellierung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung: Operation gelungen

Dtsch Arztebl 2003; 100(22): A-1478 / B-1230 / C-1154

Korzilius, Heike

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Stehende Ovationen für H. Hellmut Koch (unten) und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Seit 1998 beschäftigt die Novellierung der Weiter­bildungs­ordnung Deutsche Ärztetage, jetzt ist sie beschlossene Sache.
Stehende Ovationen für H. Hellmut Koch (unten) und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Seit 1998 beschäftigt die Novellierung der Weiter­bildungs­ordnung Deutsche Ärztetage, jetzt ist sie beschlossene Sache.
Der Ärztetag hat eine neue Weiter­bildungs­ordnung beschlossen. Sie schafft unter anderem eine einheitliche Hausarzt-Qualifikation; sie war bis zuletzt umstritten.

Am Ende war der Streit im Vorfeld vergessen. Stehende Ovationen konnten der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien, Dr. med. H. Hellmut Koch, und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Weiterbildungsdezernat der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) entgegennehmen. Nach jahrelangen Vorarbeiten und Diskussionen war die Novelle der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung unter Dach und Fach. Vorausgegangen war ein eineinhalbtägiger Beratungs- und Abstimmungsmarathon, aus dem die 181-seitige Beschlussvorlage des BÄK-Vorstandes nur wenig verändert hervorging.
Drei Qualifikationsarten
Die jetzt erfolgreich abgeschlossene Weiterbildungsreform begleitet die Deutschen Ärztetage seit 1998. Damals hatte der 101. Deutsche Ärztetag in Köln die Bundes­ärzte­kammer beauftragt, die Weiter­bildungs­ordnung grundlegend zu überarbeiten. Anspruch und Ziel der jetzt vorgelegten Novelle fasste Koch vor den 250 Delegierten des 106. Deutschen Ärztetages noch einmal zusammen: Die ärztliche Weiterbildung wird dereguliert und an den aktuellen Stand der medizinischen Entwicklung angepasst. Sie schafft eine bundeseinheitliche Bildungsordnung mit transparenten Strukturen und klar definierten Begriffen, die die Qualität der Weiterbildung sichert und ein hohes Maß an Flexibilität zwischen ambulantem und stationärem Sektor ermöglicht. Wesentliches Anliegen der Reform ist die Abgrenzung von „Gebietsdefinition“ und „Facharztkompetenz“. Das heißt, die Gebietsgrenzen ergeben sich nicht mehr wie bisher aus der Summe der im Gebiet aufgeführten Inhalte. Die Weiterbildung beschränkt sich auf die Kernelemente des Gebiets, die während der Mindestweiterbildungszeit erlernt w
Der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien fasste Anspruch und Ziel der Novelle noch einmal zusammen.
Der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien fasste Anspruch und Ziel der Novelle noch einmal zusammen.
erden müssen. Ausüben darf der Arzt nur das, was er erlernt hat. Seine Zulassung gilt mithin nicht für das Gebiet, sondern für die Facharztkompetenz. Dieses Konzept schließt ein, dass die Gebietsgrenzen durch keine der Qualifikationsarten erweitert werden. Damit sollen auch Konflikte zwischen Berufs- und Sozialrecht künftig so weit wie möglich vermieden werden.
Die neue (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung gliedert sich in drei Abschnitte: Abschnitt A, der so genannte Paragraphenteil, enthält die allgemeinen rechtlichen Bestimmungen. Danach können Ärzte in der Weiterbildung künftig Facharzt- und Schwerpunktbezeichnungen sowie Zusatzweiterbildungen erwerben. Damit reduziert die Novelle die Qualifikationsarten von bisher fünf auf drei. Sie werden jeweils mit einer Prüfung vor der Ärztekammer abgeschlossen und sind führungsfähig. Geregelt ist außerdem, dass die Weiterbildung zum Facharzt und in Schwerpunkten grundsätzlich ganztägig und in hauptberuflicher Stellung stattfinden muss. Dies gilt auch für Zusatzweiterbildungen, soweit im Einzelnen nichts anderes vorgesehen ist. Eine Weiterbildung in Teilzeit ist anzurechnen, wenn sie mindestens die Hälfte der regelmäßigen Arbeitszeit beträgt. Diese Bestimmung ging zahlreichen weiblichen Delegierten zu weit. Sie sei zu starr und inflexibel, lautete die Kritik. Koch zufolge mussten sich die Weiterbildungsgremien mit dieser Vorschrift jedoch an europarechtliche Vorgaben anpassen. Als echten Fortschritt im Sinne der Qualitätssicherung wertete Koch die ebenfalls in Abschnitt A enthaltene Vorschrift, die Weiterbildung zu dokumentieren und regelmäßige Gespräche über den Weiterbildungsstand und -verlauf zu führen. Außerdem konkretisiert Abschnitt A die Übergangsbestimmungen.
Abschnitt B beschreibt die einzelnen Gebiete und ihre Bezeichnungen sowie die strukturellen und inhaltlichen Voraussetzungen zum Erwerb von Facharzt- und Schwerpunktbezeichnungen. Abschnitt C regelt den Erwerb von Zusatzweiterbildungen. Beiden Abschnitten vorangestellt sind Begriffserläuterungen und Allgemeine Bestimmungen, die für alle Weiterbildungsgänge geltende Inhalte auflisten. Die Novelle enthält
Max Kaplan warb für das neue Hausarzt-Modell.
Max Kaplan warb für das neue Hausarzt-Modell.
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allerdings noch keine detaillierten Anforderungen an die ärztliche Weiterbildung („Spiegelstriche“). „Diese werden durch Verwaltungsrichtlinien konkretisiert, über die die Weiterbildungsgremien und der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer beraten“, erläuterte Koch.
Neu ist der common trunk
Neu ist die Einführung einer gemeinsamen Basisweiterbildung („common trunk“) in den Gebieten Chirurgie, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Pathologie und Pharmakologie. „Diskutiert wurde ein common trunk auch für die beiden Gebiete Psychiatrie und Psychotherapie sowie Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“, sagte Koch. Hier habe man allerdings keine Einigung erzielen können. Aufbauend auf der gemeinsamen Basisweiterbildung, berechtigen die jeweiligen Spezialisierungen innerhalb des Gebietes nach Abschluss der Weiterbildung zum Führen eines Facharzttitels.
Während sich die Änderungswünsche der Delegierten bei der Struktur der Weiter­bildungs­ordnung und den Inhalten des überwiegenden Teils der Fachgebiete auf Details beschränkten, ging es bei der vorgesehenen Verschmelzung der Fächer Innere und Allgemeinmedizin zur Sache. Der entsprechende Beschluss des 105. Deutschen Ärztetages im letzten Jahr in Rostock wurde noch einmal grundsätzlich infrage gestellt. Er sieht künftig einen in fünf Jahren weitergebildeten Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin (Hausarzt) und einen in sechs Jahren weitergebildeten Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunktbezeichnung vor. Nach der Novelle müssen die künftigen Hausärzte drei Jahre Weiterbildung in der Inneren Medizin im Krankenhaus absolvieren, wovon zwölf Monate in Gebieten der unmittelbaren Patientenversorgung angerechnet werden können. Weitere zwei Jahre dienen der Weiterbildung in der hausärztlichen Praxis inklusive Chirurgie und verpflichtendem Weiterbildungskurs in Psychosomatik. Im Rahmen der Weiterbildung zum Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunktbezeichnung soll ergänzend zur allgemein-internistischen Weiterbildung eine dreijährige Spezialisierung im Sc
Bekenntnis zu den Rostocker Beschlüssen: Wolfgang Hoppenthaller
Bekenntnis zu den Rostocker Beschlüssen: Wolfgang Hoppenthaller
hwerpunkt erfolgen.
Ziel war es, mit dieser zweigliedrigen Struktur das Nebeneinander von Allgemeinärzten, hausärztlichen Internisten und Schwerpunktinternisten abzulösen, um den jahrelangen innerärztlichen Streit um den „besseren Hausarzt“ beizulegen. Bereits im Vorfeld des diesjährigen Ärztetages hatte es heftige Auseinandersetzungen um das BÄK-Konzept gegeben. Gegen das Hausarzt-Modell hatten sich zuletzt neben dem Berufsverband Deutscher Internisten die Deutsche Krankenhausgesellschaft, die Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlicher Medizinischer Fachgesellschaften, die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin und die Gesellschaften der internistischen Schwerpunktfächer ausgesprochen (siehe DÄ, Heft 19/2003). Sie kritisierten in erster Linie, dass das neue Konzept das Fach Innere Medizin in seine Schwerpunkte zerlege und den Allgemein-Internisten faktisch abschaffe. Mehrere Stunden lang debattierten auch die Delegierten des Ärztetages über die konträren Positionen.
Für das neue Hausarzt-Modell warb Dr. med. Max Kaplan, Bayern. Die Reform sei praxisnah, flexibel und eröffne zahlreiche Gestaltungsmöglichkeiten. Sie vermittle Inhalte, die sowohl zum „Hausarzt auf dem Lande“ als auch zur Tätigkeit im Krankenhaus qualifizierten. „Mit dem neuen Modell wird die Innere Medizin nicht abgeschafft“, wies Kaplan ein Argument der Internisten zurück. Auch in der Schwerpunktweiterbildung würden allgemein-internistische Inhalte vermittelt. Seiner Ansicht nach besticht das Modell dadurch, dass es den Wettbewerb im fachärztlichen Bereich beendet und die Versorgung klar strukturiert. Außerdem werde durch eine attraktive Weiterbildung der ärztliche Nachwuchs gesichert.
Kritiker dominierten Debatte
Fürchtet die Zersplitterung der Inneren Medizin: Ludger Beyerle
Fürchtet die Zersplitterung der Inneren Medizin: Ludger Beyerle
„Der Internist ohne Schwerpunkt, der Generalist, entfällt“, widersprach Dr. med. Ludger Beyerle, Nordrhein. Er verwies darauf, dass der Ärztetag in Rostock neben der Verschmelzung der Fächer auch den Erhalt der Inneren Medizin gefordert hatte. „Das vermissen wir in dieser Vorlage“, kritisierte er. Ein Schwerpunktinternist könne nicht die Arbeit des bisherigen Generalisten leisten, der in der ganzen Breite des Faches arbeiten konnte. „Mit dem BÄK-Modell bricht den kleinen Kliniken der Mittelbau weg. Es bildet nicht die stationäre Versorgungsrealität ab“, kritisierte Beyerle. Als Beleg ließ er Zahlen sprechen: Von den 16 254 im Krankenhaus tätigen Internisten hätten derzeit 10 651 (65,5 Prozent) keine Schwerpunktbezeichnung.
In der Debatte dominierten die Kritiker des Verschmelzungsmodells, die alle ähnlich argumentierten. „Der Internist ist aus dem Krankenhaus nicht wegzudenken. Wenn es den Generalisten nicht gäbe, müssten wir ihn erfinden“, betonte Dr. med. Hanno Scherf, Hamburg, und begründete dies ebenfalls mit der Versorgungssituation und der Arbeitsteilung in den Kliniken. „Setzt das BÄK-Modell sich durch, fehlen an den Krankenhäusern Ärzte für die Versorgung multimorbider Patienten. Der Deutsche Ärztetag schielt nur auf den niedergelassenen Bereich“, warf er dem Plenum vor. Die Ärztekammer Niedersachsen wartete gar mit einem Alternativkonzept auf, das im Wesentlichen den Status quo widerspiegelte. „Der Facharzt für Innere Medizin soll erhalten bleiben“, begründete Dr. med. Reinhard Simon, Niedersachsen, den Vorstoß. „Die Schwerpunktweiterbildung soll weiterhin auf dem Internisten aufpfropfen.“ Dem hielt der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien, Koch, entgegen, dass im Schwerpunkt selbstverständlich auch allgemein-internistische Inhalte abgeprüft würden. Es sei auch zukünftig nicht daran gedacht, die Tätigkeit eines Internisten mit Schwerpunkt nur auf seine Subspezialität zu beschränken. Auch der Kardiologe der Zukunft solle immer noch Internist sein und bleiben.
BÄK-Weiterbildungsdezernentin Annette Güntert und H. Hellmut Koch hatten eine Flut von Anträgen zu bewältigen.
BÄK-Weiterbildungsdezernentin Annette Güntert und H. Hellmut Koch hatten eine Flut von Anträgen zu bewältigen.
Kaum bestritten wurde, dass das BÄK-Modell die hausärztliche Versorgung verbessern kann. „Zurzeit befindet sich die hausärztliche Medizin in der Krise“, sagte Dr. med. Jörg Zimmermann, Niedersachsen. „Dieses Problem lösen wir aber nicht, indem wir es in die Kliniken verlagern.“ Kaplan ließ die Argumente für den „Generalisten“ nicht gelten: „Auch in kleinen Krankenhäusern muss der Chefarzt einen Schwerpunkt haben. Darüber hinaus hat er mindestens zwei Oberärzte mit jeweils anderen Schwerpunkten.“ Außerdem führe die Einführung der Fallpauschalen vermutlich ohnehin dazu, dass die kleinen Häuser mit 200 Betten verschwänden. In dieselbe Kerbe hieb Dr. med. Wolfgang Hoppenthaller, Bayern: „Seit Jahren wird kein Chef- oder Oberarzt mehr eingestellt, der keine Schwerpunktbezeichnung hat“, versuchte er die Argumente der Internisten zu entkräften. „Seit zehn Jahren kämpfen wir für eine strukturierte hausärztliche Versorgung. Das Ziel haben wir in Rostock erreicht. Mit einer Rücknahme bekommen wir wieder den ,Hausarzt zu Fuß und zu Pferde‘.“
Diese Ansicht teilte offenbar auch die schweigende Mehrheit der Delegierten. Mit 138 zu 100 Stimmen bekannten sie sich zu den Rostocker Beschlüssen – dort hatte das Stimmenverhältnis allerdings noch 182 zu 46 betragen – und ebneten damit den Weg, dass die Novelle der (Muster-) Weiter­bildungs­ordnung als Gesamtpaket verabschiedet werden konnte. Jetzt wird der Beschluss den Lan­des­ärz­te­kam­mern zugeleitet, die ihn beraten und umsetzen müssen. Das letzte Wort haben dann die Ge­sund­heits­mi­nis­terien der Länder, die die neuen Regelungen in ihre Heilberufsgesetze aufnehmen
müssen. Heike Korzilius

Die Novelle der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung kann im Internet unter www.aerzteblatt.de/plus2203 abgerufen werden.

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