ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2003Dankesworte eines Paracelsus-Medaillen-Trägers: Die Zauberberg-Klinik im Jahr 2003

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Dankesworte eines Paracelsus-Medaillen-Trägers: Die Zauberberg-Klinik im Jahr 2003

Dtsch Arztebl 2003; 100(22): A-1549 / B-1285 / C-1206

Klinkhammer, Gisela

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Mit seiner witzigen Rede, die Mehnert (kleines Bild) auch im Namen von Buck-Gramcko und Hege hielt, sorgte er für Heiterkeit bei der Eröffnung des Deutschen Ärztetages. Fotos: Bernhard Eifrig
Mit seiner witzigen Rede, die Mehnert (kleines Bild) auch im Namen von Buck-Gramcko und Hege hielt, sorgte er für Heiterkeit bei der Eröffnung des Deutschen Ärztetages. Fotos: Bernhard Eifrig
Ein futuristischer Ausblick von Thomas Mann aus dem Jahr 1930
Die Deutschen seien ja ein Volk von Dichtern und Denkern, „zumindest sind wir das in früheren Jahrhunderten gewesen“, sagte Prof. Dr. med. Hellmut Mehnert anlässlich der Verleihung der Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft bei der Eröffnung des 106. Deutschen Ärztetages in Köln. So gebe es genügend Möglichkeiten, aus dem Fundus großer Vorfahren zu schöpfen, wenn es darum gehe, eine Preisverleihung zu kommentieren. Mehnert entschied sich gemeinsam mit
den beiden weiteren Preisträgern Dr. med. Horst Buck-Gramcko und Dr. med. Hans Hege für Anleihen bei Goethe, Schiller und Thomas Mann.
Letzterer kam mit einem Bericht über die Situation des Krankenhauses im Jahr 2003 zu Wort: „Versetzen wir uns also in das Jahr 2003 in die ,Zauberberg-Klinik‘ in einer deutschen Kleinstadt und verfolgen wir mit Aufmerksamkeit das Schicksal eines Patienten, den wir nicht ohne Absicht in latinisierter Form Germanicus Medicus nennen wollen, was, wie der geneigte Leser weiß, übersetzt ,der deutsche Arzt‘ bedeutet.“ Und in der Tat sei der Patient auch wirklich Arzt gewesen, der sich nur ungern zu einer Durchuntersuchung im 250-Betten-Haus seiner Heimatstadt entschlossen hätte. Medicus litt, so Mehnert alias Thomas Mann, „an einer unklaren Anämie sowie an Depressionen, Krankheitserscheinungen, die abzuklären nun die Aufgabe des Chefarztes mit dem klangvollen Doppelnamen Dr. Hoppe-Weißmantel und seiner Kollegen geworden war“.
In der Klinik, in der Medicus ein Einzelzimmer ohne Nasszelle bezogen hatte, war eine neue Hierarchie etabliert, die von Mann (Mehnert) beschrieben wird: „Wichtigste Personen waren nicht mehr im ärztlichen und pflegerischen Bereich zu suchen – selbst die Meinung des angesehenen Chefarztes Dr. Hoppe-Weißmantel galt wenig –, alle wesentlichen Entscheidungen wurden vielmehr von der Verwaltung getroffen, genauer gesagt von der Verwaltungsdirektorin Frau Ulla Schnitt, die von dem gefürchteten Vorsitzenden des Klinikkonzerns Spree AG, einem gewissen Gerhard Schredder – nomen est omen? – für ihre verantwortungsvolle Tätigkeit gewonnen worden war. Schredder und Schnitt hatten schon früh zur Unterstützung ihrer Arbeit eine Kommission berufen, die wegen ihrer zähflüssigen Beratungen im Volksmund ,Syrup-Kommission‘ genannt wurde und die nur ab und zu durch die Eskapaden eines intellektuellen Fliegenträgers, eines gewissen Professor Lauterkrach, aufgemischt worden war. Frau Schnitt – eine belesene und gebildete Dame – hatte im Übrigen bei ihrem Dienstantritt in allen Arztzimmern ein Rundschreiben anheften und darin extreme Sparmaßnahmen verkünden lassen, ein Schreiben, das in dem etwas modifizierten Zweizeiler aus Goethes ,Erlkönig‘ gipfelte: ,Und bist du nicht billig, so brauch ich Gewalt‘.“
Germanicus Medicus hätte sich bei all diesen Vorkommnissen, die seinem Heilungsprozess nicht dienlich waren, der Kopf gedreht. „Und wie sollte er erst die zahlreichen neudeutschen Abkürzungen einstufen, die die Sprache der Mediziner und vor allem der Verwaltung immer unverständlicher machten. Im Krankenhaus wurde viel von den DRGs gesprochen, die als Fallpauschalen bundesweit eingeführt werden sollten. DRG bedeutete wohl ,Das reicht ganz und gar‘, meinte Dr. Hoppe-Weißmantel süffisant, und Germanicus Medicus wurde erinnert an die für die Praxis relevante neue Abkürzung DMP, die von seinen Kollegen entweder als Kürzel für ,Diese Masse Papier‘ oder ,Die maximale Panne‘ oder gar als ,Deutschland macht Pleite‘ angesehen wurde, was allerdings selbst von dem kritischen Medicus als arge Übertreibung empfunden wurde.“
Der Patient habe nicht an Gewicht zunehmen wollen. Und auch bei der Versorgung mit Medikamenten habe es Probleme gegeben: „Die Verwaltungsdirektorin hatte im Krankenhaus eine so genannte Positivliste mit Billigpräparaten eingeführt, die bei den Schulmedizinern auf Verwunderung, ja auf Belustigung stieß. Schleimhaut des Schweineauges und jugendliche Rinderhoden mochten die Patienten ebenso wenig gern zu sich nehmen wie Blutegelextrakte, selbst nicht in hochgradigen Verdünnungen, die immerhin eine gewisse Sicherheit gaben. Denn wie sagte schon der große Paracelsus: Die Dosis macht das Gift.“
Schließlich habe Germanicus Medicus aber doch an Gewicht zugenommen und hätte kaum noch Anzeichen einer Anämie gezeigt. Der Grund für diese Verbesserung der Zustände sei gewesen, dass Ulla Schnitt selbst Patientin in der Zauberberg-Klinik geworden sei. Dort habe sie die Nachteile der Sparmaßnahmen kennen gelernt, und sie sei einsichtig genug gewesen, nun doch vieles im Sinne von Dr. Hoppe-Weißmantel und seiner Kollegen zu ändern. Gisela Klinkhammer

Die Laudationes auf die Paracelsus-Medaillen-Träger und die Berichterstattung über die Eröffnungsveranstaltung des 106. Deutschen Ärztetages sind nachzulesen im Deutschen Ärzteblatt, Heft 21/2003. Die Rede von Prof. Dr. med. Hellmut Mehnert im Wortlaut – einschließlich des „Bekenntnisses dreier Ärzte, frei nach Faust“ und der „Ordensverleihung“ nach Friedrich von Schiller – sind abrufbar im Internet unter www.aerzteblatt.de./plus2203.
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