ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2003Marc Chagall und René Magritte: Zwischen Déjà-vu-Erlebnis und Neuentdeckung

VARIA: Feuilleton

Marc Chagall und René Magritte: Zwischen Déjà-vu-Erlebnis und Neuentdeckung

Dtsch Arztebl 2003; 100(22): A-1548

Lange, Joachim

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Marc Chagall, Doppelporträt mit Weinglas, 1917–1918 Fotos:VG Bild-Kunst, Bonn
Marc Chagall, Doppelporträt mit Weinglas, 1917–1918 Fotos:VG Bild-Kunst, Bonn
Kein Paris-Besucher sollte sich die Ausstellungen der Künstler entgehen lassen.
Man kennt sie: die Bilder von Marc Chagall (1887–1985) und von René Magritte (1898–1967) – kaum eine große Sammlung, die nicht „ihren“ Chagall oder „ihren“ Magritte vorweisen kann. Der weißrussische Jude aus Vitebsk, der schon 1910 das erste Mal nach Paris ging, 1941 nach Amerika emigrierte und sich nach dem Krieg
in Südfrankreich niederließ, und der belgische Surrealist sind Ikonen der Moderne des 20. Jahrhunderts geworden. Ihre Motive sind in die allgegenwärtige Popularität der Plakate aufgestiegen.
Chagalls einschmeichelnd liebevoller Umgang mit den Erinnerungen an das jüdische Milieu und seine Heimat, die poetischen Lufteskapaden mit seiner Bella oder die biblischen Geschichten sind im Grand Palais, auf halber Höhe zwischen dem Louvre und dem Arc de Triomphe, unter dem Titel „Marc Chagall – connu et inconnu“ zu sehen. So viel Farbenpracht und Fantasiewirbel, so viel großflächig berauschende Szenerie und so viel kleinformatige zarte Poesie sind dort versammelt, sodass selbst der Chagall-Liebhaber überrascht sein dürfte. Nicht so umfangreich, doch mit immerhin auch 160 zumeist von privaten Sammlern zur Verfügung gestellten Werken nicht minder beeindruckend, bietet das kleine Museum Jeu de Paume eine Auswahl der Werke von René Magritte. Durch die zwei Etagen schiebt sich dort das Publikum an Magrittes verblüffenden Blickstörungen vorbei. An jenen Männern, denen ein Apfel vor dem Gesicht unter dem steifen Hut schwebt, oder denen, die in Massen in eine kleinbürgerliche Wohngegend zu regnen scheinen („Golconde“,
René Magritte, Der Menschensohn, 1964
René Magritte, Der Menschensohn, 1964
1953). Oder es amüsiert sich über Schuhe, die an den Fußspitzen in Zehen übergehen. Es ist verblüfft über die Tag- und Nachtverwirrungen und die „falschen“ Größenverhältnisse. Manche sehen wie Bühnenbilder aus, sind selbst schon eine raffiniert doppelbödige Inszenierung (an manchen jedenfalls scheint sich sogar die Videoclip-Ästhetik geschult zu haben). Auf seinem 1936 entstandenen „La Clairvoyance“ (Hellsehen) sieht man, wie der Maler selbst vor einer Staffelei sitzt, neben sich das „Modell“ – ein Ei. Auf der Leinwand aber flattert bereits der Vogel, der aus dem Ei werden könnte. Der ungewöhnliche Blick und der nobel-akribische Pinselstrich gehen bei Magritte stets zusammen. Seine Ausflüge in den Impressionismus (wie sein Le „Premier Jour“, Der erste Tag, im Stil von Renoir, bei dem eine kleine Ballerina auf dem Schoß eines Geigers tanzt) werden zur biografischen Fußnote, wenn man die Entstehungsjahre (in dem Fall 1943) liest.
Beide Ausstellungen sind dem Streit über den Rang der Künstler längst entrückt, denn diese haben ihre Spuren in der Kunstgeschichte hinterlassen und – wie die Besucherströme zeigen – auch in den Herzen der Menschen. Kein Parisbesucher dieses Frühjahrs sollte sich diese beiden Ausstellungen entgehen lassen. Dr. Joachim Lange

René Magritte, Golconde, 1953
René Magritte, Golconde, 1953
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Die Ausstellung „Marc Chagall – connu et inconnu“ ist bis zum
23. Juni im Grand Palais, Paris, zu sehen; die Ausstellung läuft vom 26. Juli bis 24. November im Museum of Modern Art in San Francisco (Katalog: 35 Euro).
Die Ausstellung „René Magritte“ ist bis zum 9. Juni in der Galerie nationale du Jeu de
Paume zu sehen (den Katalog zur Ausstellung gibt es auch auf Deutsch. Preis: 35 Euro).

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