ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2003Sexualstraftäter: Gefahr eines Verdeckungsmordes

BRIEFE

Sexualstraftäter: Gefahr eines Verdeckungsmordes

Dtsch Arztebl 2003; 100(22): A-1538 / B-1280 / C-1202

Schmitt-Homann, Lothar

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LNSLNS Seit einigen Jahren arbeite ich im Hochsicherheitstrakt einer Maßregelvollzugsklinik, die mit ca. 350 Patienten wahrscheinlich schon jetzt größer ist als die in Eickelborn, es ansonsten in sehr naher Zukunft sein wird. Wenn 90 % der Sexualstraftäter in den JVA sind, kommt auch heute nur ein geringer Teil der Sexualstraftäter in den Maßregelvollzug, nämlich dann, wenn bei zunehmender und weit verbreiteter Therapiegläubigkeit Täter, Anwalt, Medien, Öffentlichkeit und/oder Richter meinen, dass hier noch therapeutisch was zu machen sei oder bei besonders abstoßenden Taten doch noch zu machen sein muss. Therapie von sadistischen und gewaltbereiten Sexualstraftätern ist aber das ganz langsame Überwinden von erheblichen Widerständen in ganz kleinen Schritten, weil das bisherige Verhalten dem Täter in Fantasie und Tat Spaß gemacht hat und oft noch macht. Verbale Therapiebereitschaft und/ oder die Behauptung, geheilt zu sein, muss lange und tief auf Wahrhaftigkeit geprüft werden. Es kostet Zeit und bringt Sicherheit für die Öffentlichkeit, wenn man da jetzt genauer hinguckt. Selbstverständlich ist jede Gesetzesverschärfung bei Sexualstraftätern – längere Strafen, leichtere Anordnung von Sicherungsverwahrung nach der Strafe – Opferschutz. Es sollte aber nicht übersehen werden, dass jede Strafverschärfung auch die Gefahr eines Verdeckungsmordes erhöht.
Allerdings befinden sich im Maßregelvollzug auch die eigentlich dafür nicht vorgesehenen „Hühner- und Eierdiebe“, z. B. wegen Hausfriedensbruch, Raub, Einbruchdiebstahl, Kfz-Diebstahl, (Scheck-) Betrug, Verstoß gegen das Tierschutzgesetz – hier keine Sexualstraftat! –, Fahren ohne Führerschein oder sogar Fahrfehler im Straßenverkehr usw. Diese Patienten sind schwierig zu entlassen, weil sie eine Psychose haben, alt sind und weil es kaum Auffang-Institutionen gibt, die diese zugegeben oft lästigen Patienten bei fixem Tagessatz aufnehmen wollen. Vor die Wahl gestellt, nehmen (Pflege-)Heime lieber einen einfachen Patienten, der nicht so viel Arbeit macht. Es fehlen deshalb in Deutschland Nachsorge-Einrichtungen für geriatrische Forensik-Patienten und für einen langsamen, geduldigen und abgestuften Übergang.
Eine traurige Zunahme erfahren in der letzten Zeit die Patienten mit den Doppeldiagnosen Psychose und Drogenmissbrauch, ganz junge Menschen, die fast alle sozialen und persönlichen Kompetenzen verloren haben und fast nichts mehr selbst oder für sich selbst können, die weitere 60 Jahre Pflege- und Betreuungsfälle bleiben werden, wenn sie sich nicht in kurzen Augenblicken der Freiheit, die ja mal irgendwann kommen muss, bezüglich Leib und Leben selbst gefährden. Das sind Menschen, die ansonsten zum Eigenschutz postforensisch in Pflegeheimen dauerbeaufsichtigt und festgehalten werden müssten, was es nicht gibt. Man sieht also, die Maßregelvollzugskliniken können einfach nicht leerer werden.
Dr. med. Dr. jur. Lothar Schmitt-Homann, Lindenstraße 10,
65551 Limburg-Lindenholzhausen
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