ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2003Krankenhaus: Diskussionsbedarf
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LNSLNS Ich bin freudig überrascht über das umfangreiche Echo, das mein Artikel ausgelöst hat, zeigt sich doch hierin, dass hinsichtlich der angeschnittenen Themen Diskussionsbedarf besteht. Zu den Reaktionen auf meinen Artikel einige Anmerkungen:
Es ist mir keineswegs entgangen, dass im DRG-System gerade das Fach Innere Medizin eine enorme Aufwertung erfahren wird, was ich als internistischer Assistenzarzt nur begrüßen kann. Es stellt sich aber die Frage, wo sinnvolle Verschlüsselung aufhört und der „Datenerhebungswahn“ anfängt. Der DRG-Grouper ist eine black box, was nichts anderes bedeutet, als dass die Wahrscheinlichkeit, einen guten Erlös zu erzielen, mit der Anzahl der eingegebenen Codes pro Patient steigt. Ist das sinnvoll? Ich sage nein. Wenn von den verschlüsselten Daten letztendlich vielleicht ein Drittel kostenrelevant ist,
ist der Rest „Datenmüll“, in mühevoller Arbeit zusammengetragen von uns, den Assistenten. Eines steht fest, der Grouper ist ein Zeitfresser – Zeit, die wir anderswo einsparen müssen.
Bei sorgfältiger Führung der Patientenakte einschließlich einer ausführlichen Auflistung der Behandlungsdiagnosen und Prozeduren durch den Arzt wüsste ich keinen vernünftigen Grund, warum die eigentliche Codierungstätigkeit nicht von einer nichtärztlichen Fachkraft erledigt werden könnte. Es scheint mir auch nicht einsehbar, warum ein frisch der Universität entsprungener Assistent besser codieren können sollte als eine speziell geschulte nichtärztliche Fachkraft. Es geht für die Kliniken doch schließlich um bares Geld. Ungeklärt scheint mir zur Zeit auch noch die Haftungsfrage bei etwaigen Regressforderungen der Krankenkassen. Alternative Vorschläge zur bisherigen Praxis wären zum Beispiel die Einführung von hauptamtlichen Codierern sowie die Definition wirklich DRG-relevanter Diagnosen und Prozeduren einschließlich einer vernünftigen Obergrenze für die Anzahl der Codes pro Fall.
Was die Datenerhebung im Falle der „Qualitätssicherung in der Schlaganfallbehandlung“ angeht, so soll deren Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit gar nicht infrage gestellt werden. Es geht hierbei vielmehr um die Art und Weise der Durchsetzung, also um die Kultur unseres Umgangs miteinander. Man muss sich doch ernsthaft fragen, wie glaubhaft Studienergebnisse sind, deren Daten unter Zwang (!) erhoben wurden. Wäre das Ergebnis nicht sogar aussagekräftiger, wenn die Daten an einer ausgewählten Stichprobe von Kliniken auf freiwilliger Basis erhoben würden? Es kommt doch gerade hier auf Qualität und nicht auf Quantität an, wenn die Erhebung ihrem Ziel gerecht werden will!
Es ist mir ein Hauptanliegen, auf die sich stetig verschlechternde Ausbildungssituation der Assistenzärzte hinzuweisen. Da sich die Arbeit am Krankenbett und der Verwaltungsaufwand stetig mehren, wo sonst sollte man Zeit einsparen, wenn nicht an der Ausbildung? Dies ist traurige und alarmierende Realität. Die Meinung des Kollegen Dr. Dubischar und seine Sorge um die ärztliche Weiterbildung trifft den Nagel auf den Kopf. Ich behaupte, dass die Bürokratisierung des Arztberufes die Qualität der Weiterbildung und somit der Patientenversorgung langfristig gesehen verschlechtern wird, unabhängig vom bereits bestehenden quantitativen Ärztemangel und den Beteuerungen der Ge­sund­heits­mi­nis­terin von einer Verbesserung der Patientenversorgung. Kein Wirtschaftsunternehmen wäre so kurzsichtig, nicht in den Nachwuchs als das wichtigste Potenzial der Zukunft zu investieren. Das „Unternehmen Medizin“ leistet sich dies jedoch seit Jahren, und wir Assistenzärzte sind es, die den Preis dafür bezahlen müssen.
Dr. Karlheinz Westermann
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