ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2003Behandlungsfehler: Unterschiedliche Bewertung

BRIEFE

Behandlungsfehler: Unterschiedliche Bewertung

Dtsch Arztebl 2003; 100(22): A-1544 / B-1283 / C-1204

Baltzer, Stephan

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LNSLNS Die Zahl von 400 000 Behandlungsfehlern gegenüber 400 Millionen Arztkontakten erscheint niedrig. Wo fängt der Behandlungsfehler an, wo hört er auf? Je nach Betrachtungsweise, je nachdem, was als Behandlungsfehler definiert wird, was nicht, werden unterschiedliche Häufigkeiten entstehen. Sicherlich obliegt Patienten auch Eigenverantwortung. „Eine schicksalhafte Weiterentwicklung des Leidens eines Patienten liegt dagegen außerhalb der Verantwortung des Arztes.“ Dennoch, auch Nichthandeln ist Handeln. Einem juvenilen Diabetiker eine Diabetikerschulung, einem Postmyokardinfarktpatienten eine medikamentöse kardioprotektive Behandlung vorzuenthalten kommt meines Erachtens schon sehr in die Nähe eines ärztlichen Kunstfehlers. Darüber hinaus, einem Chirurgen oder einem somatoform tätigen Kollegen lässt sich noch relativ leicht vorwerfen: „Sie haben daneben geschnitten!“ oder „Sie haben die verkehrten Pillen aufgeschrieben!“ Einem psychotherapeutisch Tätigen hingegen ist es (sofern Abstinenzgebot nicht verletzt wurde) nahezu unmöglich, therapeutisches Fehlverhalten nachzuweisen. „Schuld“ ist im Zweifelsfall der „Klient“. Er ist „unmotiviert“, hat einen „Krankheitsgewinn“, noch nicht den nötigen „Leidensdruck“, das sind dessen „neurotische Übertragungen“ usw. Manche Patienten, bei bestimmten Erkrankungen aufgrund inzwischen auch nachgewiesener neurobiologischer Veränderungen (z. B. bei posttraumatischer Belastungsstörung), können einfach nicht anders. Dem als Therapeut nicht Rechnung zu tragen wird von manchen Autoren inzwischen ebenfalls eindeutig als Kunstfehler beurteilt. Allerdings je nach therapeutischer Schule werden gleiche Krankheiten manchmal völlig unterschiedlich bewertet und behandelt.
Stephan Baltzer, Zu Mühlenberg 5, 53721 Siegburg
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