ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2003Hausärzte zur Gesundheitsreform: Licht und Schatten

POLITIK

Hausärzte zur Gesundheitsreform: Licht und Schatten

Dtsch Arztebl 2003; 100(23): A-1578 / B-1308 / C-1227

Clade, Harald

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Klaus-Dieter Kossow: „Die Rolle der Hausärzte auch in den KV-Gremien stärken.“ Foto: Deutscher Hausärzteverband
Klaus-Dieter Kossow: „Die Rolle der Hausärzte auch in den KV-Gremien stärken.“ Foto: Deutscher Hausärzteverband
Der Deutsche Hausärzteverband erhofft sich
eine zentrale Rolle im gegliederten System.

Der Deutsche Hausärzteverband hat anlässlich seiner Delegiertenversammlung am 17. Mai in Köln ein differenziertes Urteil über den Entwurf des Gesundheitssystemmodernisierungsgesetzes (GMG) abgegeben. Prof. Dr. med. Klaus-Dieter Kossow, der Vorsitzende des Verbandes, verdeutlichte, dass auch die Hausärzte keinen gesundheitspolitischen Paradigmenwandel zulassen wollen, der sich einseitig gegen die Interessen der Ärzteschaft richtet und die Steuerungsmacht allein den Krankenkassen überantwortet.
Die Hausärzte unterstützen neben der Förderung der integrierten Versorgung das so genannte 2-Tarife-Modell, für das auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung eintritt. Das Modell sieht die Einführung eines GKV-Hausarzttarifs mit obligatem Überweisungsvorbehalt im Sachleistungsverfahren oder alternativ eines durchgängigen Kostenerstattungstarifs mit Direktzugang zur fachärztlichen Versorgungsebene vor. Zwar plädieren die Hausärzte für die Beibehaltung der freien Arztwahl durch den Versicherten, sie wollen aber zugleich die „qualitätssteigernden Effekte einer hausarztkoordinierten Versorgung“ in den Vordergrund stellen.
Fallstricke im GMG-Entwurf
Kossow warnte vor möglichen Fallstricken im GMG-Entwurf: Die Beschneidung der Kompetenzen der Kassenärztlichen Vereinigungen und eine damit verbundene Vertragsfreiheit zwischen Krankenkassen und einzelnen Leistungserbringern könne die Ärzteschaft vollends in Abhängigkeit der Krankenkassen zu bringen. Der casus belli wäre eine flächendeckende Öffnung der Krankenhäuser, die Wiederbelebung von Polikliniken nach DDR-Muster und die Einrichtung von Gesundheitszentren mit angestellten Ärzten und Eigeneinrichtungen der Krankenkassen in Konkurrenz zu den niedergelassenen Ärzten. Allerdings teilt Kossow nicht die Auffassung, dass mehr Vertragswettbewerb ohne Mitwirkung der KVen zu einer Vernichtung der Facharztpraxen führen werde.
Eine einheitliche fachärztliche und stationäre Versorgungsebene sei prinzipiell richtig, betonte Kossow, um die vom Hausärzteverband geforderte zweistufige Versorgungsstruktur zu realisieren. Allerdings müssten faire Wettbewerbsbedingungen zwischen ambulanter und stationärer fachärztlicher Versorgung bestehen. Dies bedeutet: einheitliches Preissystem und die Umstellung der Klinikfinanzierung auf Monistik. Für die hausärztliche Versorgungsebene seien ärztliche Körperschaften durchaus sinnvoll. Die Hausärzte müssten jedoch ein unabhängiges und eigenständiges Verhandlungsmandat erhalten.
Nach Auffassung des Hausärzteverbands müsse die beabsichtigte Einführung einer Pauschalvergütung im hausärztlichen Sektor und einer Komplexvergütung im fachärztlichen Bereich im Hinblick auf die Auswirkungen noch eingehender geprüft werden. Die Gefahr bei Honorarpauschalen bestehe darin, dass hausärztliche Leistungen künftig nicht mehr detailliert abgebildet werden können. Deswegen ließen sich Einspareffekte im Hausarztsystem nicht konkret nachweisen.
Die Hausärzte lehnen die Reanimation des Kollektivregresses bei der Arznei- und Heilmittelverordnung und verschärfte Wirtschaftlichkeitsprüfungen ab. Stattdessen sind sie für individuelle Richtgrößen. Begrüßt wird die vorgesehene gesetzliche Konkretisierung bei der sachlichen und rechnerischen Richtigstellung und insbesondere der Plausibilitätsprüfungen kassenärztlicher Abrechnungen. Dies führe zu mehr Rechtssicherheit. Inakzeptabel sei dagegen ein einseitiges Prüfungsrecht der Krankenkassenverbände hinsichtlich ihrer Leistungspflicht.
Der Hausärzteverband stellt sich hinter die Absichten der Regierung, die Verwaltungsstrukturen der Kassenärztlichen Vereinigungen und der KBV zu „verschlanken“. Ein verbindliches Verhältniswahlrecht sei das notwendige Pendant zum rechtlich gestärkten Hausarztsystem. Die Rolle der Hausärzte und ihre Repräsentanz müsse auch in den Gremien der KVen gestärkt werden.
In der Honorarpolitik müsse den unverzichtbaren Leistungen im Hausarztsektor stärkeres Gewicht eingeräumt werden. Es sollten Vereinbarungen getroffen werden über Leistungen, die außerhalb des Budgets als Einzelleistungen vergütet werden, insbesondere Hausbesuche, Notdiensteinsätze und vor allem die hausärztliche Schnittstellenkoordination bei Einweisungen und Entlassungen aus der Klinik, bei der prä- und postoperativen Betreuung von Patienten und beim Übergang von der ambulanten in die stationäre Pflege.
Die KBV wird aufgefordert, die Regelung im Bundesmanteltarif zur Verpflichtung, neue mobile Chipkartenleser anzuschaffen, zu revidieren. Der beratende hausärztliche Fachausschuss der KBV sei – entgegen der Satzungsverpflichtung – nicht in die Beratung einbezogen worden.
Dr. rer. pol. Harald Clade
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