ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2003Prävention: „Gesamtgesellschaftliche Aufgabe“

POLITIK

Prävention: „Gesamtgesellschaftliche Aufgabe“

Dtsch Arztebl 2003; 100(23): A-1580 / B-1309 / C-1228

Rühmkorf, Daniel

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Erhalt der Gesundheit muss ein Ziel der Prävention sein: Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt Foto: Daniel Rühmkorf
Erhalt der Gesundheit muss ein Ziel der Prävention sein: Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt Foto: Daniel Rühmkorf
Bereits zehn Monate nach der Gründung ist das
„Forum für Prävention und Gesund­heits­förder­ung“
arbeitsfähig und startet die ersten Modellprojekte.

Die Erkenntnis, dass Vorbeugen besser ist als Heilen, ist in Deutschland noch nicht allzu weit vorgedrungen. Das wollen Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt und ein von ihr ins Leben gerufenes Gremium ändern. Die Ministerin unterstrich bei der Eröffnung des „Forums für Prävention und Gesund­heits­förder­ung“ am 12. Mai in Berlin, dass die Prävention aus der gesundheitspolitischen Debatte heraus als gesamtgesellschaftliche Aufgabe weiterzuentwickeln sei. Die meisten Erkrankungen hierzulande seien vermeidbare Volkskrankheiten, die sich durch entsprechende Gegenmaßnahmen verhindern ließen. „Das Gesundheitswesen muss sich deshalb neben der Heilung und Linderung bestehender Erkrankungen das Ziel setzen, die Gesundheit des Menschen zu erhalten und zu fördern sowie zur Herstellung gesunder Lebensbedingungen beizutragen“, betonte die Ministerin. Es gelte, die weitreichenden nationalen und internationalen Erfahrungen zu nutzen, um die Prävention in der Gesellschaft zu verankern.
Mit der Gründung des „Forums für Prävention und Gesund­heits­förder­ung“ ist es gelungen, eine Arbeitsplattform zu schaffen, deren Mitglieder bereits über weitreichende Erfahrungen auf dem Gebiet der Prävention verfügen. Aufgabe des im vergangenen Jahr gegründeten Forums ist es, die Strategien zur Vermeidung von Krankheiten besser zu koordinieren. Das Forum besteht aus 63 Mitgliedsorganisationen. Dazu gehören nahezu alle Bundesministerien, die Fachbehörden, die Bundes­ärzte­kammer, die Kassenärztliche Bundesvereinigung, der DGB, die Verbraucher- und Selbsthilfeverbände, die Apotheker, die pharmazeutische Industrie, die Wohlfahrtsverbände, der Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen und die Krankenkassen. „Wenn es gelänge, die bereits vorhandenen Initiativen und Kompetenzen zu bündeln, dann bin ich zuversichtlich, dass sich die Prävention in Deutschland als gesamtgesellschaftliche Aufgabe durchsetzen kann“, sagte Dr. phil. Stefan Etgeton, Gesundheitsreferent der Verbraucherzentrale Bundesverband e.V.
Ausrichtung auf Zielgruppen
Die Arbeitsgebiete des Forums erstrecken sich auf die Bereiche „Gesunde Kindergärten und Schulen“, „Gesunde Betriebe“ und „Gesund altern“. Die ersten Projekte wird es noch in diesem Jahr in Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt geben. Hierzu haben die Kassen in der vergangenen Woche eine jährliche Unterstützung von 750 000 Euro zugesagt.
Ein Problem früherer Kampagnen sei die fehlende spezifische Ausrichtung („Setting-Ansatz“) auf die Zielgruppe gewesen. Daraus habe man gelernt, so der ehemalige Ministerialdirektor des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums, Prof. Dr. med. Manfred Steinbach: „Wir wollen eine soziale Bewegung als Motor der Prävention. Unsere Anstrengungen müssen dahin gehen, die Menschen dort abzuholen, wo sie tatsächlich Hilfe brauchen.“ Deshalb seien besonders soziale Brennpunkte in die ersten Präventionsprojekte eingebunden. Prof. Dr. rer. pol. Rolf Rosenbrock, Mitglied des Sachverständigenrats für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen, zeigte sich beeindruckt von den drei Länderprojekten: „Es ist der richtige Weg, die Erfahrungen aus der betrieblichen Gesund­heits­förder­ung auf die Kindertagesstätten und Schulen zu übertragen.“ Gleichzeitig warnte er aber davor, die Verhältnisprävention zu vernachlässigen. Die Bekämpfung krank machender Lebensbedingungen wie Armut, Arbeitslosigkeit, Bildungsunterschiede oder die Arbeitsumstände müssten mit derselben Energie verfolgt werden wie die Kampagnen zur gesundheitlichen Aufklärung.
Prävention kostet erst einmal
Eines der entscheidenden Kriterien für den Erfolg von Präventionsprogrammen ist eine solide Finanzierungsgrundlage. Bisher war spekuliert worden, dass eine Erhöhung der Tabaksteuer der Prävention zugute kommen sollte. Diese Gelder sind nun anderweitig verplant: Die zusätzliche Tabaksteuer soll jetzt die Ausgliederung versicherungsfremder Leistungen aus der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung kompensieren. Dafür werden, so befürchtet der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes der Innungskrankenkassen, Rolf Stuppardt, die Krankenkassen vor allem als zukünftige Geldgeber der im Forum beschlossenen Gemeinschaftsprojekte gebraucht. Denn noch ist die „Stiftung Prävention“, die für die Projektfinanzierung gegründet werden sollte, nicht mehr als eine Idee.
Dr. med. Daniel Rühmkorf
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