ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2003Internationale Klonkonferenz in Berlin: Unterschiedliche Bewertungen

POLITIK: Medizinreport

Internationale Klonkonferenz in Berlin: Unterschiedliche Bewertungen

Dtsch Arztebl 2003; 100(23): A-1588 / B-1316 / C-1234

Nickolaus, Barbara

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Biomedizin im Spannungsfeld: In einer pluralistischen Welt ist es schwierig, für ethische Zweifelsfragen allgemein akzeptierte Lösungen zu finden. Foto: Mauritius
Biomedizin im Spannungsfeld: In einer pluralistischen Welt ist es schwierig, für ethische Zweifelsfragen allgemein akzeptierte Lösungen zu finden. Foto: Mauritius
Während das reproduktive Klonen von den Wissenschaftlern
weltweit abgelehnt wird, ist man sich in der Frage über Art und
Ausmaß des therapeutischen Klonens uneinig.

Klonschaf Dolly hat im Gegensatz zu Millionen anderer friedlich grasender Schafe 1997 Wissenschaftsgeschichte geschrieben. Obwohl längst im Museum, hielt Dolly im übertragenen Sinne Hof auf der Internationalen Klonkonferenz in Berlin, zu der das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geladen hatte. Kaum einer der Referenten vergaß es, Dollys Bedeutung für die Biotechnologie und die damit verbundene bioethische, juristische, sozialwissenschaftliche und medizinische Diskussion zu erwähnen.
Hintergrund der Konferenz war ein Auftrag des Bundestages vom Februar 2003 an die Bundesministerin Edelgard Bulmahn, für die anstehenden UN-Verhandlungen zu einem internationalen Klonierungsverbot die wissenschaftliche Gesamteinschätzung auszuloten und die Durchsetzung eines kompletten Klonverbots auf internationaler Ebene zu erreichen. In ihrer Eröffnungsrede wies die Bundesministerin darauf hin, dass in der bestehenden „allgemeinen Erklärung über das menschliche Genom und die Menschenrechte“ der Unesco zwar Grundwerte wie Lebensschutz und Menschenwürde verankert seien, diese Erklärung aber keine unmittelbar umsetzbare rechtliche Regelung darstellt. Dies schon deshalb nicht, weil Grundwerte in verschiedenen Kulturkreisen und Religionen eine unter Umständen divergierende Auslegung erfahren. Es sei schwierig, „in einer pluralistisch geprägten Welt für ethische Zweifelsfragen allgemein akzeptierte Lösungen zu finden“.
Bulmahn verwies darauf, dass ein annähernd weltweiter Konsens zum Verbot des reproduktiven Klonens sich in den UN-Verhandlungen 2002 herauskristallisiert habe. Aus ihrer Sicht sei die Technik aber „auch dann ethisch inakzeptabel, wenn sie zur Herstellung von Embryos eingesetzt wird, die anschließend zur Gewinnung von Gewebe zerstört werden“. Hier steht die Bundesministerin zum Beispiel im Dissens mit Großbritannien, wo Embryonen im Alter bis zu 14 Tagen keinen Schutz vor wissenschaftlicher Forschung genießen.
Bulmahn bedauerte, dass bei der von Deutschland und Frankreich vor der UNO gemeinsam eingebrachten Initiative zum generellen Klonverbot noch keine Einigung erzielt werden konnte. Im September stehen vor der UNO neuerliche Verhandlungen an. Die Klonkonferenz zeigte aber auf, dass sich über alle Landes- und Kulturgrenzen hinweg die Ablehnung des reproduktiven Klonens mühelos erzielen lässt; beim therapeutischen Klonen herrscht kein Konsens, wohl aber – wie es der Baseler Gynäkologe, Prof. Wolfgang Holzgreve, treffend formulierte – ein „tiefes Unbehagen“.
Die Rede der Juristin Ruth Reusser (Vorsitzende des Lenkungsausschusses für Bioethik des Europarats) kritisierte die starre deutsche Haltung: „Ich befürworte die Politik der kleinen Schritte. . . . Maximalprogramme auf internationaler Ebene zahlen sich nicht aus.“ Das reproduktive Klonen sei auf UNO-Ebene schnell erreichbar, nicht aber beim therapeutischen Klonen, das von vielen Staaten durchaus befürwortet wird – wenn auch mit Auflagen.
Zur Klonierung stehen mehrere Techniken zur Verfügung. So wurde bereits 1892 erstmals durch Embryo-Splitting eine Klonierung von Seeigeln durchgeführt. Mehr als 100 Jahre später konnte eine erfolgreiche asexuelle Fortpflanzung mittels Zellkerntransfer in eine entkernte Eizelle erreicht werden, und Klonschaf Dolly entstand 1997. Kommt nun bald der klonierte Mensch mit identischen Aussehen und Eigenschaften, stand als bange Frage im Raum.
Die Erfahrung an Tieren zeigte, dass zur Entstehung von Dolly 277 und von Mäuserich Fibro 174 Klonversuche nötig waren. Lebensfähige Klone entwickeln sich oft nicht weiter oder zeigen Riesenwuchs, Organfehlbildungen, hohe Infektanfälligkeit. Bisher starben alle vorzeitig. Klonversuche an Primaten wie Affen blieben bislang erfolglos. Die angeblich bereits zur Welt gebrachten Klonbabys konnten bisher nicht wissenschaftlich verifiziert werden.
Zum umstrittenen therapeutischen Klonen mit dem Ziel, in Erkrankungen heilend, lindernd oder rehabilitierend einzugreifen, werden menschliche Embryos mit dem alleinigen Zweck geklont, aus ihnen embryonale Stammzellen zu gewinnen, die aufgrund ihrer Totipotenz gezielt zur Ausdifferenzierung bestimmter Gewebe oder Organe geführt werden sollen. Bislang war zur Klonierung eines menschlichen Embryos die Eispende einer Frau nötig.
Jüngste Forschungsergebnisse der deutschen Biologen Hans Schöler und Karin Hübner in den USA zeigen am Tiermodell, dass aus embryonalen Stammzellen auch Eizellen entstehen können. Diese In-vitro-Oozytenvermehrung – vorausgesetzt, sie sei auch beim Menschen erreichbar – würde die ethischen und rechtlichen Bedenken über die Tötung von Embryos beim therapeutischen Klonen wesentlich abmildern. Ob nämlich der solchermaßen entstandene Klon tatsächlich noch als Embryo anzusehen ist, wird bereits kontrovers diskutiert, und dies spräche eher für als gegen eine Zulassung des therapeutischen Klonens.
Im Wesentlichen verdeutlichte die Konferenz mit ihren geschliffen formulierten Reden namhafter Wissenschaftler, dass sie im Grunde nur eine politische Tagung war. Am Schluss betonte Bulmahn vor der Presse, Deutschland schütze mit seiner Gesetzgebung vor dem reproduktiven und therapeutischen Klonen bei Menschen, und sie wolle sich dafür auch auf dem internationalen Parkett einsetzen. Hierzu bedürfe es jetzt mehrerer Sondierungsgespräche mit anderen Staaten.
Die Journalistenfrage, ob möglicherweise die neue therapeutische Klonierungstechnik mit der In-vitro-Oozytenzüchtung einen Dammbruch bis hin zum reproduktiven Klonen von Menschen erzeugen könne, blieb im Raum stehen, ebenso wie das viel zitierte „Unbehagen“, das immer dann auftritt, wenn Forschungsfreiheit, politische Ansprüche und ethisch-moralische Grundwerte aufeinander treffen. Dr. Barbara Nickolaus

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