ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2003Nahtodeserfahrungen: Die letzten Bilder

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Nahtodeserfahrungen: Die letzten Bilder

Dtsch Arztebl 2003; 100(23): A-1594 / B-1321 / C-1239

Hillienhof, Arne

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Foto: akg-images
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Ärzte sollten die Erfahrungen von Patienten, die dem Tod nahe
waren, nicht als Halluzinationen abtun.
In vielen Fällen verändern sie das Leben der Betroffenen dramatisch.

Die Erfahrung, über dem eigenen Körper zu schweben, ein Tunnel, an dessen Ende ein helles Licht wartet, Lebensfilme, Begegnung mit Verstorbenen und der Eintritt in paradiesische Landschaften: Viele Menschen, die dem Tod nahe waren, berichten über beeindruckende Erlebnisse. Häufig ändert sich das Leben der Betroffenen nach diesen so genannten Nahtodeserfahrungen (near death experiences, NDEs) dramatisch.
„Mein Zustand verschlechterte sich derart, dass man mich aufgegeben hatte und ich durch den Chefarzt für tot erklärt wurde . . . Da man mich mit einem Tuch abgedeckt hatte, stellte die Krankenpflegeschülerin fest, dass sich dieses im Bereich meiner Nase bewegte. Hierauf erfolgte eine Reanimation. Während dieser Phase hatte ich das, was man als NDE bezeichnet: Ich befand mich auf einer Ebene, die wie eine Bühne aussah. In der hinteren rechten Ecke öffnete sich ein Tunnel oder eine Röhre, aus welcher ein Licht in einer Dimension erstrahlte, wie man es nur schlecht beschreiben kann. Ich bewegte mich tiefer in diesen Tunnel . . . Am Ende des Tunnels kam ich wie auf eine Wiese, wobei ich ein Farbenspiel erlebte, wie man es nicht beschreiben kann. Pastelltöne von einer Zartheit, dass man sich daran nicht hätte satt sehen können.
Wie aus einem Bodennebel erschienen mir drei Personen, von denen ich die beiden vorderen als meine Großeltern erkannte. Meine Großmutter hob beide Arme in Brusthöhe und streckte mir die Handflächen entgegen, wie in einer Abwehrbewegung. Von da an begann das Bild, sich von mir weg zu bewegen. Ich sah wieder den Tunnel mit dem hellen Licht und dann verschwand alles.“
So beschreibt ein 44-jähriger technischer Angestellter seine Erfahrung während einer Reanimation nach einem Herzinfarkt. „Eine typische Nahtodeserfahrung, wie sie einer repräsentativen Befragung von 2 000 Deutschen zufolge knapp fünf Prozent aller Menschen erlebt haben“, sagt Michael Schröter-Kunhardt. Der Heidelberger Psychiater ist Vorsitzender der deutschen Sektion der „International Association for Near-Death Studies“. Er hat mehr als 230 Fälle von NDEs gesammelt und ausgewertet.
Für seine Untersuchungen schilderten die Betroffenen ihre Erfahrung schriftlich. Außerdem füllten sie zwei Fragebögen aus. Der eine – entwickelt vom amerikanischen Psychiater Bruce Greyson – erfragt 18 Elemente, die NDEs von anderen komplexen Traumerfahrungen abgrenzen sollen. Ein weiterer Fragebogen grenzt psychopathologische Erlebnisse ab. Mit den Fragebögen erfasst Schröter-Kunhardt neben soziodemographischen Angaben auch die Lebensveränderungen nach einer NDE. Er beschreibt NDEs als „archetypische Sonderformen eines Oneiroids“ (vom griechischen „oneiroid“ = traumähnlich). Die Auslöser sind unterschiedlich: Komplikationen während einer Operation, Unfälle, Schlaganfälle, Herzinfarkte, Suizidversuche, Infektionskrankheiten – „letztlich kommt es nicht auf die Art der Erkrankung an, sondern auf die objektive oder subjektive Todesnähe“, sagt der Psychiater. Er hat seine Sammlung von Berichten darauf untersucht, was die Betroffenen häufig erlebt haben: Danach berichten 89 Prozent von einem „Gefühl der Ruhe, des Friedens oder des Wohlbefindens“, 77 Prozent erzählen von einem „hellen Licht“. Das Gefühl, außerhalb des Körpers zu sein und diesen – zum Beispiel von oben – zu sehen, hatten 61 Prozent während ihrer NDE. Vom Tunnelphänomen berichten 47 Prozent der Patienten, 30 Prozent sahen Ereignisse ihrer Vergangenheit wie einen Film vor sich ablaufen. Selten erleben die Betroffenen nach der außerkörperlichen Erfahrung Paniksituationen beim Eintritt in eine „höllische Umgebung“ mit bedrohlichen Kräften, Farben und Tönen.
Nicht zu verwechseln mit Träumen
„NDEs sind nicht zu verwechseln mit Träumen – auch nicht mit denen komatöser Patienten“, sagt Schröter-Kunhardt. In seinen Träumen verarbeite der Einzelne seine Erfahrungen in individuell völlig unterschiedlichen Traumbildern. Das Bemerkenswerte an den NDEs sei dagegen, dass alle Menschen annähernd dieselben Bilder sähen und von ähnlichen Erfahrungen erzählten. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Betroffene jung oder alt, religiös oder atheistisch ist. Auch Nationalität, Ausbildung oder Geschlecht beeinflussen Auftreten und Ausgestaltung der NDEs nicht.
Allenfalls sind Schröter-Kunhardt zufolge die gemeinsamen Grundelemente wie Lichtwahrnehmung, Tunnelerlebnis und Landschaftsbilder religions- oder kulturspezifisch geprägt. So berichteten buddhistische Mönche von einem Garten mit Lotosblüten, während europäische oder amerikanische Patienten eher von paradiesischen Landschaften erzählten, die sie während ihrer NDE gesehen hatten. Ob der Betroffene vor seinem Erlebnis bereits von anderen NDEs gehört hat, spielt ebenfalls keine Rolle. Wie die Sammlung des Psychiaters belegt, machten Kinder, die nichts von dem Phänomen wussten, ähnliche Erfahrungen wie Erwachsene.
Welches die Auslöser der NDEs sind und welche Mechanismen wirken, während das Gehirn die Bilder erzeugt, ist „letztlich unbekannt“, so Schröter-Kunhardt. Erklärungsversuche gebe es zwar viele, aber keiner könne NDEs allein erklären. Zum Beispiel seien NDEs keine Psychosen: Sie träten bei psychisch Gesunden wie bei Kranken auf und seien in der Regel selbstlimitierend. Außerdem fehlten alle Arten psychotischer Erlebnisweisen, beispielsweise formale Denkstörungen sowie schnelle Stimmungswechsel mit Angst- und Glücksgefühlen. Auch bestünden die NDEs psychisch kranker Menschen aus den typischen NDE-Elementen und unterschieden sich formal und inhaltlich deutlich von deren psychopathologischen Erfahrungen.
Zweifellos, so der Heidelberger Psychiater, sind NDEs dissoziative Leistungen zum Schutz des Ich vor dem Überwältigtwerden durch extreme Schmerzen und körperliche Destruktion in Todesgefahr. Eine veränderte Zeitwahrnehmung und die Hemmung der alltäglichen Hirnleistungen bei gleichzeitiger Aktivierung sonst eher supprimierter psychischer Funktionen kennzeichne diese Art der Dissoziation. Nahtodeserfahrungen seien auch keine Abwehr des Todes, denn niemand fliehe in eine genaue Betrachtung oder Verarbeitung der Situation, die ihm Angst mache. Gerade die bewusst erlebte Trennung vom Körper und erst recht die Beobachtung des drohenden eigenen Todes, wenn der Betreffende auf sich selbst hinabblickt, müssten eine viel größere Angst verursachen als die eigentliche NDE-Auslösesituation. Tatsächlich sei es oft erst das Zulassen des bevorstehenden Sterbens und nicht dessen angstvolle Abwehr, die das NDE induziere. Umgekehrt führten negative Gefühle wie Angst oft zur Beendigung desselben. Insofern sei die Bewusstlosigkeit die eigentliche archaische Abwehr.
Die Universalität der NDE-Elemente zeigt nach Ansicht von Schröter-Kunhardt außerdem, dass NDEs nicht die Folge einer subjektiven – und damit zu mehr inhaltlicher Varianz führenden – Wunscherfüllung sind. Vielmehr wiesen sie Eigenschaften mystischer Erfahrungen auf: Einheits-Erleben, Transzendenz von Zeit und Raum, tief empfundene positive Stimmung, Gefühl der Heiligkeit, der Objektivität und Realität, Unaussprechlichkeit, Paradoxie und Flüchtigkeit des Erlebens sowie anhaltende positive Veränderung in Einstellung und Verhalten. Damit seien NDEs die häufigsten mystisch-religiösen Erfahrungen überhaupt.
Nahtodeserfahrungen verändern das Weltbild
Ihre Universaltiät grenzt NDEs nach Auffassung von Schröter-Kunhardt auch von typischen Halluzinationen ab: Diese seien immer individuell. Auch eine zerebrale Hypoxie genüge nicht, um NDEs zu erklären: Zu den Hypoxie- beziehungsweise Hyperkapnie-Symptomen zählen unter anderem Konzentrations-, Entscheidungs- und Gedächtnisstörungen sowie Illusionen, individuelle Halluzinationen und nur selten NDE-Elemente. Gedächtnis-Höchstleistungen wie im Lebensfilm machen deshalb eine Hyp-oxie als Ursache eher unwahrscheinlich, so Schröter-Kunhardt. Zudem gebe es viele NDEs, die bei normaler Sauerstoff- und Kohlendioxid-Konzentration abliefen, sodass eine Hypoxie/Hyperkapnie nicht als Ursache in Betracht komme.
Körpereigene Halluzinogene wie Dimethyltryptamin oder Andandamide, die an körpereigene Cannabis-Rezeptoren binden, könnten jedoch bei der Erzeugung der NDE-Bilder eine Rolle spielen. So konnten in Versuchsreihen bei bis zu 80 Prozent der Probanden durch Halluzinogene I. Ordnung wie LSD, Cannabis und Ketamin NDE-Elemente ausgelöst werden. Die vermutlich ebenfalls beteiligten Endorphine könnten die Schmerzfreiheit während der NDEs erklären – sie induzierten aber keine Bilder, so Schröter-Kunhardt.
In einer prospektiven Studie hat der niederländische Kardiologe Pim van Lommel vom Hospital Rijnstate in Arnheim NDEs untersucht. Die Ergebnisse veröffentlichte die Zeitschrift „Lancet“ (The Lancet, Vol 358, December 15, 2001, 2039–2044). Van Lommel und sein Team befragten 344 Patienten nach einer kardiopulmonalen Wiederbelebung. Sie erfassten neben Alter und Geschlecht auch die Medikation und die Diagnose.
18 Prozent der Patienten berichteten nach der Reanimation von NDE-typischen Bildern. Dabei ließ sich die Erfahrung nicht mit der Schwere der Grunderkrankung oder einer bestimmten Medikation korrelieren. Im weiteren Verlauf der Studie untersuchten die Wissenschaftler nach zwei und nach acht Jahren mithilfe eines standardisierten Fragebogens, wie sich die NDEs auf die Lebenssituation der Patienten ausgewirkt hatten. Diese Ergebnisse verglichen sie mit den Angaben von Patienten, die während ihrer Reanimation keine NDEs erlebten.
Das Resultat: NDEs bewirken massive Persönlichkeitsveränderungen – darin stimmen die Niederländer und Schröter-Kunhardt überein. Viele Patienten verändern ihre Werte und Anschauungen in Richtung einer größeren kulturspezifischen Religiosität. Am häufigsten lässt sich nach der NDE – im Vergleich zu Menschen ohne eine solche Erfahrung – eine signifikante Abnahme der Angst vor dem Tod nachweisen, weil der Glaube an ein Leben nach dem Tod parallel signifikant zunimmt. „Dass eine Erfahrung von nur wenigen Minuten solche umwälzenden und langanhaltenden Veränderungen bewirkt, ist eine erstaunliche Entdeckung“, erklärte Lommel. Diese Veränderungen böten aber auch Anlass für Konflikte: Berufswechsel, Scheidungen und andere Veränderungen im sozialen Umfeld können die Folge sein.
Auch Schröter-Kunhardt ist überzeugt: „NDEs sind neben der Unfall- beziehungsweise Krankheitserfahrung ein besonderes Erlebnis für die Patienten.“ Nach seiner Erfahrung sprechen jedoch viele Patienten nicht darüber, weil sie fürchten, nicht ernst genommen zu werden. Er rät daher Ärzten und Pflegepersonal, die infrage kommenden Patienten gezielt auf derartige Erfahrungen anzusprechen. Dabei sollte der Therapeut die vom Patienten wahrgenommenen Bilder und Stimmungen nicht vorschnell als Halluzinationen abtun, sondern sie nach Möglichkeit ausführlich besprechen. Denn: Die resultierenden Weltbildveränderungen erschüttern die Selbstwahrnehmung und die sozialen Bezüge der Betroffenen.
Arne Hillienhof
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