ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2003Menschenwürde: Analogie - militante Tierschützer

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Menschenwürde: Analogie - militante Tierschützer

Dtsch Arztebl 2003; 100(23): A-1597 / B-1323 / C-1241

Meyer, Frank P.

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LNSLNS Eine wesentliche Aussage von Böckenförde ist, dass die Gewinnung von Stammzellen durch Tötung von (überzähligen) Embryonen nicht zu rechtfertigen sei, auch dann nicht, wenn aus der Stammzellforschung vielleicht einmal Heilmittel für bislang nicht heilbare Krankheiten resultieren würden, was aber durchaus ungewiss ist. Das betrifft natürlich auch den Import von Stammzellen. Aus abstrakt ethischer Sicht können wahrscheinlich die meisten einer solchen Formulierung zustimmen. Ein Problem entsteht dann, wenn die abstrakte Ethik ihres Mythos entkleidet wird. Sollte es doch eines Tages – wider Erwarten – möglich sein, auf dieser Basis entwickelte wirksame Medikamente anzubieten, was dann? Da durch die Exegese des Grundgesetzes verhindert wurde, diese Medikamente in Deutschland zu entwickeln, wird es andere europäische und/oder US-amerikanische Anbieter geben. Verschließen wir uns dann dem pharmakologischen Fortschritt – was nur konsequent wäre? Oder sind wir Pharisäer und importieren die innovativen Medikamente, die andere gegen unseren Willen, aber für uns entwickelt haben?
Eine analoge Situation haben uns vor Jahren schon die militanten Tierschützer beschert. Nachdem erhebliche Teile der tierexperimentellen Pharmakologie ins Ausland vertrieben wurden, haben sich dieselben Leute ohne Bedenken der Arzneimittel bedient, die daraufhin im Ausland entwickelt wurden. Entscheidend war, dass deutsche Hunde, Katzen, Ratten, Mäuse usw. geschont wurden. Der Gießener Pharmakologe Ernst Habermann hatte diese autistisch-undisziplinierte Rechtfertigungsethik unter Bezug auf das viktorianische England als „viktorianische Moral“ bezeichnet. Wenn ich Böckenförde nicht völlig falsch verstehe, besteht die Gefahr, dass deutsche Embryonen zwar per Grundgesetz geschützt werden, Embryonen aus anderen Gegenden (Bulgarien, Rumänien, Thailand usw.) aber zu Forschungszwecken vielleicht legal zur Verfügung stehen. Das ist nicht fair.
Prof. Dr. Frank P. Meyer, Magdeburger Straße 29, 39167 Groß Rodensleben
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