ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2003Über die Millionäre: Unglaubliche Aussage

BRIEFE

Über die Millionäre: Unglaubliche Aussage

Dtsch Arztebl 2003; 100(23): A-1598 / B-1324 / C-1242

Mihailescu, Monica

Zu einer Äußerung der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin:
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LNSLNS Vor einigen Tagen, unterwegs zum Dienst in einem mittelgroßen Krankenhaus in Rheinland-Pfalz, hörte ich im Radio unsere Ge­sund­heits­mi­nis­terin sagen: „Was wollen Sie? Ich kann nicht alle Ärzte zu Millionären machen.“ Da an diesem Tag mein Schutzengel bei mir war, war er wohl derjenige, der fest auf die Bremse trat, sodass ich an der Ampel nicht auf das Auto vor mir auffuhr. Ich konnte fast nicht mehr aufhören zu lachen, als ich diese unglaubliche Aussage von Frau Ulla Schmidt, die ich aus meiner Aachener Zeit eigentlich in guter Erinnerung hatte, hörte. Wäre sie da gewesen, hätte ich ihr von einer Putzfrau erzählt, die mich vor fast sieben Jahren, als ich meinen AiP in der Inneren absolvierte, erstaunt fragte: „Und für das Geld haben Sie so lange studiert? Na dann, so dumm war ich doch damals gar nicht, als ich meine Ausbildung unterbrach.“ Ich war an diesem Tag, nach einem 28-Stunden-Dienstmarathon, am Ende meiner Kräfte und hatte dieser ganz netten Frau meinen Kummer über eine nie endende Müdigkeit losgeheult und ihr zum guten Schluss auch erzählt, dass ich dafür sogar weniger als sie verdiente. Es waren damals nämlich 1 000 DM netto im Monat.
Wäre Frau Schmidt bei mir gewesen, hätte ich ihr auch erzählt, was mir vor einigen Monaten passierte: An einem gemütlichen Abend mit Freunden hatte jeder ein bisschen über sich geplaudert, und wir kamen irgendwie auf das Thema „Geld“.
Ich war schon fast auf dem Nach-Hause-Weg, denn ich hatte am nächsten Tag Notarztdienst, 24 Stunden, gefolgt von einem normalen Arbeitstag auf der Intensivstation von acht Stunden. Vor mir hatte ich also einen 32-Stunden-„Tag“. Ich erzählte, dass ich für die Notarzttätigkeit umgerechnet 6,5 Euro verdiene und erntete dabei nur erstaunte Blicke und auch die Aussage eines anwesenden Heizunginstallateurs: „Also dafür stehe ich aber nicht mal auf.“ Ich habe darauf verzichtet zu sagen, dass ich für jeden Dienst auf der Intensivstation ungefähr sechs Stunden umsonst arbeite (wir sind schließlich nur im Bereitschaftsdienst da, auch wenn wir fast nie in den Genuss kommen, schlafen zu dürfen).
Und hätte ich je die Gelegenheit gehabt, mit Frau Schmidt über solch einen Luxusartikel wie Schlafen zu reden, hätte ich bestimmt die unverschämte Neugier gehabt, von ihr wissen zu wollen: Wieso darf eigentlich ein LKW-Fahrer nach neun Stunden nicht mehr fahren, ich aber nach 24 Stunden noch munter weiterhin Narkosen machen?
Und weil ich gar nicht soo böse bin, hätte ich ihr zu guter Letzt alles Gute gewünscht und vor allem bei ihrer nächsten OP einen Anästhesisten und einen Operateur, die sich nicht gerade nach 30 Stunden „nur“ Bereitschaftsdienst auf den Weg zum Millionärwerden machen. Na ja, bei meinem Lohn habe ich doch glatte 83 Jahre bis zu meiner ersten Million . . . – wie schön, dass die Lebenserwartung in Deutschland steigt!
Monica Mihailescu, Eifelstraße 52, 53474 Bad Neuenahr-Ahrweiler
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