BÜCHER

Genom und Glaube

Dtsch Arztebl 2003; 100(23): A-1601 / B-1326 / C-1244

Hausen, Harald zur

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Genomforschung
Den Glauben durch Wissen ersetzen
Harald zur Hausen: Genom und Glaube. Der unsichtbare Käfig. Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, u. a., 2002, VIII, 185 Seiten, broschiert, 24,95 €
Der Titel klingt zunächst unverfänglich. Die Sprengkraft des Buches deutet sich erst im Untertitel an: „Der unsichtbare Käfig“. Käfig? Ein enges Korsett der religiösen und kulturellen Prägung verstelle uns auch heute noch den freien Blick auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse und lasse einem rationalen Handeln nur begrenzten Spielraum, lautet die These des Autors. Der Virologe und Vorsitzende des Stiftungsvorstandes des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg hat die wachsende Kluft zwischen Naturwissenschaft und Religion zum Thema seines neusten Buches gemacht und spannt dabei einen Bogen vom Urknall bis zur Stammzellforschung.
Nicht nur zu Zeiten Galileis oder Darwins habe die Religion den Wissenschaftlern Ketten angelegt. Auch die aktuelle, höchst emotional geführte Debatte um Genomforschung und embryonale Stammzellen sei von religiös bedingten Denkhemmungen geprägt, meint zur Hausen. Anhand konkreter Beispiele verdeutlicht der Wissenschaftler, dass Begriffe wie Gendiagnostik und -therapie, Keimbahntherapie oder Klonen keinesfalls per se in Kategorien wie „gut“ oder „böse“ eingeteilt werden können, sondern nur im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext zu bewerten sind. Damit will er keinesfalls einer ungezügelten Anwendung neuer Forschungsergebnisse das Wort reden. Er sieht jedoch in der verbreiteten Horrorvision gentechnischer Manipulationen kein reales Risiko. Zur Hausen will eine Versachlichung der Diskussion und wendet sich gegen Erkenntnisverbote, die nur deshalb ausgesprochen würden, weil das neu gewonnene Wissen nicht zu tradierten Weltanschauungen passt.
Um den „unsichtbaren Käfig“ allgegenwärtiger Denkbarrieren sichtbar zu machen, nimmt der Autor den Leser mit auf eine spannende Reise durch die Geschichte des Lebens. Im Zeitraffer folgt er dem langen Weg von der Entstehung des Weltalls bis zum Homo sapiens, der seine Alleinherrschaft auf diesem Planeten weniger einem Geniestreich der Schöpfung als einer Kette von Zufällen und der simplen Tatsache verdankt, dass er andere Menschenarten, wie die Neandertaler oder die Ureinwohner Ostasiens, in einem ersten „Genozid“ ausrottete.
Den Ursprung von Religion interpretiert zur Hausen als Bedürfnis der Menschen, Naturphänomene zu erklären und eine Bestimmung für ihre Existenz zu finden. In Verbindung mit einem absolutistischen Wahrheitsanspruch sei ein Konflikt mit der sich entwickelnden Naturwissenschaft entstanden, der sich bis heute noch vertieft hat. Auch die zaghaften Versuche moderner Theologen, wissenschaftliche Erkenntnisse mit Glaubensinhalten in Einklang zu bringen, hält zur Hausen für wenig überzeugend, solange nicht wesentliche religiöse Dogmen ganz über Bord geworfen werden. Zur Bewältigung zukünftiger Probleme, davon ist der Wissenschaftler überzeugt, brauche Homo sapiens eher Rationalität als eine in religiösen Traditionen erstarrte Weltsicht. Julia Rautenstrauch
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