ArchivDeutsches Ärzteblatt44/1996Psychiatriemuseum Haina: „Rasende Leut“ in Ketten und im „hohlen Rad“

VARIA: Feuilleton

Psychiatriemuseum Haina: „Rasende Leut“ in Ketten und im „hohlen Rad“

Dtsch Arztebl 1996; 93(44): A-2886 / B-2454 / C-2298

Coordes, Gesa

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LNSLNS Das lederbezogene Ungetüm sieht eigentlich ganz bequem aus. Doch der gerade restaurierte Zwangsstuhl im Psychiatriemuseum im nordhessischen Haina war für die darin gefesselten Patienten eine Tortur, die mindestens einem Kranken das Leben kostete. Bis zu zwei Tage wurden "Rasende" darin festgehalten, die dann "ruhig, besonnen und folgsam" werden sollten. Auch als Strafe diente das Instrument.
Schwindelanfälle und Erbrechen verursachte das "hohle Rad", das an die großformatige Ausführung eines Laufrades für Hamster erinnert. Hier sollte die "Beruhigung" der "Irren" durch Erschöpfung erreicht werden. Wenn das Rad von außen gedreht wurde, mußten die darin Gefangenen zwangsläufig mitlaufen.
Der kleine Ort Haina zählt zu den herausragenden psychiatriegeschichtlichen Stätten Europas. Alle Höhen und Tiefen des Umgangs mit den psychisch Kranken sind in dem Museum im Kreuzgang der alten Klosteranlage ablesbar, das eine ungewöhnlich gut erhaltene Sammlung von Exponaten aus den vergangenen 450 Jahren zu bieten hat.
1533 schuf der hessische Landgraf Philipp der Großmütige in der Klosteranlage der Zisterzienser eines der ersten Hospitäler für arme, kranke und gebrechliche Männer aus der Landbevölkerung, unter denen auch "im Haupt Verrückte" waren. Das Gros der Patienten stammte aus dem Raum Marburg und Frankenberg, doch aus Kassel, Frankfurt und Göttingen kamen Kranke, deren Zahl bis 1800 auf rund 400 stieg. Eine lange Warteliste zeugte von der Not der Mittellosen, die in den städtischen und privaten Stiftungen nicht aufgenommen wurden und die in Haina sogar besser ernährt wurden als die anderen hessischen Armen.
Krankheit galt damals als ein von Gott auferlegtes Kreuz. Daher stand die christliche Lebensführung im Mittelpunkt der Versorgungsanstalt, in der die Patienten täglich zwei Andachten und eine Bibellesung hörten. Dazu gehörte auch die Arbeit auf den großen Besitztümern des ehemaligen Klosters. Je nach ihren Fähigkeiten hüteten sie das Vieh, spannen Wolle, halfen bei leichten Feldarbeiten oder arbeiteten im Backhaus, in der Küche, der Schreinerei, der Buchbinderei oder Weberei.
Von Anfang an waren unter den Kranken auch Melancholiker, Wahnsinnige, geistig Verwirrte und "Sinnlose". So wurden "rasende Leut" in verschlossenen Käfigen über dem Bach Wohra eingesperrt oder in Ketten gelegt. Doch ihr Anteil stieg im Laufe des 18. Jahrhunderts immer stärker.
1815 wurde das Hospital zur "Pflege- und Versorgungsanstalt für verrückte, wahnsinnige, hülflose, blinde und epileptische Personen". Neue "Curmethoden" wurden ausprobiert, die heute eher an Folter erinnern. Hatte es bis dahin ausgereicht, die Insassen mit Essensentzug, Arrest oder Schlägen zu bestrafen, so wurden nun das "hohle Rad", der Zwangsstuhl, die Zwangsjacke und der Stehkasten eingeführt, der die Patienten zur Bewegungsunfähigkeit verdammte. Der Zwangsstuhl wurde erst um die Jahrhundertwende abgeschafft.
Nachdem in Marburg 1876 eine weitere "Irrenanstalt" errichtet wurde, war Haina nur noch für die unheilbar Kranken zuständig. Gegen Ende des Jahrhunderts wurden zunehmend "freiere Behandlungsmethoden" eingesetzt. Darunter verstand man damals die "Wachsaalbehandlung", bei der die Patienten den ganzen Tag im Bett liegenbleiben mußten. Zudem steckte man die Kranken nun zur Beruhigung stundenlang in lauwarme Bäder, in denen sie sogar aßen. Die Arbeit wurde als Therapieform wiederentdeckt. Aber es wurden auch risikoreiche Schocktherapien entwickelt. So wurde in Haina mit Insulin- und Elektroschocks an Schizophrenen experimentiert.
Während des Nationalsozialismus erreichte die Psychiatrie ihren Tiefpunkt. Haina wurde zum Zulieferer für "Euthanasie"-Tötungen. Bereits ab 1934 wurden die Kranken zwangssterilisiert. Während des Krieges wurden rund 500 hilflose Patienten – fast die Hälfte der Insassen – nach Hadamar oder in Konzentrationslager deportiert und vergast. Unter den verbliebenen Kranken, die nach der NS-Ideologie als "lebensunwert" galten, setzte ein langsames Sterben durch mangelnde Ernährung und Versorgung ein. Ein gespaltener Diabasstein mahnt heute an die Opfer aus Haina.
Seit 1953 gehört das ehemalige Hospital des Landgrafen zum Landeswohlfahrtverband Hessen, der auf dem Gelände das Psychiatrische Krankenhaus, die Klinik für Gerichtliche Psychiatrie und eine Heilpädagogische Einrichtung für geistig Behinderte eingerichtet hat. Im psychiatrischen Krankenhaus, das hauptsächlich für die Kreise Waldeck-Frankenberg und Schwalm-Eder zuständig ist, werden jedes Jahr etwa 1 000 Menschen aufgenommen. Heute bleiben die Kranken meist nur zwei bis acht Wochen in der Einrichtung, die sich auch um ambulante Nachbetreuung kümmert. In der Klinik für Gerichtliche Psychiatrie sind psychisch kranke Straftäter aus ganz Hessen untergebracht.
1992 wurde in Haina das erste Psychiatriemuseum Deutschlands eingerichtet. Darüber hinaus gibt es eine umfangreiche historische und medizinische Bibliothek sowie ein großes Archiv, das auf Anfrage benutzt werden kann. Hier werden zur Zeit Unterlagen von rund 5 000 Patienten aus den vergangenen 80 Jahren ausgewertet.
1 Öffnungszeiten: dienstags von 9 bis 16 Uhr und an jedem ersten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr. Nähere Informationen: Tel 0 64 56/ 9 11. Gesa Coordes
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