ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2003Atherosklerose als inflammatorischer Prozess: Grundlagen für neue Fragestellungen

MEDIZIN: Diskussion

Atherosklerose als inflammatorischer Prozess: Grundlagen für neue Fragestellungen

Dtsch Arztebl 2003; 100(23): A-1621 / B-1342 / C-1258

Intorp, Hans W.

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LNSLNS In den Jahren von 1965 bis 1978 hat sich unsere Arbeitsgruppe an der State University of New York und danach an der Universität Münster umfassend mit den verschiedensten immunologischen Problemen des gesunden und erkrankten Gefäßsystems des Menschen beschäftigt. Dabei haben eingehende antigenanalytische Studien ergeben, dass die großen und mittleren Gefäße unter physiologischen Bedingungen verschiedene, gewebespezifische Antigene enthalten, die aus Lipoproteinen und Glycoproteinen bestehen (3, 12). In zahlreichen tierexperimentellen und labortechnischen Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass diese Antigene nicht nur beim Menschen sondern auch bei vielen anderen Spezies wie Kaninchen, Hunden, Rindern et cetera vorhanden sind (3, 5, 10). Zur Frage nach der Lokalisation dieser Antigene im Gewebe wurden schichtweise angefertigte Mikropräparationen der größeren arteriellen und venösen Gefäße getestet. Außerdem wurden zahlreiche fluoreszenzmikroskopische Untersuchungen durchgeführt. Diese ergaben, dass die gefäßspezifischen Antigene vor allem in der Intima und den Intima-nahen Anteilen der Media der großen und mittleren Gefäße sowie im Endokard lokalisiert sind (3, 6, 12).
Zur Klärung der Frage, ob diese Antigene auch Autoimmunreaktionen auslösen können, wurden Laboratoriumstieren verschiedene, gereinigte Antigenpräparationen injiziert. Dabei stellte sich heraus, dass in allen Fällen – allerdings in unterschiedlicher Stärke – Autoantikörper gebildet wurden, die individualspezifisch mit dem Gefäßgewebe der immunisierten Tiere selbst reagierten (3, 4, 7, 8, 9, 10). Außerdem konnte nachgewiesen werden, dass dabei auch zelluläre Immunreaktionen im Gefäßgewebe ausgelöst werden. Darüber hinaus ließen pathologische, histologische und elektronenmikroskopische Untersuchungen erkennen, dass bei der Mehrzahl der immunisierten Tiere durch Autoimmunreaktionen Veränderungen an den inneren Wandschichten des Gefäßsystems auftraten, die frühen Phasen der Arteriosklerose des Menschen entsprachen (3, 4, 5, 7).
Daraus ergaben sich schon damals verschiedene, klinische und immunpathologische Fragestellungen: Kommt es bei entzündlichen oder degenerativen Gefäßerkrankungen zu Veränderungen oder zum Verlust des einen oder anderen gefäßspezifischen Antigens? Können diese gegebenenfalls als Gradmesser der Ausprägung eines krankhaften Gefäßprozesses quantitativ im Blut bestimmt werden? Treten andere, vorher nicht im Gefäßgewebe vorhandene Antigene als Ausdruck einer entzündlichen oder degenerativen Gefäßerkrankung auf? Welche Rolle spielen entzündliche Prozesse bei Veränderungen des Gefäßsystems des Menschen?
Zur Klärung dieser Fragen wurden verschiedene Antigenpräparationen von atherosklerotisch verändertem Gefäßgewebe des Menschen hergestellt und zur Immunisierung kleineren Laboratoriumstieren verabreicht. Überraschenderweise stellte sich dabei heraus, dass es nicht nur zur signifikanten Verminderung oder gar dem Verlust der gefäßspezifischen Antigene kommt, sondern vielmehr auch andere Antigene in den atherosklerotischen Gefäßläsionen auftreten. Diese konnten als C-reaktives Protein und Fibrinogen identifiziert werden (1, 2, 3, 11).
In Übereinstimmung damit konnte C-reaktives Protein mit monospezifischen Antiseren in atherosklerotischen Plaques nachgewiesen werden. Diese Erkenntnis legte die Vermutung nahe, dass atherosklerotische Prozesse eine entzündliche Ursache haben, oder mit entzündlichen Veränderungen einhergehen. Aus diesem Grund wurden die Seren von Patienten mit einer fortgeschrittenen Atherosklerose aber ohne Anhalt für sonstige entzündliche Prozesse auf das Vorhandensein des C-reaktiven Proteins untersucht.
Obwohl diese Studien nicht in großangelegten Serien durchgeführt wurden, zeigte es sich schon damals, dass die weit überwiegende Mehrzahl der Seren von Patienten mit einer gesicherten Atherosklerose C-reaktives Protein enthielten, was jedoch bei den gefäßgesunden Kontrollen nicht der Fall war (2, 3, 11). Aus diesen Untersuchungen, die in verschiedenen Publikationen ihren Niederschlag fanden und damit dokumentiert wurden, haben wir seinerzeit den Schluss gezogen, dass atherosklerotische Veränderungen des Gefäßsystems entweder entzündlich bedingt sind oder mit entzündlichen Veränderungen einhergehen. Damit wurden die Grundlagen für die inzwischen untermauerten und wesentlich erweiterten pathophysiologischen Erkenntnisse zu Ursachen und Entstehung der Atherosklerose geschaffen.
Die vorwiegend in den letzten zehn Jahren erfolgte und weiter entwickel-
te wissenschaftliche Forschung einer entzündlich bedingten Pathogenese der atherosklerotischen Gefäßveränderungen hat in der Arbeit von Koenig et al. einen ausführlichen und informativen Niederschlag gefunden. Viele der dabei zitierten und diskutierten neueren Erkenntnisse beruhen aber auf einer zum Teil schon Jahrzehnte zurückliegenden Grundlagenforschung, die diese Weiterentwicklungen angeregt und voran getrieben hat und ohne die diese nicht möglich gewesen wären.
Damit bestätigt sich einmal mehr die Bedeutung des angloamerikanischen Begriffs „Re-search“ der viel umfassender das ausdrückt, was mit dem deutschen Wort „Forschung“ gemeint ist.

Literatur beim Verfasser

Prof. Dr. med. Hans W. Intorp
Sibylle A. Intorp
Kaiserstraße 250
47800 Krefeld

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