ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2003Unspezifische Rückenbeschwerden: Psychische Störungen wichtiger

MEDIZIN: Diskussion

Unspezifische Rückenbeschwerden: Psychische Störungen wichtiger

Dtsch Arztebl 2003; 100(23): A-1624 / B-1345 / C-1261

Wörz, Roland

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LNSLNS Die mitgeteilten Ergebnisse lassen keinesfalls die Folgerung zu, dass „Rückenschulen besonders für Patienten im chronifizierenden Stadium wichtig sind“. Allein schon die Bezeichnung „unspezifische Rückenschmerzen,“ das heißt für die Beschwerden können keine eindeutigen pathologischen anatomischen Veränderungen als Auslöser nachgewiesen werden, ist kritisch zu sehen: Vom Arzt wird in guter Tradition verlangt, dass er sich vor der Behandlung eine diagnostische Vorstellung erarbeitet, in diesem Fall etwa den Fragen nachgeht, ob Mus-
kelverspannungen und Insertionstendinosen, Gelenkschmerzen bei Entzündungsprozessen, psychogene oder psychosomatisch bedingte Syndrome vorliegen. Daraus resultiert folgerichtig eine gezielte Differenzialtherapie (3).
Bei dem vorgestellten aufwendigen „Rückenschulkurs mit Muskeltraining, körperlicher Aktivierung, Einübung rückengerechter Haltungs- und Bewegungsmuster, Entspannungsübungen, Anregungen und Empfehlungen zur ergonomischen Gestaltung des Arbeitsplatzes, Übungsvorschlägen für ein Heimtraining, Information über Anatomie, Physiologie und Rückenschmerz“ waren die mittelfristigen und die langfristigen Ergebnisse gegenüber der Kontrollgruppe in Grafiken und Tabellen absolut gering. Es ist nicht klar, ob es sich dabei um Placeboeffekte oder ob es sich um einen reinen Zufall handelte (Beispiele: Veränderung der aktuellen Rückenschmerzstärke: mittelfristig: p = 0,0014, langfristig: p = 0,0912, der körperli-
chen Funktionsfähigkeit: mittelfristig: p = 0,2822, langfristig: p = 0,5030). Bei einem Teil der Kurskomponenten handelte es sich demnach um Leerlaufhandlungen.
Eine Serie epidemiologischer Studien erbrachte zu Rückenschulen widersprüchliche, teils positive, teils negative Ergebnisse, das heißt gleiche oder sogar schlechtere Werte als in den Referenzgruppen (1). Die so genannte schwedische Rückenschule (4) mit Information über Anatomie und Funktion des Rückens, die Bedeutung der Haltung und der Anregung, die Aktivität in der Freizeit zu erhöhen, ergab nur im betrieblichen Setting einen Nutzen (1).
Nicht beobachtet wurden die Untersuchungsergebnisse zu dieser Problematik, dass weniger somatische Ursachen als vielmehr psychosoziale Faktoren und Erkrankungen des psychiatrischen Gebiets – wie subjektives Stresserleben im Beruf, Unzufriedenheit am Arbeitsplatz, depressive Störungen, Angstkrankheiten und Substanzmissbrauch (Alkohol, Drogen, Nikotin) wichtige Chronifizierungsprädiktoren sind (2). Entsprechend sollten sich Präventionsforschung, Diagnostik und Therapie auch bei uns mehr auf diesen Seinsbereich verlegen.

Literatur
1. Koes BW, van Tulder MW, van der Windt DAWM, Bouter LM: The efficacy of back schools: a review of randomized clinical trials. J Clin Epidemiol 1994; 47: 851–862.
2. Turk DC: The role of demographic and psychosocial factors in transition from acute to chronic pain. In: Jensen ST, Turner JA, Wiesenfeld-Hallin Z, eds.: Proceedings of the 8th World Congress on Pain 1997; Seattle, IASP Press, 1997;185–213.
3. Wörz R, Müller-Schwefe G, Stroehmann I et al.: Rückenschmerzen: Leitlinien der medikamentösen Therapie. MMW-Fortschr Med 2000; 142: 27–33.
4. Zachrisson-Forssell M: The Swedish back school. Physiotherapie 1980; 66: 112–114.

Priv.-Doz. Dr. med. Roland Wörz
Friedrichstraße 73
76669 Bad Schönborn

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