ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2003...Geschichte der Medizin: Zu den Wurzeln der Urologie

VARIA: Feuilleton

...Geschichte der Medizin: Zu den Wurzeln der Urologie

Dtsch Arztebl 2003; 100(23): A-1625 / B-1346 / C-1262

Gerste, Ronald D.

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Dr. Rainer M. Engel leitet seit fast zehn Jahren das Museum der Amerikanischen Urologischen Gesellschaft.
Dr. Rainer M. Engel leitet seit fast zehn Jahren das Museum der Amerikanischen Urologischen Gesellschaft.
Ein Besuch im William P. Didusch Museum in Baltimore/USA

James Buchanan Brady, genannt „Diamond Jim“, war einer der großen Eisenbahnbarone der USA an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert. Er war steinreich. Er war massiv adipös. Er konnte sein Harnwasser nicht mehr lassen.
So begab sich Diamond Jim zu Hugh Hampton Young, einem auf Erkrankungen des Urogenitaltraktes spezialisierten Chirurgen am Johns Hopkins Hospital in Baltimore. Die Aussicht auf die damals – 1912 – übliche radikale Operation der vergrößerten Prostata mittels
suprapubischer Eröffnung schreckte den in geschäftlichen Angelegenheiten weit weniger zimperlichen Entrepreneur gar sehr.
Doch Young legte ihm eine Alternative nahe: Er hatte eines der zur Spiegelung der Blase gebräuchlichen Zystoskope etwas modifiziert und konnte durch seinen Schaft eine kleine Stanze einführen, mit der die Prostata zwar nicht in toto reseziert, wohl aber per transurethralen Zugang und mit einigem Blutverlust in einem einer Abschabung ähnelnden Vorgang verkleinert werden konnte. Young wagte den Eingriff und gewann – für sich und für seine sich gerade als eigenständiges Fach entwickelnde Wissenschaft. Diamond Jim Brady war so überglücklich, nach den Freuden der Tafel wieder gepflegt dehydrieren zu können, dass er mehrere Hunderttausend Dollar zur Gründung urologischer Institute und Kliniken stiftete. Der Magnat der Dampfrösser hatte sich allerdings auch den richtigen Arzt ausgesucht;
Young gilt als der „Vater der amerikanischen Urologie“. Die Wurzeln dieses Faches, das auch heute noch nicht überall die Unabhängigkeitserklärung von der Chirurgie postuliert hat, liegen jedoch in einem ganz anderen Teil der Welt. „Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie stark die Entwicklung der Urologie von Pionieren aus Deutschland und Österreich geprägt ist“, erklärt Dr. Rainer M. Engel, seit zehn Jahren Kurator eines weltweit wohl einzigartigen Museums, über die Geschichte jenes Zweiges der Medizin, in dem es allzu oft um Krankheiten geht, über die meistens der Schleier schamhaften Schweigens liegt.
Engels Biografie ist geradezu typisch für die Evolution dieser Subdisziplin in der Neuen Welt mit freundlicher Unterstützung der Alten. Der gebürtige Kölner kam 1960 in die USA, operierte am Johns Hopkins Hospital und leitet im Ruhestand seit fast zehn Jahren das William P. Didusch Museum der Amerikanischen Urologischen Gesellschaft (AUA) in Baltimore.
Es ist eine wahre medizinhistorische Schatzkiste und ein Geheimtipp für den ärztlichen Amerikabesucher – und Mediziner aus Deutschland sind in seinen Räumlichkeiten, daran lässt Engel wenig Zweifel, stets (nach
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telefonischer Voranmeldung) hochwillkommen.
Viele der Schätze des Museums sprengen den Rahmen der Urologie und sind Schaustücke einer allgemein-wissenschaftlichen Historie. Die Sammlung von Mikroskopen scheint selbst jene im Carl-Zeiss-Museum in Jena in den Schatten zu stellen – und auch sie ist deutschen Ursprungs. Der Stuttgarter Urologe Hans J. Reuter hat sie der Baltimorer Institution vermacht, die ältesten Exponate stammen aus den 1730er-Jahren. Fachübergreifend ist auch die reiche Sammlung medizinischer Illustrationen. Auf sie deutet der Name des Museums hin: William P. Didusch war einer der großen medizinischen Illustratoren des 20. Jahrhunderts, der sein Handwerk, pardon: seine Kunst, beim Gründervater dieser Zunft erlernte, bei Max Brödel. Auch dieser stammte (wie Diduschs Eltern) aus Deutschland, sein Department of Art as Applied to Medicine am Johns Hopkins Hospital dürfte weltweit an medizinischen Fakultäten ihresgleichen gesucht haben.
Bei der Gegenüberstellung moderner klinischer, auch intraoperativer Fotos und Zeichnungen aus Diduschs Stift wird das Auge des Beobachters ganz von Letzteren gefesselt, so dramatisch sind seine Einblicke in eine Blase, deren Stein gerade mit dem Lithotom geknackt wird, auf eine Prostata, die mit Youngs Instrument auf eine akzeptable Größe zurechtgestutzt wird, oder auf einen Penis, dem mit einer „Plication of Bulbuscavernosus Muscle“ zu mehr Erigierbarkeit verholfen werden soll – da die Zeichnung von 1936 stammt, eine verzeihliche Indikation, ein komplettes Mannesalter vor Viagra.
Am faszinierendsten ist trotz dieser Highlights von Künstlerhand die imposante instrumentalische Sammlung des Hauses – es scheint kein Zystoskop auf der Welt gegeben zu haben, von dem nicht ein Modell den Weg in die North Charles Street gefunden hat. Kein anderes Exponat ist jedoch in einem solchen Maße von der Aura des Geheimnisvollen, des Visionären, des „Weit-vor-seiner-Zeit“-Befindlichen umgeben wie der Lichtleiter. Hinter diesem leicht utopisch klingenden Begriff verbirgt sich die Erfindung einer denkwürdigen Medizinergestalt.
Philip Bozzini, als Sohn eines italienischen Einwanderers 1773 in Mainz geboren, praktizierte in napoleonischer Zeit in Frankfurt am Main. Sein Traum: ein Gerät, mit dem man in jenes Hohlorgan hineinblicken konnte, dessen Steinleiden damals viele, auch berühmte Zeitgenossen zu plagen pflegte: die Harnblase.
Bozzinis Lichtleiter spreizte die Urethra und leitete einen Lichtstrahl nach innen – unglückseligerweise war das verwendete Kerzenlicht zu schwach, um Anno Domini 1805 eine fortgeschrittene Differenzialdiagnostik zu betreiben. Immerhin konnte das futuristische Gerät am Josephinum in Wien, der medizinischen Akademie des k.u.k.-Militärs erfolgreich erprobt werden. Der Lichtleiter verschwand 1945 mit der Besetzung Wiens durch die amerikanische Armee und tauchte erst zwanzig Jahre später als anonyme Spende für die amerikanische Chirurgengesellschaft auf. Bozzini starb bereits 1809 an Typhus, seine Erfindung musste mehr als 70 Jahre auf die entscheidende Verbesserung warten. Dann war es der aus Berlin stammende Arzt Maximilian Nitze, der in Dresden sein „Kystoskop“ zunächst an der
Imposant ist die instrumentalische Sammlung des Museums. Fotos: Ronald D. Geste
Imposant ist die instrumentalische Sammlung des Museums. Fotos: Ronald D. Geste
Leiche, 1879 dann auch am Patienten zu dessen Nutzen einsetzen konnte. Fast überflüssig zu erwähnen – auch Nitzes Instrument fand den Weg nach Baltimore und steht am Beginn einer Ahnengalerie, die mit einem modernen Fiberglasendoskop endet. Der Einbau einer kleinen elektrischen Glühbirne in das Instrument durch Nitze machte das Tragen jenes konkaven Spiegels am Stirnband für die Urologen überflüssig, den man gemeinhin mehr mit den frühen Tagen der HNO- beziehungsweise der Augenheilkunde assoziiert und der doch auch von den Spezialisten des menschlichen Unterleibes lange benutzt wurde.
Der größte Moment in der Geschichte der Urologie war, trotz aller instrumenteller Fortschritte, womöglich jener, der auch anderen operativen Fächern zugute kam und der die Geburtsstunde einer eigenen Disziplin bildete: der 16. Oktober 1846. An diesem Tag wurde in Boston zum ersten Mal unter Äthernarkose operiert, das Lipom am Hals des jungen Patienten war die erste schmerzfrei entfernte Wucherung, bald kamen auch Patienten mit Blasen- und Nierenleiden in den Genuss dieser segensreichen Innovation. Ein Blick auf die Lithographie, die eine Blasensteinzertrümmerung mit Jean Civiales „Lithontripteur“ von 1822 zeigt, gibt eine beklemmende Vorstellung von der Pein in der voranästhetischen Ära. Nein, gut war die gute alte Zeit nicht, für urologische Patienten am allerwenigsten. Neben einem Schirm aus der Jahrhundertwende findet man einen Spazierstock mit Knauf, wie ihn ein rechter Gentleman um 1900 stets bei sich trug. Im Inneren des Stockes verbarg sich ein drahtiger Katheter zur Selbstapplikation. Wer wegen seines Prostataleidens in Gesellschaft, beim Cocktailempfang und am Dinner Table jenes qualvolle Druckgefühl zu verspüren begann, konnte sich unauffällig aus dem Raum stehlen und mit der Gehhilfe geheimem Inhalt, im Hinterhof oder einer dunklen Gartenecke, sich selbst katheterisieren und somit Erleichterung verschaffen. Dann kehrten Lebemänner wie Diamond Jim Brady zurück zu den Belastungen, denen man sich als Mann von Welt ausgesetzt sah: Austern und Champagner, Beefsteaks und Ale.

Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Dr. phil. Ronald D. Gerste
14801 Soft Wind Drive
Gaithersburg, Maryland 20878, USA

Information: William P. Didusch Museum, 1120 North Charles Street, Baltimore, Maryland 21201, USA
Zu besichtigen nach telefonischer Anmeldung: 001 410 727 1100
Internet: www.auanet.org

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