ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2003Psychotherapeutische Versorgung: Im gesundheitspolitischen Abseits

POLITIK

Psychotherapeutische Versorgung: Im gesundheitspolitischen Abseits

PP 2, Ausgabe Juni 2003, Seite 257

Weidhaas, Hans-Jochen

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LNSLNS Obwohl psychische Erkrankungen zunehmen, finden die Anliegen
der Psychologischen Psychotherapeuten nicht ausreichend Gehör.

Mit der Veröffentlichung des DAK-Reports im Juni 2002 wurde deutlich: Psychische Erkrankungen in Deutschland nehmen signifikant zu und sind die Hauptgründe für längere Arbeits-
unfähigkeit und für Frühberentungen. Obwohl der volkswirtschaftliche Schaden dieser Entwicklung die Kosten für die erforderliche Psychotherapie übertrifft, findet diese nicht im notwendigen Umfang statt.
Sucht ein Patient einen Therapieplatz wird er mit Wartezeiten bis zu 1,5 Jahren vertröstet. Wirtschaftliche Behandlungsmethoden wie die Gruppenpsychotherapie werden kaum noch angeboten, die Sicherstellung für die psychotherapeutische Behandlung von Kindern- und Jugendlichen ist schon lange nicht mehr gewährleistet. In den neuen Bundesländern sind diese Probleme besonders gravierend.
Psychische Faktoren bei Volkskrankheiten mitbeteiligt
Obwohl bei den meisten der so genannten Volkskrankheiten psychische Faktoren wesentlich mitbeteiligt sind, werden daraus keine Konsequenzen gezogen. So ist es bezeichnend, dass im Sonderheft „Volkskrankheiten“ der Zeitschrift Gesellschaftspolitische Kommentare vom März 2003 kaum auf diesen Umstand hingewiesen wird. Dasselbe gilt für den Abschlussbericht der Initiative „Gesundheitsziele.de“, den Experten aus dem Gesundheitswesen und der Politik Mitte Februar der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin übergaben. Ziel dieser Kooperation zwischen dem Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) und der Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und -gestaltung e.V. ist es zu ermitteln, an
welchen langfristigen Zielen sich die Gesundheitspolitik orientieren sollte. Zwar weist der Bericht an mehreren Stellen auf die psychosoziale Dimension chronischer Krankheiten hin, aber auch er lässt die nötige Konsequenz vermissen: Wie soll die „psychosoziale“ Betreuung organisiert werden, wie soll
deren Qualität gesichert werden?
Keine Partei hat die Beseitigung dieser Missstände auf ihre Fahnen geschrieben. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt hat zwar auf dem Weltgesundheitstag „Psychische Gesundheit“ am
6. April 2001 in Köln eine anspornende Rede gehalten, aber sich nicht weiter um die Psychotherapie gekümmert. Engagierte Politiker wie Horst Schmidbauer (SPD), Dr. jur. Hans-Georg Faust (CDU) und Dr. Dieter Thomae (FDP) finden in ihren eigenen Reihen kein ausreichendes Gehör. Dabei gäbe es ausreichend volkswirtschaftliche Gründe, sich dieser Thematik anzunehmen.
Zunächst einige Fakten: Der DAK-Gesundheitsreport 2002 verzeichnete
eine Zunahme der Arbeitsunfähigkeits-(AU-)tage der berufstätigen Mitglieder aufgrund psychischer Störungen seit 1997. Im direkten Vergleich der Jahre 1997 und 2001 haben danach die AU-
Tage um 51 Prozent zugenommen. Frauen sind deutlich häufiger von psychischen Erkrankungen betroffen und weisen entsprechend mehr Krankheitstage und -fälle auf, so der DAK-Gesundheitsreport. Mit zunehmendem Alter steigt die Zahl der Krankheitstage. Auffällig ist die starke Zunahme der AU-Tage in den jüngeren Altersgruppen: So nimmt allein bei den weiblichen Mitgliedern zwischen 20 und 24 Jahren die Zahl der AU-Tage von 1997 bis 2001 um 90 Prozent zu. Vor allem bei den depressiven Störungen ist ein kontinuierlicher und beim Vergleich der Jahre 2000 und 2001 sogar erheblicher Zuwachs zu verzeichnen.
Die Mitte April vorgelegte Statistik des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen (BKK) zeigt einen deutlichen Anstieg der psychischen Erkrankungen seit 1980. Waren es damals noch 2,5 Prozent der Krankheitstage, die auf psychische Erkrankungen zurückgingen, sind es heute 7,5 Prozent. Auch hier sind Frauen deutlich häufiger betroffen als Männer. Die Krankheitsgruppe der psychischen Störungen gehört mit einer durchschnittlichen Falldauer von 29,3 Tagen nach den Krebserkrankungen mit 32,7 Tagen zu den am längsten dauernden Krankheiten.
Nach einer Erhebung der Landesvertretung Rheinland-Pfalz der Techniker Krankenkasse (TK) bei ihren Versicherten ist die Zahl der Patienten mit psychischen Erkrankungen zwischen 2001 und 2002 um 6,8 Prozent gestiegen. Auch die TK registrierte vor allem bei Depressionen erhöhte Erkrankungsraten.
„Somatische Fixierung des Gesundheitsystems“
Das Wissenschaftliche Institut der AOK untersuchte im „Fehlzeitenreport 2002“ die Ursachen der Frühberentung im Jahr 2001. Die psychischen Ursachen machen 27 Prozent der Rentenzugänge wegen verminderter Erwerbsfähigkeit aus und stehen damit an erster Stelle.
Diese Zahlen sollten für Politiker und Krankenkassenmanager Grund genug sein, dieser Entwicklung gegenzusteuern. Der DAK-Gesundheitsreport räumt zwar Defizite in der Erkennung und in der medizinischen Versorgung psychischer Störungen ein und regt die Erarbeitung von Behandlungsleitlinien an, doch die Psychotherapie als mögliches Behandlungsangebot wird nicht erwähnt.
Der Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen weist in seinem Gutachten „Finanzierung, Nutzerorientierung und Qualität“ vom 24. Februar darauf hin, dass psychosoziale Aspekte von Krankheiten zu wenig berücksichtigt werden. In dem Gutachten heißt es: „Der gesamte Bereich der sozialen und psychologischen Einflussfaktoren und Folgen chronischer Krankheiten wird weitgehend vernachlässigt. Der Rat spricht daher von einer somatischen Fixierung des Systems.“ Der Sachverständigenrat benennt auch die Gründe: „Unverkennbar ist die enorme Resistenz insbesondere der Organfächer, überhaupt psychische Fragen in ihre Konzepte nicht nur rhetorisch beziehungsweise nicht nur abwertend oder abwartend zu integrieren.“
Doch im selben Gutachten schlägt der Sachverständigenrat vor, Psychotherapie bei Erwachsenen „partiell zur Disposition zu stellen“, neben ambulanten Leistungen in Kurorten, Zahnersatz, kieferorthopädischen Leistungen, künstlichen Befruchtungstechniken, Soziotherapie, nicht wirksamen Verfahren und Arzneimitteln der so genannten Alternativmedizin sowie Massagen und Sehhilfen.
Aber nicht nur bei den Krankenkassen und beim Sachverständigenrat scheint die Psychotherapie als Krankenbehandlung nicht zu existieren. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) kümmern sich wenig um die Psychotherapie. So wurden in den vergangenen Jahren neue Vertragsformen außerhalb der Regelversorgung gesetzlich ermöglicht und zum Teil umgesetzt, ohne dass die Psychotherapeuten daran beteiligt wurden. Zu nennen sind Strukturverträge (§ 73 a SGB V), Verträge zur Integrierten Versorgung (§ 140 SGB V), Modellprojekte (§ 65 SGB V) und die Disease-Management-Programme (DMP) (§ 137 f SGB V).
Dies ist besonders hinsichtlich einer zukunftsorientierten Versorgung bedenklich, da die Psychotherapeuten über die spezielle Sachkompetenz verfügen, die psychosozialen Dimensionen von Krankheit versorgungsbezogen zu integrieren. Die Vereinigung der Kassenpsychotherapeuten und der Deutsche Psychotherapeutenverband (DPTV) haben sich an der Entwicklung der DMP be-
teiligt* – dieses Engagement ist jedoch nicht berücksichtigt worden. Auch im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium hat bisher niemand daran gedacht, Psychotherapeuten in den entscheidenden Gremien zu beteiligen.
So musste die Bundes­psycho­therapeuten­kammer die Politik erst darauf hinweisen, dass sie – neben der Bundes-ärztekammer – auch einen Sitz im Koordinierungsausschuss beansprucht. Der Koordinierungsausschuss ist das höchste Entscheidungsgremium der Selbstverwaltung und normensetzend sowohl für die ambulante als auch stationäre Versorgung.
Auch in der stationären Versorgung sieht es nicht besser aus. Fast nirgendwo gibt es an den Krankenhäusern der Akutversorgung Planstellen für Psychotherapeuten oder psychotherapeutische Abteilungen. Nicht einmal den ärztlichen Psychotherapeuten ist es gelungen, dort Fuß zu fassen. Die von der Politik angestrebte Integrierte Versorgung nach § 140 SGB V ist schon deshalb in der Psychotherapie nicht zu realisieren, weil das zur ambulanten Versorgung fehlende Gegenstück in der stationären Altersversorgung fehlt.
In den Eckpunkten zur psychotherapeutischen Versorgung haben die Ver-
einigung der Kassenpsychotherapeuten (Vereinigung) und der DPTV Lösungsansätze formuliert, um der Psychotherapie Geltung zu verschaffen (siehe Kasten). Alleine sind Psychotherapeuten in sozialpolitisch schwierigen Zeiten zu „unwichtig“ und müssen für ihre Anliegen Verbündete gewinnen. Die Vereinigung und der DPTV stehen deshalb in ständigem Austausch mit anderen psychotherapeutischen Berufsverbänden und mit dem Deutschen Hausärzteverband.
Wenig bleibt beim Alten
Die Hoffnung ist nicht unbegründet, dass schließlich finanzielle Gründe der Psychotherapie zu mehr Gewicht verhelfen. Wenn die Arbeitsunfähigkeitszeiten oder die Frühberentungen weiter zunehmen, wird die Politik handeln müssen. Denn AU-Zeiten greifen die Finanzen der Krankenkassen spätestens nach sechs Wochen an, wenn Krankengeld als Lohnersatzleistung gezahlt werden muss. Die Frühberentungen schlagen bei den Rentenversicherungen doppelt zu Buche. Die Ausgaben steigen, und gleichzeitig nehmen die Beitragszahler ab.
Die Psychotherapeuten dürfen nicht der arglosen Vorstellung anheim fallen, dass alles beim Alten bleibt und sich jemand findet, der es richtet. Im Gesundheitswesen bleibt das Wenigste beim Alten, und es gibt niemanden, der die Kastanien aus dem Feuer holen würde. Das müssen wir Psychotherapeuten schon selbst tun.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: PP 257–259 [Heft 6]

Anschrift des Verfassers:
Hans-Jochen Weidhaas
Vorsitzender der Vereinigung
der Kassenpsychotherapeuten
Postfach 14 02 10
67021 Ludwigshafen
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