ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2003Eckpunkte zur psychotherapeutischen Versorgung

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Eckpunkte zur psychotherapeutischen Versorgung

PP 2, Ausgabe Juni 2003, Seite 258

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LNSLNS - Erstzugangsrecht
Die hohe Prävalenz krankheitswertiger psychischer Störungen, die hohe Rate an Fehlversorgung sowie die verzögerte Inanspruchnahme einer
psychotherapeutischen Behandlung infolge der gesellschaftlichen Stigmatisierung psychischer Störungen machen einen niedrigschwelligen Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung erforderlich. Die Inanspruchnahme einer Psychotherapie darf nicht durch Einschreibprämien oder im Rahmen integrierter Versorgungsnetze verzögert oder erschwert werden.

- Psychotherapeutische Schnittstellen im Rahmen der integrierten Versorgung
Durch gesetzliche Auflagen muss die Beteiligung von Psychotherapeuten an der integrierten Versorgung gesichert werden. Psychotherapeuten übernehmen dabei die Früherkennung von psychischen Störungen, psychologische Interventionen zur Förderung der Krankheitsbewältigung und stehen den somatisch behandelnden Ärzten als Fachberater für das Krankheitsmanagement zur Verfügung. Sie übernehmen eine Überweisungsfunktion, falls länger dauernde psychotherapeutische Behandlungen erforderlich sind. Um dazu die rechtlichen Voraussetzungen zu schaffen, ist eine Änderung der in § 73 Abs 2 SGB V vorgenommenen Einschränkungen für Psychotherapeuten und der in § 107 SGB V fehlenden Einbeziehung der stationären Psychotherapie erforderlich.

- Bedarfsplanung
Die Gleichsetzung des Versorgungsbedarfs mit dem Ist-Stand der Behandlerzahlen bei der Bedarfsplanung für die psychotherapeutische Versorgung ignoriert die tatsächliche Verbreitung krankheitswertiger und behandlungsbedürftiger psychischer Störungen in der Bevölkerung. In ländlichen Gebieten und in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie besteht deshalb eine erhebliche Unterversorgung. Insbesondere der zehnjährige „Bestandsschutz“ für psychotherapeutisch tätige Ärzte nach § 101 Abs. 4 SGB V verhindert eine bedarfsorientierte und gleichmäßige Verteilung der Behandler in allen Regionen und zementiert sowohl eine Über- als auch Unterversorgung. Zumindest diese Regelung sollte entfallen, sofern an der bisherigen Bedarfsplanung festgehalten wird.

- Stärkung der Partizipationsrechte in der Selbstverwaltung
Zur Durchsetzung einer an einem biopsychosozialen Krankheitsmodell orientierten und evidenzbasierten Versorgungskonzeption ist eine Organisationsreform der KVen erforderlich, die Hausärzten, Fachärzten und Psychotherapeuten eine selbstständige Interessenvertretung mit einem Verhandlungsmandat gegenüber den Krankenkassen ermöglicht („Drei-Säulen-Modell“). Sofern eine Aufteilung der ärztlichen Gesamtvergütung auf der Grundlage der Rechtsprechung des Bundessozialgerichts zur Vergütung genehmigungspflichtiger psychotherapeutischer Leistungen erfolgt, lassen sich auch für den Bereich der psychotherapeutischen Versorgung indikationsbezogene pauschalierte Vergütungssysteme festlegen, die eine Kompatibilität mit der ärztlichen Vergütung gewährleisten.

- Berufsrechtliche Änderungen bezüglich Legaldefinition und Ausbildungsbestimmungen
Die in § 1 Abs 3 PsychThG vorgenommene Legaldefinition der Psychotherapie klammert die präventiven und rehabilitativen Fachkompetenzen der Psychotherapeuten aus, die für den Ausbau einer präventiven Orientierung und für die notwendige Weiterentwicklung der ambulanten Rehabilitation dringend benötigt werden. Die Konzeption der Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten berücksichtigt den psychotherapeutischen Kompetenzerwerb im Rahmen der universitären Ausbildung zu wenig. Anrechnungsmöglichkeiten sind nicht vorgesehen. In Übereinstimmung mit dem Stand der fachlichen Entwicklung ist es notwendig, die bisher noch weitgehend schulenorientierte Ausbildung zugunsten einer problem- und störungsspezifischen Ausbildung in „Allgemeiner wissenschaftlicher Psychotherapie“ zu ersetzen.
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