ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/200350. Todestag von Harald Schultz-Hencke: Theorie vom „gehemmten Menschen“

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50. Todestag von Harald Schultz-Hencke: Theorie vom „gehemmten Menschen“

PP 2, Ausgabe Juni 2003, Seite 259

Goddemeier, Christof

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LNSLNS 1953 starb der Begründer der „Neopsychoanalyse“.

Harald Schultz-Hencke bezeichnete seine Ideen als ein „Amalgam aus Freud, Adler und Jung“. Er selbst will den Gedanken seiner „Vorläufer“ nur einen kleinen Teil an Eigenständigkeit beigefügt haben. Aber das ist wohl eine Untertreibung. Denn der Urheber der „Neopsychoanalyse“ hat auf durchaus originelle Weise nicht nur Tiefenpsychologie, sondern auch Biologie, Philosophie und angrenzende Humanwissenschaften in seine Lehre „hineingearbeitet“.
Harald Schultz-Hencke wurde 1892 in Berlin geboren. Seine Mutter war eine der ersten Graphologinnen in Berlin. Von ihr erhielt er frühe Anregungen in psychologisch-geisteswissenschaftlicher Richtung. In Freiburg im Breisgau studierte er Medizin und absolvierte ab 1922 seine Lehranalyse am Berliner Psychoanalytischen Institut. Wie alle neopsychoanalytischen Freud-Kritiker stieß er sich an dessen Triebbegriff und dem Konstrukt der Libido, das diesem zugrunde liegt. Demgegenüber sah Schultz-Hencke das Seelenleben durch eine Vielzahl von „autochthonen Antriebserlebnissen“ oder Bedürfnissen bewegt. Während Freud die Säuglingsseele „polymorph pervers“ beginnen lässt, spricht Schultz-Hencke von „intentionalem Antriebserleben“ und meint damit Zuwendung zur Welt und Teilhabe an ihr. 1940 erschien sein Hauptwerk „Der gehemmte Mensch“, vom Autor als „Entwurf eines Lehrbuches der Neo-Psychoanalyse“ bezeichnet. Mit ungewöhnlicher Genauigkeit geht er hier auf alle Fragen der Tiefenpsychologie und Psychotherapie ein. Bald darauf sprach man von einer „vierten Schule“ der Psychoanalyse. Wegen seines schwerfälligen Stils fand das Buch indes nicht nur Zustimmung: Gustav Richard Heyer, ein prominenter Jungianer am Berliner Institut, soll gesagt haben, er äße lieber eine Schachtel Streichhölzer als zehn Seiten Schultz-Hencke zu lesen.
Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, galten Psychoanalyse und die Individualpsychologie Alfred Adlers als „rassenfremde Psychologien“. Unter der Leitung von Matthias Heinrich Göring, einem entfernten Verwandten des Reichsmarschalls Göring, wurde 1936 in Berlin das Deutsche „Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie“ gegründet, das gegenüber dem Regime absolut „linientreu“ war. Ob Schultz-Hencke zum nationalsozialistischen Mitläufer wurde, ist nicht klar. 1934 veröffentlichte er einen Aufsatz mit dem Titel „Die Tüchtigkeit als psychotherapeutisches Ziel“ – die darin enthaltenen Anschauungen kann man als Annäherung an den damals vorherrschenden Tonfall lesen. Andererseits soll er in einem Gespräch mit Institutsleiter Göring gesagt haben, er sei kein Nationalsozialist und wolle auch nie einer werden.
Nach dem Krieg gründete er mit Werner Kemper das „Zentralinstitut für psychogene Erkrankungen“. Da eine Professur an der neu gegründeten Humboldt-Universität mit einer Übersiedlung in den Ostteil der Stadt verbunden gewesen wäre, verzichtete er auf den Titel und baute das Institut zu einer Stätte von Forschung, Therapie und Lehre aus. Im „Lehrbuch der analytischen Psychotherapie“ von 1951 vertritt er die tröstliche Ansicht, dass, „wer scharf auf die menschliche Natur und ihre Gründe hinblickt, (. . .) das Bild des faktischen Menschen nicht nur ruhig erträgt, sondern im allgemeinen sogar gemütlich bejaht“.
Harald Schultz-Hencke starb am 23. Mai 1953 an den Folgen einer Blinddarmoperation. Vier Tage später wurde er in Berlin bestattet. Christof Goddemeier
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