ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2003Psychotherapie und Prävention: Kindheit hat Folgen

THEMEN DER ZEIT

Psychotherapie und Prävention: Kindheit hat Folgen

PP 2, Ausgabe Juni 2003, Seite 260

Bühring, Petra

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LNSLNS Bei den Lindauer Psychotherapiewochen befassten sich Wissenschaftler mit den Auswirkungen psychosozialer
Belastungen in der Kindheit auf die spätere Entwicklung.

Die Wechselwirkungen zwischen Psyche, Körper und der sozialen Umgebung in der frühen Kindheit bestimmen die Entwicklung zum Erwachsenen. Wenn ein Kind unter erheblichen psychosozialen Belastungen zu leiden hat, hat dies negative Auswirkungen auf sein späteres Leben und seine Gesundheit. Daten, die diesen Zusammenhang belegen, gibt es erst seit etwa fünf Jahren. Grund für die Veranstalter der 53. Lindauer Psychotherapiewochen im April, das Thema genauer zu betrachten: „Kindheit hat Folgen“ hieß das Leitthema der ersten Woche. Schließlich können Psychotherapeuten ihre Kenntnisse bei der Konzeption von Programmen zur psychosozialen Prävention in der frühen Kindheit Politikern zur Verfügung stellen.
Gesundheitliches Risikoverhalten erhöht
Einer der ersten, der die Auswirkungen frühkindlicher Stresserfahrungen untersuchte, war Prof. Vincent Felitti, San Diego, USA. In einer Studie (Felitti et al. 1998) stellte er fest, dass beispielsweise die Häufigkeit von Alkoholabusus bei denjenigen, die vier und mehr frühe Stresserfahrungen hinter sich haben, um das 7,4fache erhöht ist. Der Konsum von harten Drogen (i.v.) war im Vergleich zur Kontrollgruppe um 10,3fach wahrscheinlicher; das Risiko eines Suizidversuchs erhöhte sich um das 12,2fache. Frühkindliche Stresserfahrungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit gesundheitlichen Risikoverhaltens, vorzeitiger Mortalität, somatoformer Störungen, Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, delinquenten Verhaltens sowie Borderline- und anderer psychischer Störungen. Darauf wies der Schmerzforscher Prof. Dr. med. Ulrich T. Egle, Mainz, aufgrund prospektiver Längsschnittstudien hin.
Johnson (1999) konnte nachweisen, dass 54 Prozent der Kinder, die körperlich misshandelt wurden, als Erwachsene eine narzisstische-, antisoziale oder Borderline-Persönlichkeitsstörung aufwiesen. Johnson (2002) untersuchte auch den Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum in der Kindheit und Gewaltbereitschaft bei Männern: Wer vor dem 16. Lebensjahr täglich zwischen einer und drei Stunden vor dem Fernsehgerät saß, hatte bereits eine signifikant erhöhte Gewaltbereitschaft; bei mehr als drei Stunden waren es knapp 42 Prozent. Diesem Zusammenhang will das „neue Jugendschutzgesetz“ entgegenwirken.
Die Missachtung des Rechts auf körperliche Unversehrtheit ist für Egle „das größte gesundheitliche Problem in Deutschland“. Ein Viertel der psychosomatischen Patienten an seiner Klinik seien in ihrer Kindheit häufig geschlagen beziehungsweise misshandelt worden. Zwar gibt es ein Gesetz, das Eltern verbietet, ihre Kinder zu schlagen, doch sei dies zu wenig bekannt. Egle wies auf gute Erfolge in Schweden hin. Dort wurde der Hinweis auf das Verbot auf Milchpackungen jahrelang abgedruckt – eine simple, aber sinnvolle Maßnahme.
Egle stellte weiter die Ergebnisse großer prospektiver Langzeitstudien vor, zum Beispiel der Kauai-Studie, die psychische Stressfaktoren an rund 700 Kindern einer kleinen Hawaii-Insel über 40 Jahre untersuchte. Belastend sind demnach:
- eine emotional schlechte Beziehung zu den Eltern (negative Bindungserfahrung)
- körperliche Misshandlung
- sexueller Missbrauch
- berufliche Anspannung der Eltern von Anfang an
- Altersabstand zu Geschwistern in einem Alter von weniger als 18 Monaten
- schlechte finanzielle Situation
- Folgen elterlicher Trennung
- chronisch psychisch oder körperlich kranke Eltern
- Tod der Eltern.
Doch psychosoziale Belastungen in der Kindheit führen nicht zwangsläufig zu seelischen oder körperlichen Schäden. Die Kauai-Studie untersuchte auch die Schutzfaktoren:
- adäquate frühkindliche Eltern-Kind-Bindung
- dauerhaft gute Beziehung zur primären Bezugsperson
- Großfamilie
- gutes Ersatzmilieu nach Verlust der Eltern
- überdurchschnittliche Intelligenz
- robustes aktives Temperament
- weibliches Geschlecht
- stabile Partnerschaft.
Neben diesen Schutzfaktoren können in der Entwicklung eines Kindes positive Erfahrungen die durch die negativen Erfahrungen gemachten Defizite auffangen (Resilienz) – auch die Defizite, die im kindlichen Gehirn entstanden sind. Heute ist bekannt, dass die neuronale Verknüpfung im Gehirn unmittelbar mit der erfahrenen Erziehung und Sozialisation zusammenhängt, die ein Kind vor allem in den ersten drei Lebensjahren macht. Diese Strukturierung des Gehirns bestimmt später wesentlich, wie Beziehungen gesucht und gestaltet und gelebt werden. Der Psychosomatiker Egle fordert daher als Konsequenz für die Psychotherapie, die neurobiologischen Faktoren stärker zu berücksichtigen.
Die Aufmerksamkeit der Psychotherapie Kinder und Jugendlicher richtet sich derzeit verstärkt auf die Förderung der protektiven Faktoren in der Entwicklung und darauf, welche Ressourcen vorhanden sind. Dies betonten die Leiter der Lindauer Psychotherapiewochen, Prof. Dr. med. Manfred Cierpka, Heidelberg, und Prof. Dr. Verena Kast, St. Gallen. Mit präventiven Maßnahmen könnten die emotionalen und sozialen Kompetenzen bei Eltern und Kindern gefördert werden. Beispielsweise mit einem Curriculum zur Gewaltprävention wie „Faustlos“: Mit dem von Cierpka entworfenen Programm lernen Kinder in Kindergärten und Schulen mit gutem Erfolg mit Konflikten umzugehen, ohne Gewalt anzuwenden (zu „Faustlos“ siehe DÄ, Heft 19/2002).
Politischer Wille nötig
Den Weg, über die Eltern kindlichen Verhaltensauffälligkeiten vorzubeugen, nimmt Triple P (Positive Parenting Program). Das an der Universität von Queensland, Australien, entwickelte „Positive Erziehungsprogramm“ hilft Eltern, durch unterschiedliche Interventionen, gestuft von reiner Information bis zur Familientherapie, eine gute Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen und es so in seiner Entwicklung zu fördern (Internet: www. triplep.de).
Um diese und andere Konzepte zielgenau umzusetzen, sind vor allem Politiker nötig, die einsehen, dass zum Beispiel Gewalt an Schulen frühzeitig vorgebeugt werden kann. Das Schulmassaker in Erfurt vom April 2002 ist Mahnung genug. Petra Bühring


Neues Jugendschutzgesetz
Am 1. April 2003 sind Neuregelungen zum Jugendschutz in Kraft getreten. Die Kernpunkte:
- Computer- und Videospiele müssen mit einer Altersfreigabekennzeichnung versehen werden.
- Kriegsverherrlichende Darstellungen, solche, die Menschen in einer die Würde verletzenden Weise zeigen, sowie Medien, die Jugendliche in „geschlechtsbetonter“ Haltung abbilden, sind mit einem „weitreichenden“ Vertriebs- und Werbeverbot belegt.
- Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (bisher: Schriften) kann künftig auch alle neuen Medien indizieren.
- Die gewerbliche Abgabe von Tabakwaren an Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren ist verboten. Für Zigarettenautomaten gilt eine Übergangsfrist bis 2007.
- Tabak- und Alkoholwerbung in Kinos vor 18 Uhr ist verboten.



Die 54. Lindauer Psychotherapiewochen finden vom 25. April bis 7. Mai 2004 in Lindau am Bodensee statt. Thema der ersten Woche: „Das Auge“; zweite Woche: „Das Herz“.
  Informationen: Lindauer Psychotherapiewochen, Platzl 4 A, 80331 München, Tel.: 0 89/29 16 38 55,
E-Mail: Info@Lptw.de, Internet: www.Lptw.de
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