ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2003Analytische Kindertherapie: Rückbesinnung auf die Psychagogik

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Analytische Kindertherapie: Rückbesinnung auf die Psychagogik

PP 2, Ausgabe Juni 2003, Seite 262

Bühring, Petra

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LNSLNS Die analytischen Kinderpsychotherapeuten wollen verstärkt mit Schulen, Kindergärten und Erziehungsberatungsstellen zusammenarbeiten.

Eine Rückbesinnung auf die pädagogischen Grundberufe und deren Bedeutung für die kinderanalytische Arbeit sei notwendig, um den Problemen von Gewalt und Destruktivität bei Heranwachsenden begegnen zu können. Das forderte Renate Höhfeld, Vorsitzende der Vereinigung der analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (VAKJP), bei der 50. Jahrestagung Anfang Mai in Frankfurt am Main. „Wir müssen uns auf das Berufsbild des Psychagogen besinnen“, sagte Höhfeld vor rund 500 Teilnehmern. „Psychagogen“ wurden nach dem Zweiten Weltkrieg so genannte Erziehungsbetreuer genannt, die den Ärzten halfen, die kriegstraumatisierten Kinder zu versorgen. Denn schon damals standen – wie heute – viel zu wenig Kinderpsychotherapeuten zur Verfügung. Psychagogen arbeiteten in Erziehungsberatungsstellen und Kinderheimen und durften selbst nicht behandeln. Unter dem „Decknamen“ Psychagoge musste sich der Beruf des Kindertherapeuten teilweise heimlich psychoanalytisch weiterentwickeln, berichtete Höhfeld. Denn Bestrebungen während der 20er-Jahre, analytische Kindertherapeuten gesondert auszubilden, waren aufgrund der Verfolgung jüdischer Psychoanalytiker durch die Nazis zunichte gemacht beziehungsweise nicht weiter verfolgt worden*. „Die Zerstörung der Psychoanalyse in der Nazi-Zeit hinterließ in der Kinderanalyse eine tiefe Kluft zwischen den Entwicklungen von Theorie und Behandlungstechnik in Deutschland, England und Frankreich, die wir erst allmählich durch kollegialen Austausch überwinden“, so Höhfeld.
Kollegialer Austausch mit anderen Berufsgruppen fand auch auf der Jubiläumstagung statt: Erstmalig hatte die VAKJP Kinderärzte, Psychiater, Sozialarbeiter und Lehrer eingeladen, um das Leitthema „Angst und Destruktivität in unserer Zeit“ interdisziplinär zu diskutieren. Besonders Lehrer müssten sensibilisiert werden, um die Krisen der Kinder frühestmöglich wahrzunehmen, forderte Marieanne Simon, Pressesprecherin der VAKJP. Denn eine Tat wie die des Amokläufers Robert Steinhäuser in Erfurt hätte vermieden werden können, wäre er rechtzeitig therapiert worden, dessen ist sich Renate Höhfeld sicher. Nicht nur bedürften die Lehrer Fortbildung und Supervision durch Analytiker, betonte Simon, wichtig sei auch eine bessere Vernetzung zwischen Schule, Jugendämtern, Erziehungsbe-
ratungsstellen, Psychotherapeuten und Kinderärzten, um bei auffälligen Kindern frühzeitig zu intervenieren. Zusätzlich müssten den Schulen mehr Schulpsychologen und Sozialarbeiter zur Verfügung gestellt werden. „Heute hat ein Schulpsychologe oft 200 Schulen zu betreuen“, beklagte Beate Kunze, Institut für analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Frankfurt. Neben kleineren Klassen müsse vor allem die Beziehungsfähigkeit der Lehrer unterstützt werden. „Es ist wichtig, sich mit den Aggressionen der Kinder und der Lehrer auseinander zu setzen“, erklärte sie. Es sollte für Lehrer „normaler sein“, zuzugeben, wenn sie mit einem Kind nicht zurechtkommen. „Aggressive Konflikthaftigkeit muss als zum Menschen dazugehörig anerkannt und in eine sozial akzeptierte Auseinandersetzung überführt werden“, betonte Simon.
Gerade auch im Hinblick auf den angestrebten Ausbau der Ganztagsbetreuung seien Erzieher und Lehrer nur unzureichend vorbereitet, sagte Dr. phil. Eberhard Windaus, Institut für Psychoanalyse der Universität Frankfurt/Main. Kinderanalytiker sollten sich deshalb an ihre Wurzeln erinnern und Kindergärten, Schulen und Erziehungsberatungsstellen, aber auch der Säuglingsfürsorge verstärkt Angebote unterbreiten. „Vor allem von der spezifisch psychoanalytischen Bearbeitung unbewusster Konflikte können diese Berufsfelder profitieren.“ Der analytischen Kinderpsychotherapie könnten sich damit auch neue Arbeitsfelder erschließen. Denn deren Zukunft betrachtet Windaus, der auch Mitglied in dem bei der Bundes­ärzte­kammer angesiedelten Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie ist, kritisch: „Der Psychoanalyse bläst der Wind entgegen.“
Mehr Forschung analytischer Therapien gefordert
Dem häufig geäußerten Vorwurf, psychoanalytische Therapien dauerten zu lang, seien nicht ausreichend evaluiert und nicht störungsspezifisch, entgegnete er, dass sich aus den derzeitigen Wirksamkeitsstudien nicht die Überlegenheit der Verhaltenstherapie belegen ließe. Doch allein die große Zahl an Studien, die kognitiv-behaviourale Therapien untersuchen, „scheint für die Effektivität zu sprechen“, beklagt er. Dies führt er unter anderem darauf zurück, dass die meisten Lehrstühle in Deutschland von verhaltenstherapeutisch orientierten Inhabern besetzt sind. Notwendig sei daher mehr Forschung analytischer Kindertherapien. Bei dem von der Bundesregierung vorgesehenen Forschungsschwerpunkt Psychotherapie müsse dies besonders berücksichtigt werden.
Dafür spricht, dass immerhin 90 Prozent der nicht-ärztlichen niedergelassenen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten Analytiker sind – dies wurde in einer Bestandsaufnahme vor dem Psychotherapeutengesetz festgestellt. Petra Bühring

* Beiträge zur Geschichte sind im Jubiläumsband zur Tagung enthalten: Vereinigung der analytischen Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten (Hrsg.): Therapeutischer Prozess und Behandlungstechnik bei Kindern und Jugendlichen. Ausgewählte Aufsätze aus vier Jahrzenten und Beiträge zur Geschichte. Frankfurt: Brandes & Apsel Verlag 2003.
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