ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2003Rationierung – Diagnose: Zu alt

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Rationierung – Diagnose: Zu alt

Dtsch Arztebl 2003; 100(24): A-1637 / B-1357 / C-1273

Krüger-Brand, Heike E.

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LNSLNS Wer alt, krank und obendrein arm ist, hat schlechte Karten: Sein „therapeutisches Verfallsdatum“ soll künftig bei 75 Jahren liegen. Zumindest wenn es nach den Vorstellungen einiger Wissenschaftler geht, die in der ARD-Sendung „Report“ vom 2. Juni laut darüber nachgedacht haben, wie das Gesundheitssystem saniert werden kann. Die Experten, darunter Prof. Dr. Joachim Wiemeyer, Lehrstuhlinhaber für christliche Gesellschaftslehre an der Katholischen Fakultät der Universität Bochum, und der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Friedrich Breyer, Konstanz, forderten für Kassenpatienten eine Altersbegrenzung bei teuren medizinischen Leistungen wie Dialyse oder Herzoperationen. Die Begründung: Der therapeutische Nutzen sei zu gering, die Kosten zu hoch. So wird der katholische Theologe mit der Äußerung in den Medien zitiert, dass vor allem für Jüngere medizinische Leistungen bereitgestellt werden müssten und nicht jede lebensverlängernde Maßnahme für sehr alte Leute noch durchzuführen sei. Die Deutsche Bischofskonferenz hat sich inzwischen entschieden von der Position Wiemeyers distanziert und will nach einem klärenden Gespräch über die weitere Zusammenarbeit mit diesem entscheiden.
Erwartungsgemäß haben auch die Ärztevertreter diese Ansichten scharf verurteilt. Die Bundes­ärzte­kammer mahnte, die Einführung von Altersgrenzen für medizinische Behandlung erinnere an „Euthanasie unter anderen Vorzeichen“. Die Ärzteschaft werde sich nicht in einen „Öko­nomi­sierungswahn des Gesundheitswesens hineinziehen lassen“. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung erkärte, die Vorschläge seien „unethisch, widersprechen dem Geist der solidarischen Kran­ken­ver­siche­rung und dem Selbstverständnis der deutschen Ärzteschaft“. Der Marburger Bund bezeichnete die Forderung als „an Menschenverachtung kaum zu überbieten“. Auch Gesundheitspolitiker wie Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt und Horst Seehofer lehnten die Überlegungen strikt ab.
Dass Experten Lösungsvorschläge wie eine feste Altersrationierung öffentlich erwägen, zeigt dennoch, wie sehr die Diskussion um die Reform des Gesundheitswesens bereits von den Themen Rationierung und Sparzwang beherrscht wird – mal mehr, mal weniger offen. Bei den Patienten mag der Verdacht aufkommen, hier werde der Boden für zu schaffende Tatsachen bereitet. Ihre Bedürfnisse und ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Altern sind dabei, scheint’s, nebensächlich. Heike E. Krüger-Brand
Das DÄ hat unter www.aerzteblatt.de/foren zu diesem Thema ein Diskussionsforum „Altersrationierung“ eingerichtet.
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