ArchivDeutsches Ärzteblatt24/20031. Ökumenischer Kirchentag: „Den Sterbenden ein Segen sein“

POLITIK

1. Ökumenischer Kirchentag: „Den Sterbenden ein Segen sein“

Rühmkorf, Daniel

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Rund 8 000 Katholiken und Protestanten haben beim Ökumenischen Kirchentag gemeinsam Christi Himmelfahrt gefeiert. Foto: dpa
Rund 8 000 Katholiken und Protestanten haben beim Ökumenischen Kirchentag gemeinsam Christi Himmelfahrt gefeiert. Foto: dpa
Interkultureller Umgang mit Leiden und Tod

Was interessiert mich der Tod?“ fragte der Philosoph Epikur. „Wo der Tod ist, da bin ich nicht, und wo ich bin, da ist der Tod nicht!“ Eine genial einfache Lösung. Aber diese Auffassung hat nur so lange Bestand, wie man sich als Gesunder von gesunden Menschen umgeben sieht.
Während des 1. Ökumenischen Kirchentages in Berlin trafen sich in der Kreuzberger Emmaus-Kirche Menschen, die andere Erfahrungen als der Philosoph gesammelt haben. Angehörige, Krankenhausseelsorger, Pflegekräfte und Ärzte tauschten hier unter dem Motto „den Sterbenden ein Segen sein“ ihre Erfahrungen und Positionen aus.
In die Emmaus-Kirche kamen Kirchentagsbesucher, die andere Menschen leidend und sterbend erlebt haben. Der Tod ist ein zentrales Thema aller Religionen. Und bei aller Vielfalt will jede Glaubensrichtung auf ihre Weise „den Sterbenden ein Segen sein“. Gemeindepastor und Initiator Jörg Machel hatte den Tod in den Mittelpunkt gerückt, um Suizid, Sterbehilfe, Sterben in Würde und Trauerarbeit zu thematisieren. „Mit anderen Augen“ wurden hebräische Bibel, Neues Testament und Buddhas Lehren interpretiert. In Film-Workshops, Meditationen, Lesungen, Musikveranstaltungen, Vorträgen und Podiumsdiskussionen näherte sich das Publikum dem schweren Thema.
Der Leiter der Palliativstation im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin, Priv.-Doz. Dr. med. H. Christoph Müller-Busch, zeigte die Kehrseite der erfolgreichen Medizin. „Die Fortschritte der modernen Medizin erlauben es, Sterbeprozesse qualvoll in die Länge zu ziehen . . . Menschenwürdiges Sterben bedeutet aber, für einen erträglichen Sterbeprozess Sorge zu tragen.“ Aus den Erfahrungen der staatlichen Euthanasie im Dritten Reich heraus tue die Ärzteschaft gut daran, die aktive Sterbehilfe abzulehnen. Müller-Busch warnte die Befürworter der aktiven Sterbehilfe davor, dass schnell aus dem geforderten Recht eine Pflicht werden könne. Andererseits, so beklagte Müller-Busch, sei „Übertherapie, Aktionismus oder nur symbolhaftes Handeln“ ein weit verbreitetes Phänomen unter Ärzten. Viel zu oft werde aus falschem Augenmaß heraus gegen den Willen des Patienten agiert. Im Zweifelsfall werde alles Machbare getan. Eine Patientenverfügung könne an dieser Stelle beiden Seiten helfen, dem Willen des Patienten nachzukommen.
„Wir brauchen ein besseres Verständnis für die Bedürfnisse der Schwerstleidenden und Sterbenden. Jeder Arzt sollte in der Lage sein, seinen Patienten bis zu seinem Ableben würdig und kompetent zu begleiten“, forderte die Ex-Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin. In ihrer Funktion als Schirmherrin der Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz sprach sie sich dafür aus, aktive Sterbehilfe weiterhin zu untersagen. Parallel dazu müssten aber die Hospizbewegung und die Palliativmedizin stärkere Unterstützung finden. Das erneute Votum des Ärztetages für den Ausbau der Palliativmedizin und gegen die aktive Sterbehilfe stärke der Hospizbewegung den Rücken. Viele Menschen, die sich für Sterbehilfe aussprächen, wollten in Wirklichkeit eine Sterbebegleitung, mit der ihnen unerträgliches Leiden vor dem Tod erspart bliebe. Der ärztliche Heilberuf diene dem Leben. Ein Arzt handele nach dem hippokratischen Grundsatz: Non nocere (nicht schaden). Deshalb dürfe dieser Berufsstand der Helfenden und Heilenden nicht den Freibrief zur Tötung erhalten.
Fehl- oder Todgeburten und der plötzliche Kindstod sind unerträgliche Schicksalsschläge für die betroffenen Eltern. Frauen und Paare fühlen sich mit ihrer Trauer und ihren Schuldgefühlen oft allein gelassen. Auf dem Kirchentag wurde klar, dass viele Todgeburten unter unwürdigen Bedingungen das Licht der Welt erblicken und beerdigt werden. Das von den Eltern noch nicht realisierte Unglück begegnet professionellem Umgang mit Toten. Eine Zusammenarbeit von Hebamme, Arzt und Krankenhausseelsorge kann die persönlichen Leiden lindern. Allerdings beklagte die Hebamme Jutta Bartholomé von der Initiative Regenbogen – glücklose Schwangerschaft e.V., dass immer noch in vielen Häusern die Chefärzte alleine entschieden, wie mit Totgeburten umgegangen werden solle.
Überfüllt war die Emmaus-Kirche beim Auftritt des Paderborner Theologen Eugen Drewermann. In seiner Interpretation des Grimmschen Märchens „Gevatter Tod“ nahm sich Drewermann der Rolle des Arztes an, dessen Pate Gevatter Tod war. Sein Streben nach Reichtum, Schönheit und Macht lässt ihn seine Absprache mit dem Tod vergessen. Als er ein zweites Mal Gevatter Tod austrickst, macht dieser mit dem Arzt kurzen Prozess. Für Drewermann dokumentiert sich darin die Eitelkeit des Arztes. Er sei mächtig, weil er die Konstellation des Todes begreift, aber die Macht der Verzögerung des Todes bedeute gleichzeitig eine Begrenzung und Kränkung seiner Heilkunst.
Wolfgang Amadeus Mozart hat im Requiem musikalisch den Tod thematisiert. Ganz im Sinne des interkulturellen Ansatzes wurde das Requiem – flankiert von jüdischen, anatolischen und buddhistischen Gesängen – in der Emmaus-Kirche aufgeführt. Beeindruckend an der Themenarbeit war die Ernsthaftigkeit, mit der die Kirchentagsbesucher eigene Erlebnisse berichteten, einander zuhörten und nach gemeinsamen Lösungen suchten. So konnten die Teilnehmer vor allem irdische Lebenshilfe während des Kirchentages in der Emmaus-Gemeinde erfahren. Gemeindepastor Jörg Machel zollte dem Publikum Respekt und erklärte es zu „Fachleuten des Leids“. Dr. med. Daniel Rühmkorf
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote