ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2003Ökumenischer Kirchentag in Berlin: Kinderwunsch oder Kind nach Wunsch?

POLITIK

Ökumenischer Kirchentag in Berlin: Kinderwunsch oder Kind nach Wunsch?

Dtsch Arztebl 2003; 100(24): A-1644 / B-1364 / C-1280

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LNSLNS Ethiker, Ärzte und Juristen fordern bessere Möglichkeiten, um
Kindererziehung, Ausbildung und Beruf miteinander zu vereinbaren.
Einhellige Ablehnung der Präimplantationsdiagnostik.

Auf dem 1. Ökumenischen Kirchentag in Berlin diskutierten Wissenschaftler und Kirchentagsgäste die Familienpolitik und die Reproduktionsmedizin. Der Tübinger Sozialethiker Prof. Dr. Dietmar Mieth sieht in der Kinderlosigkeit ein soziales Problem. Dabei stünde der Kinderlosigkeit jeder dritten Frau ein Kinderwunsch bei 80 Prozent aller Frauen gegenüber. Die heutigen Anforderungen von Flexibilität und Mobilität der Arbeitnehmer laufen dem Familienwunsch zuwider. Die durch fehlende Unterstützung hervorgerufene Kinderlosigkeit könne auch die Reproduktionsmedizin nicht beheben. Bevor man zu technischen Lösungen greife, sollten die sozialen Ursachen des Geburtenrückgangs untersucht werden.
Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, erläuterte den Kirchentagsteilnehmern, dass Schwangerschaften mit zunehmendem Alter risikoreicher würden. Aus medizinischen Erwägungen sei es darum sinnvoll, so Hoppe, eine frühe Familiengründung zu fördern. Der Kölner Gesundheitsökonom Prof. Dr. med. Dr. Karl W. Lauterbach unterstrich die Bedeutung der Familienpolitik auf die sozialen Sicherungssysteme. Eine kinderlose Gesellschaft drohe zu vergreisen und könne das soziale Sicherungssystem sprengen. Erste Vorzeichen seien bereits deutlich geworden.
Einhellig lehnten die Wissenschaftler die Präimplantationsdiagnostik ab. Diese diene alleine der Selektion von Embryonen und müsse daher auch weiter verboten bleiben. Aber auch bei der Pränataldiagnostik (PND) müsse man sich fragen, welche Konsequenz diese Untersuchung für das betroffene Paar und für das gesellschaftliche Ansehen von Menschen mit einer angeborenen Behinderung haben werde. Die Lehrstuhlinhaberin für Öffentliches Recht und Rechtsvergleichung, Prof. Dr. Ute Sacksofsky, aus Frankfurt/Main, plädierte wie auch ihre Diskussionspartner auf dem Podium dafür, die Pränataldiagnostik auf den Prüfstand zu stellen. Hoppe wandte ein, dass die PND dazu dienen könne, beispielsweise Herzfehler zu erkennen und noch während der Schwangerschaft im Mutterleib zu operieren. Insofern hätte der Fetus einen direkten Nutzen von dieser Untersuchung. Aber bisher arbeiteten nach Hoppes Auffassung die Mediziner in einer „völlig inkonsistenten Rechtslage“.
Die Kirchentagsveranstaltung war ein deutliches Zeichen dafür, dass ein erheblicher Diskussionsbedarf besteht. Das Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer Rudolf Henke und Dr. Julika Mayer, Wissenschaftlerin am Institut für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth, hatten als „Anwälte des Publikums“ über 80 Fragen an die Wissenschaftler zu bündeln. DR
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