ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2003Interview mit dem Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, Ökumenischer Kirchentag, 29. Mai, in Berlin

POLITIK: Das Interview

Interview mit dem Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, Ökumenischer Kirchentag, 29. Mai, in Berlin

Dtsch Arztebl 2003; 100(24): A-1645 / B-1365 / C-1281

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Bernhard Eifrig Interview mit dem Präsidenten der Bundesärztekammer, Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, Ökumenischer Kirchentag, 29. Mai, in Berlin
Foto: Bernhard Eifrig Interview mit dem Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, Ökumenischer Kirchentag, 29. Mai, in Berlin
DÄ: Herr Präsident, die Medizin schafft Möglichkeiten zur Diagnose und Therapie, die auch hier auf dem 1. Ökumenischen Kirchentag in der Diskussion um die Präimplantationsdiagnostik (PID) diskutiert werden. Diese Möglichkeiten verursachen dann gesellschaftliche Probleme. Wer trägt dafür die Verantwortung?
Hoppe: Diese Möglichkeiten sind ja die Antworten auf Probleme, die aus der Bevölkerung an die Medizin herangetragen werden. Die Medizin findet dann Lösungen, die natürlich ihrerseits wieder Probleme produzieren. Das ist ein Hin und Her seit vielen, vielen Jahren, in der letzten Zeit immer intensiver. Wir tragen alle gemeinsam die Verantwortung.

DÄ: Ist es also notwendig, dass ein Diskurs stattfindet zwischen den Fachleuten, also den Politikern und den Medizinern, um sich darüber zu einigen, was überhaupt geleistet werden soll?
Hoppe: Ja, aber natürlich sollte die Gesellschaft mit einbezogen werden, weil sich dort ja die Meinung bildet, was man will und was man nicht will. Das ist keine rein politische Entscheidung, zum Beispiel ob wir PID zulassen in Deutschland, ja oder nein, das ist eine gesellschaftliche Entscheidung, die alle zusammen treffen müssen.

DÄ: Ich komme noch einmal zurück auf die Stimmungen. Es besteht ein Dilemma des individuellen Wünschens und des gesellschaftlichen Konsenses. Dieses Dilemma ist Teil der ärztlichen Beratungstätigkeit. Wie fangen Ärzte das auf?
Hoppe: Wir Ärzte versuchen, die Patientinnen und Patienten optimal aufzuklären. Alle Zusammenhänge müssen wir bezeichnen und beschreiben. Dann suchen wir mit dem Betroffenen partnerschaftlich nach einer für das jeweilige Individuum geeigneten Lösung.

DÄ: Dabei ist oftmals schwierig, dass das, was gesellschaftlich als nützlich oder als gut angesehen wird, vom Individuum nicht akzeptiert wird. Schafft das nicht Frustrationen für den Arzt?
Hoppe: Das kann passieren, auch umgekehrt kann es so sein, dass Ärzte gerne etwas anwenden würden, was nicht erlaubt ist. Und deshalb können sie manchen Menschen nicht so helfen, wie sie das gerne tun würden. Aber damit muss man sich eben abfinden, wir sind ja nicht alleine auf der Welt. Wir leben in einer großen Gemeinschaft in Deutschland von nahezu 80 Millionen Menschen, und da hat man sich dann auch nach der Mehrheitsmeinung zu richten.

DÄ: Eine Frage noch zur Finanzierbarkeit unseres Gesundheitssystems. Im Moment ist ja in der Diskussion, dass man unter anderem die Reproduktionstechniken über Steuer finanzieren möchte. Sie hatten auf dieser Veranstaltung auch angesprochen, dass es in der Familienpolitik um eine Querschnittsaufgabe verschiedener gesellschaftlicher Bereiche geht. Halten Sie es für richtig, dass die Familienleistungen zum guten Teil aus dem Leistungskatalog der Kassen gestrichen werden und steuerfinanziert werden?
Hoppe: Ja, ich halte das für richtig, denn es handelt sich hierbei um eine Angelegenheit, die die gesamte Gesellschaft betrifft. Wenn sich unsere Bevölkerung fortpflanzen soll, dann ist das eine Angelegenheit, die nichts mit Krankheit, sondern mit Familien- oder Fortpflanzungspolitik zu tun hat. Aber es ist sicher nicht gut und richtig, wenn man aus den Löhnen der Beitragszahler diese Dinge bezahlen lässt. Ich bin der Meinung, dass für diese gesamtgesellschaftlichen Aufgaben die Steuer die richtige Quelle ist, um das zu finanzieren. Ich möchte aber nicht, dass die Menschen mit diesen Problemen alleine gelassen werden, also dass das privatisiert wird, sondern es soll schon die Allgemeinheit dafür aufkommen, wenn wir Wert darauf legen, dass das Volk sozusagen bestehen bleibt, indem es sich fortpflanzt.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Interviews