ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2003Ärztestatistik: Moderater Bestandszugang, Ärztemangel zeichnet sich ab

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Ärztestatistik: Moderater Bestandszugang, Ärztemangel zeichnet sich ab

Dtsch Arztebl 2003; 100(24): A-1651 / B-1369 / C-1285

Clade, Harald

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LNSLNS Statistik der Bundes­ärzte­kammer meldet: Jetzt 301 060 Ärztinnen und Ärzte berufstätig.

Ende 2002 waren in Deutschland 381 342 Ärztinnen und Ärzte bei den Ärztekammern registriert, meldet die jüngste Statistik der Bundes­ärzte­kammer (Köln). Dies sind 1,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Zugang entspricht damit exakt den Steigerungsraten der beiden vorangegangenen Jahre. Zieht man von der Gesamtzahl aller Ärztinnen und Ärzte die 80 282 Ärztinnen und Ärzte ohne ärztliche Tätigkeit ab, waren Ende 2002 in West- und Ostdeutschland 301 060 Ärztinnen und Ärzte tätig, also 3 167 mehr als am 31. Dezember 2001. Der Zugang mit 1,1 Prozent im Jahr 2002 entspricht der des Vorjahres, ist allerdings niedriger als in den Jahren davor (1,2 beziehungsweise 1,5 Prozent). Die Rate des Nettozugangs an berufstätigen Ärztinnen und Ärzten liegt deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt. Allerdings gibt es erhebliche regionale Unterschiede: So ist in Sachsen-Anhalt die Zahl der berufstätigen Ärzte um 1,1 Prozent gesunken, das Saarland registriert eine Stagnation.
Eine Aufteilung nach Tätigkeitssektoren (Arztstruktur) ergibt folgendes Bild: Im ambulanten Sektor waren Ende letzten Jahres 131 329 Ärztinnen und Ärzte berufstätig. Im stationären Sektor waren 143 838 (+ 1,1 Prozent) Ärztinnen und Ärzte tätig. Die Zuwachsrate lag im vergangenen Jahr deutlich unter der des Jahres 2001 (zwei Prozent), was allerdings zum Teil auch auf eine statistische Umbasierung bei der Ärztekammer Nordrhein zurückzuführen ist. Auch im stationären Sektor gab es erhebliche regionale Unterschiede: So war in Sachsen-Anhalt und im Saarland die Zahl der stationär tätigen Ärzte um 1,4 beziehungsweise zwei Prozent zurückgegangen. In Thüringen stagnierte die Zahl.
Unter den Klinikärzten dominierten rund 129 400 Ärzte in nichtleitender Funktion. In leitender Position (Chef- und Oberärzte) waren rund 14 400 Krankenhausärzte tätig. Unter den Krankenhausärzten waren rund 10 900 für Spezialgebiete ermächtigt, an der ambulanten Versorgung teilzunehmen. Mehr als ein Fünftel der Medizinstudiumabsolventen beginnt nach dem Staatsexamen nicht mehr das Pflichtpraktikum von 18 Monaten als Arzt/Ärztin im Praktikum. Auch unter den Ärzten im Praktikum, die die Praktikumszeit durchlaufen haben, steigt die Zahl derjenigen, die dem Arztberuf den Rücken kehren, in andere Berufsfelder abwandern oder im Ausland berufstätig werden. Meldeten sich im Jahr 1998 noch 7 862 Absolventen des Medizinstudiums bei den Ärztekammern an, so betrug diese Zahl Ende 2002 nur noch 6 675. Dies entspricht einem Rückgang um 15,1 Prozent in vier Jahren.
Eine Unterversorgung, insbesondere von Hausärzten, zeichnet sich in den nächsten Jahren ab. Dies betrifft insbesondere die neuen Länder und hier die hausärztlich tätigen Ärzte und das Krankenhaus (hier vor allem Chefärzte). Wegen der Überalterung und fehlenden Nachwuchses werden im hausärztlichen Sektor – wenn nichts getan wird – spätestens 2007 katastrophale Verhältnisse erwartet.
Bis 2011 scheiden 23 000 Hausärzte aus
Die Statistik der Bundes­ärzte­kammer prognostiziert bis zum Jahr 2011, dass wahrscheinlich 23 000 Hausärzte (Allgemein- und Hausarztinternisten) auch wegen der gesetzlichen Altersgrenze für Vertragsärzte von 68 Jahren aus dem Berufsleben ausscheiden werden – ohne dass der Ersatzbedarf aus dem nachwachsenden Reservoir ausreichend gedeckt werden könnte. Heute sind bereits in vielen Krankenhäusern Krankenhausplanstellen, vor allem von leitenden Ärzten, unbesetzt oder bleiben längere Zeit unbesetzt. In den Krankenhäusern in Ostdeutschland fehlen zurzeit rund 1 000 Ärzte. Diese Entwicklung muss auch vor dem Hintergrund der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs (Urteil vom 2. Oktober 2000) zu den Arbeitszeiten von Klinikärzten interpretiert werden, nach der ärztlicher Bereitschaftsdienst als Arbeitszeit zu werten ist.
In vier Ärztekammerbezirken (Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt) ist die Zahl der ambulant tätigen Ärzte gesunken. In Sachsen-Anhalt ist auch die Zahl der Krankenhausärzte zurückgegangen, sodass dieses Bundesland einen Rückgang der berufstätigen Ärzte um 1,1 Prozent zu verzeichnen hatte. Auch im Saarland ging die Zahl der Krankenhausärzte zurück. Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt zum Beispiel hat fünf Hausarztstellen mit einer Umsatzgarantie ausgeschrieben. Besetzung bisher ohne Erfolg!
Überalterung der Ärzteschaft
Ungünstiger wurde die Altersstruktur. Die Überalterung der Ärzteschaft wird dadurch deutlich, dass der Anteil der jungen Ärzte (der unter 35-jährigen) an allen berufstätigen Ärzten von 27,4 im Jahr 1991 auf 17 Prozent im Jahr 2002 gesunken ist. Gleichzeitig ist der Anteil der älteren Ärzte (der über 59-jährigen) von 7,5 Prozent im Jahr 1991 auf 10,9 Prozent im Jahr 2002 gestiegen. 35 bis 40 Prozent der Hausärzte gehen in den kommenden zehn Jahren in Rente. Zugleich fehlen immer mehr junge nachrückende Hausärzte.
Der Anteil der Ärztinnen an der Gesamtzahl aller Ärzte ist im Jahr 2002 erneut leicht gestiegen und hat jetzt 37,9 Prozent (2001: 37,4; 2000: 37,1) der Gesamtzahl erreicht. Der Anteil der Ärztinnen an den berufstätigen Ärztinnen und Ärzte lag 1991 noch bei rund einem Drittel (33,6 Prozent). Seitdem hat sich der Frauenanteil um 12,8 Prozent erhöht.
Betrachtet man die Veränderungen der Anteile in den Tätigkeitsfeldern, so ergibt sich: 34,4 Prozent ambulant, 37,7 Prozent stationär, in Behörden/Körperschaften 2,7 Prozent, in sonstigen Bereichen 4,1 Prozent und nichtärztlich tätig 21,1 Prozent. Weniger stark wuchs die Zahl der im ambulanten Sektor tätigen Ärzte im Jahr 2002. Der Zugang betrug 1 343 (+ ein Prozent). Im Jahr 2000 betrug der Zugang noch 2 507 Ärztinnen und Ärzte, im Jahr 2001 noch 1 448 und im Jahr 1999 1 880 Ärztinnen und Ärzte. Der Anteil der Praxisärzte pendelt seit einigen Jahren um 44 Prozent.
Die Gesamtzahl aller niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte betrug Ende vergangenen Jahres 131 329. Die Zahl der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte stieg um 1 465 (+1,2 Prozent) auf 123 140. Weil im gleichen Zeitraum die Zahl der bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung registrierten Vertragsärzte nur um 620 stieg, bedeutet dies: Im Jahr 2002 hat sich die Zahl der ausschließlich privatärztlich tätigen Ärztinnen und Ärzte auf 6 300 deutlich erhöht. Der Anteil der im ambulanten Sektor tätigen Ärztinnen stieg im Jahr 2002 von 33,5 Prozent auf 33,7 Prozent. Damit setzte sich die Tendenz eines steigenden weiblichen Anteils im ambulanten Sektor fort.
Bei Behörden und Körperschaften und in sonstigen Bereichen zusammen waren 25 893 Ärzte tätig, rund 1,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Anteil der berufstätigen Ärzte in diesem Bereich liegt wie im Vorjahr bei 8,6 Prozent. Er ist über die Jahre betrachtet relativ konstant. Auffälligen Zugang in diesem Sektor oder einen Abgang in den stationären oder ambulanten Bereich lässt sich nicht feststellen. Die Bestandsbewegungen verliefen in den einzelnen Facharztgruppen unterschiedlich. Sehr große Zugangsraten hatten die Gebiete der Herzchirurgie (+21,2 Prozent), Kinder- und Jugendpsychiatrie und
-psychotherapie (+20,1 Prozent) sowie Psychiatrie und Psychotherapie (+18,6 Prozent). Bemerkenswert ist aber auch der Zugang in den Fachgebieten Plastische Chirurgie (+18,2 Prozent), Phoniatrie und Pädaudiologie (11,7 Prozent) sowie Transfusionsmedizin (+9,9 Prozent) und Neurologie (+9 Prozent).
Rückgänge gab es bei Ärzten mit folgenden Gebietsbezeichnungen: Sozialhygiene (–18,4 Prozent), Sportmedizin (–10,3 Prozent), Pathophysiologie (–8,3 Prozent), Physiotherapie (–8,3 Prozent) und Radiologie (–8 Prozent).
Mehr Ärzte ohne ärztliche Tätigkeit
Der Anteil der Ärztinnen und Ärzte, die ohne ärztliche Tätigkeit sind, hat sich im Jahr 2002 um 3,8 Prozent erhöht. Dies entspricht 2 950 Ärztinnen und Ärzte. Der Zuwachs liegt mithin höher als in den beiden Vorjahren, als die Zugangsraten 3,6 beziehungsweise 3,3 Prozent betrugen. Beurteilt man die nicht ärztlich tätigen Ärzte im Hinblick auf ein mögliches Reservepotenzial, so lässt sich daraus erkennen, dass dieses kaum für die kurative Tätigkeit reaktivierbar ist. 63,7 Prozent der Ärztinnen und Ärzte ohne ärztliche Tätigkeit befinden sich bereits im Ruhestand beziehungsweise sind berufsunfähig. Demnach beträgt das Rückkehrerpotenzial höchstens 36,3 Prozent. Hochgerechnet bedeutet dies etwa 29 000 Ärzte. Der Ärztinnenanteil an dieser Zahl beträgt 70,3 Prozent.
Am Stichtag 15. September 2002 waren bei den Arbeitsämtern beziehungsweise der Bundesanstalt für Arbeit nur noch 6 071 Ärztinnen und Ärzte als arbeitslos gemeldet. Dies bedeutet einen Rückgang um 511 beziehungsweise 7,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Anteil der Ärztinnen unter den Arbeitslosen beträgt 60,2 Prozent (3 655). Die Arbeitslosenquote unter den Ärzten liegt bei zwei Prozent, mithin sehr deutlich unter der allgemeinen Arbeitslosenquote, die heute zwischen acht und über zehn Prozent liegt. Dr. rer. pol. Harald Clade

Quelle: Bundes­ärzte­kammer, Tätigkeitsbericht 2002/2003, Köln, April 2003, Seite 18 ff.
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