ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2003Anatomie: Nadelöhr für die Medizinerausbildung

THEMEN DER ZEIT

Anatomie: Nadelöhr für die Medizinerausbildung

Dtsch Arztebl 2003; 100(24): A-1659 / B-1376 / C-1292

Pabst, Reinhard; Fischer, Bernd

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Personeller Notstand droht in der Anatomie.

Die Ausbildung in der Medizin wird sich durch die im Herbst 2003 in Kraft tretende novellierte Approbationsordnung für Ärzte (ÄAppO) zum Teil drastisch ändern. Vorklinischer und klinischer Unterricht wird nicht mehr so stark wie bisher getrennt sein. Klinische Lehrinhalte müssen beispielsweise bereits vor dem Physikum von Klinikern und Vorklinikern gemeinsam gelehrt werden. Dies stellt neue Anforderungen an die Lehrenden. Diese und die erfolgten strukturellen Veränderungen hat die Anatomische Gesellschaft zum Anlass genommen und im Sommer 2001 mit Fragebogen die anatomischen Institute in Deutschland zu den Komplexen Nachwuchssituation, Personalausstattung und Struktur befragt. Der Rücklauf betrug 97 Prozent, das heißt, 34 der 35 anatomischen Institute haben den Fragebogen ausgefüllt.
Fasst man die Angaben der Befragten zu den wichtigsten Ergebnissen zusammen, wird deutlich, dass das Hauptproblem, mit dem sich die anatomischen Institute in Deutschland derzeit auseinander setzen müssen, die Nachwuchsproblematik ist, die sich zunehmend zuspitzt (Grafiken 1 und 2). Die Antworten verdeutlichen, dass 85 Prozent der Anatomien in Deutschland Schwierigkeiten oder erhebliche Schwierigkeiten bei der Rekrutierung geeigneten wissenschaftlichen Nachwuchses haben und dass diese Situation für einige Institute ein neues, für die meisten aber ein bereits bekanntes und sich zunehmend verschärfendes Problem darstellt.
Nach den besonderen Problemen bei der Nachwuchsrekrutierung befragt, nannten die Anatom(inn)en vor allem die besseren finanziellen und beruflichen Perspektiven außerhalb der Anatomie beziehungsweise Universität (zum Beispiel in der Klinik, in der Industrie), die hohe Lehrbelastung („Ochsentour“), die wenig Zeit für die für die Karriere wichtigen Forschungsarbeiten zulässt, die schlechte Qualifikation der Bewerber und der geringe Anteil an Mediziner-(inne)n darunter, die Befristung der Arbeitsverträge, die berufliche „Sackgasse“ bei Nichtberufung auf eine Professur oder Dauerstelle und den Verlust des Berufsbildes Anatom. Für die Institutsleiter aus den neuen Bundesländern ist der BAT-Ost ein gravierender Stand-
ortnachteil, aber auch Vorurteile gegenüber den Lebens- und Arbeitsbedingungen in den neuen Bundesländern wurden geäußert.
Zu bedenken ist, dass die Befragung noch vor der Verabschiedung des neuen Hochschulrahmengesetzes (HRG) erfolgt ist. Die Konsequenzen dieses Gesetzes für den anatomischen Nachwuchs müssen bei der Diskussion möglicher Lösungswege bedacht werden. Sie werden vermutlich und schon in nächster Zeit zu einer verstärkten Abwanderung der von den strikten Befristungen der Arbeitsverträge betroffenen Mitarbeitern von den Universitäten und Medizinfakultäten führen („Rette sich, wer kann“ – Ängste der jetzigen wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen mit bereits längeren Vertragszeiten [„Bulmahn“-Generation]). Ferner wird sich die Problematik durch gesetzliche Vorgaben in den nächsten Jahren dramatisch verschärfen (Sog in die Kliniken durch das Arbeitszeit- und Fallpauschalengesetz). Die in Zukunft erwarteten geringeren Studierendenzahlen nach der Novellierung der ÄAppO ändern dieses Problem nicht. Sie werden voraussehbar nicht zu einer Verbesserung der Ausbildung an den übergelaufenen Fakultäten genutzt, sondern zu einem Personalabbau. Dies wird zu einer weiteren Abschreckung für potenzielle Interessenten an einer akademischen Laufbahn führen.
Lösungswege
c Änderung der Weiter­bildungs­ordnungen für Fachärzte mit Pflichtzeiten in theoretischen Fächern (zum Beispiel bei Weiterbildungszeiten > vier Jahren);
c finanzielle Anreize für Ärzte/Ärztinnen in den theoretischen Fächern (Stellenzulage, Hörergeld) angesichts objektiv schlechterer Berufsaussichten durch die nicht mögliche Niederlassung;
c attraktive Angebote für Nachwuchsgruppen, Juniorprofessuren (gegebenenfalls mit der Möglichkeit, die Lehrqualifikation in der Anatomie „nachzuholen“);
c Akademiker/Fachärzte/-ärztinnen/
Naturwissenschaftler(innen) aus dem Ausland (zum Beispiel Osteuropa);
c mehr Möglichkeiten der Teilzeitarbeit (zum Beispiel für Ärztinnen mit Familie);
c Einsatz von Honorarfachkräften (Emeriti, im Ruhestand lebende Ärzte/Ärztinnen).
Diese Wege beinhalten kurzfristige Lösungen (zum Beispiel Honorarkräfte) und längerfristige Konzepte (zum Beispiel Weiter­bildungs­ordnung). Beide sind nötig und können nur in einer konzertierten Aktion und mit Unterstützung der Universitäten, Landesministerien und Standesorganisationen gegangen werden. Nur: Wenn die Anatomie nicht zu einem limitierenden Nadelöhr für die Ausbildung von Medizinern und Zahnmedizinern in Deutschland werden soll, müssen jetzt Lösungsmöglichkeiten gefunden und schnell umgesetzt werden.
Fakultäten müssen sich positionieren
Welche Folgerungen müssen die anatomischen Institute und medizinischen Fakultäten ziehen? Als ersten Schritt zur Gewinnung qualifizierten Nachwuchses müssen sich die anatomischen Institute im Unterricht umfassend vorstellen, um die Studierenden in der Medizin/Zahnmedizin zu erreichen, und ihnen zeigen, dass Lehre und Forschung in den anatomischen Instituten anspruchsvoll, interessant und medizinisch relevant sind. Die Anatomie hat dazu durch ihre Position im vorklinischen Ausbildungsplan und den persönlichen Kontakt in den Praktika die besten Voraussetzungen. Die Zukunft des Faches Anatomie wird durch die wissenschaftliche Qualifikation des akademischen Nachwuchses gesichert. Eine national und international wettbewerbsfähige Forschung zählt zu den wichtigsten Voraussetzungen für die Institutsfinanzierung und -ausstattung und damit auch für die Karrierechancen des anatomischen Nachwuchses. Zur Sicherung der Zukunftschancen muss den wissenschaftlichen Mitarbeiter(inne)n ein Höchstmaß an Unterstützung bei der wissenschaftlichen Arbeit und der wissenschaftlichen Profilierung gewährt werden. Der Nachwuchs benötigt dafür Zeit und eine ausreichende Projektfinanzierung. Wettbewerbsfähige Forschung ist die beste Nachwuchsförderung („Sackgasse“-Diskussion) und sichert die Zukunftsperspektive des Faches. Interdisziplinäre Forschung in klassischen anatomischen Disziplinen wie der Zell- und Entwicklungsbiologie, Biomaterialforschung oder in der experimentellen klinischen Forschung qualifizieren junge Anatom(inn)en für Tätigkeiten außerhalb der engen Fachgrenzen. Die anatomisch-medizinische Forschung und Ausbildung ist eine unentbehrliche Qualifikation für Kooperationsprojekte mit Instituten und Kliniken, innerhalb und außerhalb der medizinischen Fakultäten, und ein wichtiges Element der Nachwuchsförderung.
Die Wertschätzung der Lehre muss sich in den Fakultäten und in der Bewertung durch die Ministerien ändern. Es muss verbindlich verankert werden, dass die Lehrerfahrung ein wichtiges Qualifikationsmerkmal für eine Hochschulkarriere ist. Eines der häufigsten Argumente für die schlechte Nachwuchssituation in der Anatomie ist die hohe Lehrbelastung. Der zeitliche Aufwand für die von der Anatomie zu leistenden schein-
pflichtigen Lehrveranstaltungen muss überdacht und dem der anderen vorklinischen Fächer angepasst werden, und zwar auch, um Chancengleichheit für den Nachwuchs zu erzielen. Es ist inhaltlich falsch und von den objektiven Leistungsvergleichen her nicht gerechtfertigt, innerhalb der Vorklinik die Anatomie zum Lehrfach zu degradieren und die Biochemie und Physiologie zu Forschungsfächern zu erheben. Ungleichgewichte bei der Lehrbelastung müssen gleichermaßen innerhalb der Institute und innerhalb der Fakultäten beseitigt werden. Dazu müssen die Lehrzeiten für alle akademischen Mitarbeiter/innen eines Instituts und der Vorklinik ermittelt und transparent gemacht werden, um bei Ungleichverteilungen sowohl innerhalb des Institutskollegiums als auch innerhalb der Fakultät fair ausgeglichen zu werden. Ferner dürfen Veränderungen bei den von der Anatomie durchgeführten Lehrveranstaltungen kein Tabu sein (zum Beispiel andere Gruppengrößen, neue Prüfungsanforderungen, geänderte Tischbetreuungsrelationen). Fortbildungskurse, die gemeinsam mit Klinikern durchgeführt werden (Beispiele aus der Anatomie in Halle in den letzten drei Jahren: Wirbelsäulen-, Regionalanästhesie- und Schädelbasis/Orbita-Kurse), gewinnen im Aufgabenspektrum der anatomischen Institute immer mehr an Bedeutung. Sie sind eine zeitintensive Aufgabe im gegenseitigen Interesse von Klinikern und Vorklinikern. Bei der Leistungsbewertung der akademischen Mitarbeiter/innen muss deshalb die gesamte Lehrleistung transparent ermittelt und gleichberechtigt neben der Forschungsleistung stehen. Die Kompensation der einen Leistung durch die andere muss möglich sein.
Leistung schlecht honoriert
Fast alle medizinischen Fakultäten in Deutschland haben Kriterien zur Bewertung der Forschungsleistung, meist basierend auf Drittmitteleinwerbungen und Publikationen, erarbeitet und leistungsbezogene Mittelzuweisungen ein-
geführt. Die Lehrleistung wird derzeit dabei nicht oder nicht adäquat ho-
noriert. Nicht nur die akademische Doppelaufgabe von Forschung und Lehre, sondern auch die konkrete Bedrohung, die von der Nachwuchsproblematik im Fach Anatomie für die Medizinerausbildung in Deutschland ausgeht, erfordert unmissverständlich, dass die medizinischen Fakultäten umdenken und die Lehrleistung gleichberechtigt bei der leistungsbezogenen Mittelzuweisung berücksichtigen. Ein Element der Leistungsbewertung Lehre ist die Lehrquantität, die relativ zuverlässig zu erheben ist. Die kumulierten Lehrstunden der Institute und Kliniken müssen erhoben und genauso transparent wie innerhalb auch zwischen den einzelnen Einrichtungen verglichen und ausgeglichen werden. Aufgrund unserer Erfahrungen sind weitere sinnvolle quantitative Kriterien Gruppengröße, Vorlesungsbesuch, Kontaktzeiten Studierende-Lehrende und die Berücksichtigung von Prüfungszeiten. Die Bewertung der Lehrqualität ist auf Fakultätsebene schwierig. Kriterien können gewichtete Rangplätze in den bundesweit einheitlich durchgeführten Prüfungen des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen, der Anteil der Studierenden in der Regelstudienzeit und/oder repräsentative Befragung von Studierenden am Ende eines Semesters/Studienjahres oder am Ende des Studiums sein.
Die Medizinfakultäten und Fachgesellschaften müssen sich wegen des derzeitigen Durcheinanders von akademischen Qualifikationen positionieren. Dem Nachwuchs droht die Gefahr,
aus pseudoformalen Gründen in seiner Hochschullaufbahn von Karrierechancen ausgeschlossen zu werden. Im Nachgang zum geänderten HRG schaffen einige Bundesländer die Habilitation ab, andere nicht. Wie stellen sich die Universitäten/Fakultäten und die Anatomische Gesellschaft zu Juniorprofessuren und zur Habilitation? Die Fachgesellschaft und Ärztekammern müssen den Katalog der Qualifizierungswege in der Anatomie, den sie mit dem Facharzt beziehungsweise Fachanatom begonnen haben, weiterentwickeln. Welche formalen Qualifikationen werden zukünftig die Fachgutachter bei Berufungen im Fach Anatomie fordern? Die Beantwortung dieser Fragen gehört zur Fürsorgepflicht der Amtsträger und zu einer verantwortungsvollen Nachwuchspolitik.
Theoretische Fächer betroffen
Von welcher Ausgangslage man sich der Nachwuchsproblematik auch nähert, über eines sollte man sich im Klaren sein: Das Problem ist bereits jetzt höchst akut und wird sich in den nächsten Jahren dramatisch verschärfen. Es betrifft die Kliniken genauso wie die Institute. Aber: Die theoretischen Fächer sind davon stärker und bereits jetzt in einem zum Teil existenziellen Maß betroffen. Der Zeitpunkt ist absehbar, an dem die ersten Präparier- und Mikroskopierkurse wegen Personalmangels nur noch mit Einschränkungen in Umfang und Qualität angeboten werden können. Es besteht dringlicher Handlungsbedarf, denn ohne eine gute vorklinische Ausbildung wird zukünftig eine gute klinische Aus- und Weiterbildung in Deutschland nicht möglich sein.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 1659–1661 [Heft 24]

Anschriften der Verfasser:
Professor Dr. med. Dr. agr. Bernd Fischer
Direktor des Instituts für Anatomie und Zellbiologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg,
Große Steinstraße 52
06097 Halle/Saale

Professor Dr. med. Reinhard Pabst
Direktor der Abteilung II: Funktionelle und Angewandte Anatomie, Zentrum Anatomie der Medizinischen Hochschule Hannover,
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover
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