ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2003Vergiftungen: Ärzte sind entscheidend bei der Risikoerkennung

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Vergiftungen: Ärzte sind entscheidend bei der Risikoerkennung

Dtsch Arztebl 2003; 100(24): A-1664 / B-1381 / C-1297

Hahn, Axel; Heinemeyer, Gerhard; Gundert-Remy, Ursula

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Während die Berufsgenossenschaften häufiger Verdachtsfälle an das Bundesinistitut für Risikobewertung melden, hat die Zahl der ärztlichen Meldungen aus Praxen und Kliniken abgenommen.

Der Gesetzgeber hat mit dem Chemikaliengesetz (ChemG) eine Grundlage geschaffen, um „den Menschen und die Umwelt vor schädlichen Einwirkungen gefährlicher Stoffe und Zubereitungen zu schützen, sie insbesondere erkennbar zu machen, sie abzuwenden und ihrem Entstehen vorzubeugen“ (§ 1 des ChemG). Auf die Ärzte kommt hierbei eine wichtige Aufgabe zu: Sie müssen schädliche Einwirkungen auf den Menschen erkennen. Ohne die praktischen Erfahrungen und die Mitwirkung der Ärzte ist eine Abwendung von Gefahren nicht möglich.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) (früher: Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin) verfügt über eine umfangreiche Produktdatenbank zur Unterstützung von Beratungen und Behandlungen in Vergiftungsfällen. In dieser Datenbank sind derzeit mehr als 146 000 Produktdokumente enthalten – unter anderem mit Angaben zur Produktzusammensetzung (qualitative und quantitative Inhaltsstoffe). Jährlich kommen etwa 20 000 neue Produkte hinzu.
Seit September 1996 tragen ein vereinfachtes Meldeverfahren und der Abbau von bürokratischen Hürden zur Erleichterung und Verbesserung des Meldeverhaltens bei. Ein einfaches Fax mit Arztstempel und Angabe „Chemikaliennebenwirkung“ an die Zentrale Erfassungsstelle für Vergiftungen (Signal) oder eine anonymisierte Epikrise reichen aus, um einen Rückruf beim behandelnden Arzt auszulösen, bei welchem relevante Details erfragt und dokumentiert werden.
Breite Palette von bedenklichen Stoffen
Das Chemikaliengesetz verwendet etwas irreführend den Begriff „Vergiftung“, gemeint sind damit Erkrankungen oder auch Verdachtsfälle von Gesundheitsbeeinträchtigungen durch folgende Stoffe: chemische Stoffe und Produkte, die im Haushalt verwendet werden, zum Beispiel Wasch- und Putzmittel, Hobby- und Heimwerkerartikel, Schädlingsbekämpfungsmittel, Pflanzenschutzmittel, Holzschutzmittel, beruflich verwendete Chemikalien, gesundheitsschädigende chemische Stoffe in der Umwelt und Pflanzen/Tiere.
Erkrankungen oder Verdachtsfälle von Vergiftungen aufgrund dieser Stoffe sind nach dem Chemikaliengesetz meldepflichtig. Im Jahr 2001 ist ein großer Anstieg der Meldehäufigkeit zu verzeichnen. Dieser ist auf die deutliche Zunahme der Meldungen der Berufsgenossenschaften (BG) zurückzuführen (2001: 7 912 Meldungen im Vergleich zu 2 161 Meldungen im Jahr 2000). Demgegenüber ist der Anteil der ärztlichen Meldungen aus Praxen, Kliniken und aus dem Öffentlichen Gesundheitswesen im Vergleich zu früheren Jahren zurückgegangen (2001: 661 Meldungen). Möglicherweise ist dies Ausdruck der allgemeinen ärztlichen Belastung in Klinik und Praxis.
In den Giftinformationszentren der Bundesrepublik Deutschland werden jährlich circa 30 000 Anfragen zu Vergiftungen mit chemischen Stoffen und Produkten beraten. Demgegenüber erfolgten im Jahr 2001 insgesamt 8 573 Mitteilungen nach dem Chemikaliengesetz.
Die Fallselektion
Bei der Bearbeitung von Vergiftungsmeldungen beurteilt das Bundesinstitut für Risikobewertung zunächst den Schweregrad der Gesundheitsbeeinträchtigung. Dabei werden die Kategorien „schwer“ (schwere oder lebensbedrohliche Symptome) und „mittel“ (ausgeprägte oder anhaltende Symptome) als schwerwiegend und die Kategorie „leicht“ (leichte, vorübergehende und spontan remittierende Symptome) als nicht schwerwiegend eingestuft. Der Grad der Gesundheitsstörung wird analog zum so genannten „Telefon-Tox-Score“ der European Association of Poison Control Centres and Toxicologists (E.A.P.C.C.T.) beurteilt.
Fälle mit schwerwiegender Gesundheitsstörung werden differenziert nach verschiedenen Kriterien bewertet. Die Meldungen und Hinweise auf Gesundheitsbeeinträchtigungen im Zusammenhang mit Chemikalien werden analog zu der Bearbeitung von Meldungen zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen in Form der Einzelfallbewertung bearbeitet. Folgende grundsätzliche Fragen sind dabei zu klären:
1. Besteht eine begründbare zeitliche und räumliche Assoziation zwischen der Exposition und dem Auftreten von gesundheitlichen Beeinträchtigungen?
Diese Beurteilung ist bei akuter Exposition und akuter Reaktion in der Regel einfach, da typische Symptome in einem unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang auftreten. Schwierigkeiten ergeben sich insbesondere dann, wenn ein zeitlicher Zusammenhang zwischen Exposition und Symptomen nicht eindeutig herstellbar ist.
2. Ist die Symptomatik bekannt oder aufgrund der Wirkungsmechanismen erklärbar?
Broschüren des Bundesinstituts für Risikobewertung: Informationen über Vergiftungsgefahren
Broschüren des Bundesinstituts für Risikobewertung: Informationen über Vergiftungsgefahren
Symptome oder gesundheitliche Störungen können sich eindeutig auf bestimmte Stoffe oder Stoffgruppen zurückführen lassen, wenn diese aus der wissenschaftlichen Literatur bekannt sind oder durch spezielle Wirkungsmechanismen plausibel erscheinen.
3. Ist die Symptomatik durch Abschwächung bei Expositionsende (Dechallenge) und durch Neuauftreten oder Verstärkung bei erneuter Exposition (Rechallenge) gekennzeichnet?
Aus dieser Frage ergeben sich wichtige Hinweise auf die mögliche Kausalität bei der Verursachung von Gesund-
heitsbeeinträchtigungen durch Chemikalien. Daher sind Meldungen, die den Verlauf (einschließlich De- und Rechal-
lenge) dokumentieren, besonders wertvoll.
Die Beantwortung der Fragen führt zu folgenden Bewertungen:
c Ein Zusammenhang ist als möglich anzunehmen, wenn eine Aufnahme des Stoffes nicht mit Sicherheit auszuschließen ist und gleichzeitig teilspezifische Symptome für eine Exposition vorliegen, obwohl auch andere Diagnosen die Gesundheitsbeeinträchtigung ausreichend erklären können.
c Ein Zusammenhang ist wahrscheinlich, wenn neben einer plausiblen Aufnahme eines Stoffes auch stoffspezifische Symptome vorliegen und andere Diagnosen keine Erklärung für die Gesundheitsbeeinträchtigung erlauben.
c Ein Zusammenhang ist als sicher anzunehmen, wenn objektive Messdaten oder Befunde sowohl die plausible Aufnahme des Stoffes wie auch die auftretende Symptomatik verifizieren, also beispielsweise eine erhöhte Konzentrationen des Schadstoffes im biologischen Material, sichtbare Verätzungen und dergleichen vorhanden sind.
c Ein Zusammenhang ist nicht beurteilbar, wenn zum Beispiel die Datenlage unzureichend ist, Symptome nicht angegeben sind, die Noxe unbekannt ist beziehungsweise der Stand des derzeitigen Wissens nicht zu einer eindeutigen Beurteilung reicht.
Sofortmitteilungen an die Ministerien
Identifizierte schwerwiegende Risiken mit schweren oder lebensbedrohlichen Symptomen werden als Sofortmitteilungen an Ministerien, Hersteller und Industrieverbände weitergegeben (Grafik, Pfad A). Die verantwortlichen Hersteller beziehungsweise Vertreiber sind in diesen Fällen aufgefordert mitzuteilen, welche Maßnahmen sie zur Erhöhung der Produktsicherheit
zu ergreifen gedenken. Falls keine ausreichenden Maßnahmen im Sinne von freiwilligen Vereinbarungen vorgeschlagen werden, wird das jeweils zuständige Ministerium (EU-Ebene, Länderebene) tätig. Es können Maßnahmen bis hin zu Verboten verfügt werden wie etwa das EU-weite Verbot der paraffinhaltigen gefärbten/parfümierten Lampenöle oder das nationale Verbot von Fruitjellies (künstliche Früchte aus Taiwan).
Bei nicht schwerwiegenden Gesundheitsstörungen (Grafik, Pfad B) berichtet das BfR über Erkenntnisse aus den ärztlichen Mitteilungen in Form eines Jahresberichts. Wenn die einzelnen Produkte sicher identifiziert worden sind, gehen an die Firmen summarische Berichte, die über die gesundheitlichen Wirkungen der Produkte informieren. Hier ist die Eigenverantwortung der Firmen gefordert.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 1665–1667 [Heft 24]
Literatur beim Verfasser
Anschrift für die Verfasser:
Dr. Axel Hahn
Bundesinstitut für Risikobewertung
Thielallee 88–92
14195 Berlin
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