ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2003Lederimprägnierspray: Tod nach Anwendung im Freien

SPEKTRUM

Lederimprägnierspray: Tod nach Anwendung im Freien

Dtsch Arztebl 2003; 100(24): A-1666 / B-1382 / C-1298

Hahn, Axel; BfR

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Das Deutsche Ärzteblatt veröffentlicht in loser Folge einige
Kasuistiken von Vergiftungsfällen. Die Fälle stammen aus der Datenbank des Bundesinsitituts für Risikobewertung (BfR).

Anwendung von Lederimprägnierspray (Erwachsener) – Tod durch progredientes Lungenversagen
Ein älterer Patient (> 60 Jahre) versprühte zwei fast volle Dosen Imprägnierspray im Freien vor einem Haus über einen Zeitraum von vermutlich 30 bis 60 Minuten, um die Garderobe „winterfertig“ zu machen. Er nahm wegen einer primär chronischen Polyarthritis als Dauermedikation ein methotrexathaltiges Präparat ein.
Symptome/Verlauf: Unmittelbar nach der Anwendung entwickelte der Patient Husten, Atemnot und Unwohlsein. Der Hausarzt stellte am nächsten Tag die Diagnosen: Hämorrhagische Tracheobronchitis, Aerosol-Vergiftung, schädliche Haushaltsmittelnebenwirkung und machte dem BfR eine entsprechende Meldung. Er verordnete ein Antibiotikum, unterbrach die Einnahme von Methotrexat und gab Salbutamol. Im Verlauf von etwa zehn Tagen verschlechterte sich die Lungenfunktion, sodass der Patient in ein Krankenhaus eingewiesen werden musste. Innerhalb der nächsten sieben Tage verschlechterte sich der pulmonale Zustand derart, dass der Patient in einer schweren respiratorischen Insuffizienz bei massiver interstitieller Pneumonie verstarb.
Hinweise: Die pulmonale Toxizität von Imprägniersprays, insbesondere bei Lederimprägniersprays, wurde 1979 bekannt. 1983 mussten sieben Produkte verschiedener Hersteller wegen einer Gesundheitsgefährdung vom Markt genommen werden. Dem damaligen Bundesgesundheitsamt (BGA) und den Giftinformationszentren Berlin, Bonn, Braunschweig, Freiburg, Mainz und Nürnberg waren in den Jahren 1979 bis 1983 insgesamt 224 akzidentelle Vergiftungen, zumeist bei Erwachsenen, durch Inhalation von Lederimprägniersprays bekannt geworden. Bei der Verwendung dieser Sprays in kleinen unbelüfteten Räumen wurden damals meist Dyspnoe, Hustenreiz, Übelkeit/Erbrechen, Schwindel und Benommenheit festgestellt. Gesehen wurden auch radiologische Lungenveränderungen wie zum Beispiel eine toxische Alveolitis, Pneumonie und Lungenödem.
Insbesondere bei Vögeln kam es aufgrund der besonderen Anatomie der Lungen und der daraus resultierenden besonderen Empfindlichkeit zu schweren Symptomen wie Dyspnoe, Zyanose, Krämpfe, Schock und Tod. Systematische Untersuchungen an Tauben ergaben, dass den feindispergierten Fluorcarbonharzen und/oder den reaktiven Polysiloxanen im Zusammenhang mit den Lösemitteln eine Schlüsselrolle zukam. Wahrscheinlich nimmt die Toxizität der Imprägniermittel in der Reihenfolge mit den Inhaltsstoffen Fluorcarbonharze, Polysiloxane, reaktive Polysiloxane, Melaminharze zu.
Durch zahlreiche Rezepturänderungen bei den Lösemitteln (Ersatz von halogenierten Kohlenwasserstoffen, Benzin durch Alkohole) und an den dispergierten Kunststoffimprägnierungsfraktionen wurden Fälle von Gesundheitsstörungen durch Imprägniermittel in der Bundesrepublik seit 1985 nicht mehr beobachtet. Eine Rezepturänderung bei Ledersprays 1992 in den USA führte zu einer vergleichbaren Symptomatik. Bei etwa 550 Patienten entstand ein Krankheitsbild mit Husten, Atemnot und Thoraxschmerzen und zusätzlichen grippeartigen Symptomen (Kopfschmerz, Fieber, schweres Krankheitsgefühl). Tierversuche an Mäusen zeigten, dass, wie auch bereits in Deutschland an Vögeln gezeigt, die Fluorcarbonharze für die akuten Atemwegserkrankungen verantwortlich waren.
Bei dem gemeldeten Fall besteht ein enger zeitlicher Zusammenhang zwischen der Anwendung des Sprays und den Symptomen. Der besonders schwere Verlauf der Erkrankung könnte dadurch begünstigt sein, dass der Patient unter einer Dauerbehandlung mit Methotrexat stand. Der Hersteller ist dem Hinweis des Bundesinstituts für Risikobewertung auf mögliche pulmonale Wirkungen des Produkts gefolgt und hat einen entsprechenden Warnhinweis auf dem Etikett angebracht. Dr. Axel Hahn, BfR
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema