ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2003Missbräuchlicher Einsatz von humanem Wachstumshormon in der Anti-Aging-Medizin: Zunehmende Nachfrage bei Kleinwuchs
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LNSLNS Der Einsatz von Wachstumshormon als Versicherungsleistung wird in den letzten fünf Jahren – ganz besonders aber in den letzten zwei Jahren – besonders häufig nachgefragt. Jedenfalls ist dies meine Erfahrung als leitender Gesellschaftsarzt einer der größeren privaten Kran­ken­ver­siche­rungen.
Als Anti-Aging-Präparat wird Wachstumshormon (zumindest bisher) sehr selten nachgefragt. Von 1993 bis zum Jahr 2000 hatte ich hierzu keine einzige Anfrage. Aus 2001 und 2002 war jeweils einmal das Begehren von Wachstumshormon im Rahmen eines Anti-Agings
zu verzeichnen. Somatotropes Hormon (STH) als Anti-Aging-Präparat ist nicht als medizinisch notwendige Heilbehandlung anzusehen und somit nicht erstattungsfähig, sondern vom Patienten selbst zu tragen. Dies fußt unter anderem darauf, dass der Einsatz von Wachstumshormon in der Anti-Aging-Medizin keine zugelassene Indikation ist und es keine kontrollierten klinischen Studien und auch sonst keine nachvollziehbare Evidenz gibt, die einen funktionellen Nutzen bei dieser Indikation belegen. Darüber hinaus ist die Gefahren-Nutzen-Relation für die Patienten ungünstig. Typische
Nebenwirkungen sind Wasserretention mit Ödembildung, Karpaltunnelsyndrom, Verschlechterung der Glucosetoleranz, Akromegalie und in selteneren Fällen chronisch rezidivierende Kopfschmerzen, Sehstörungen und Übelkeit infolge einer benignen intrakraniellen Hypertension. Nicht zu vergessen sind auch die Kosten einer Wachstumshormontherapie, die je nach Dosis circa 15 000 bis 25 000 Euro pro Jahr ausmachen. Es ist im Übrigen nicht immer sofort erkennbar, dass STH als Anti-Aging-Mittel eingesetzt wird. Manchmal wird die tatsächliche Indikation verschleiert.
Das eigentliche versicherungsmedizinische Problem ist aber die starke Zunahme der Nachfrage in den zugelassenen Indikationen. Wachstumshormon
ist zugelassen für die Behandlung des
Kleinwuchses durch fehlende oder unzureichende Wachstumshormonausschüttung, bei Prader-Willi-Syndrom, bei Kleinwuchs infolge Ullrich-Turner-Syndrom und bei Erwachsenen mit ausgeprägtem Wachstumshormonmangel. Die weitaus größte Nachfrage besteht bei der Indikation Kleinwuchs durch fehlende oder unzureichende Wachstumshormonausschüttung, weshalb es gerade in den letzten Jahren zu einer überproportionalen Zunahme der Nachfrage nach Wachstumshormon gekommen ist. Dies ist möglicherweise dadurch bedingt, dass Eltern sich immer weniger mit einer relativ geringen Körperlänge ihrer Kinder zufrieden geben und eine entsprechende Diagnostik und Therapie verlangen. Dies könnte zu einer zunehmenden Belastung der Solidargemeinschaft führen, da ei-
ne nur fünf Jahre dauernde Wachstumshormontherapie zwischen 75 000 und 125 000 Euro, eine zehn Jahre dauernde Therapie dementsprechend zwischen 150 000 und 250 000 Euro pro Kind kostet. Diese Summe betrifft nur die Medikamentenkosten – Kosten für Diagnostik und ärztliche Leistungen nicht eingeschlossen.
Da STH eventuell sogar das Malignomrisiko erhöhen soll (diskutiert wird zum Beispiel eine akute lymphoblastische Leukämie), sollte die Indikationsstellung besonders sorgfältig und an einem Zentrum erfolgen.

Dr. med. Rainer Hakimi
Schickhardtstraße 33, 70199 Stuttgart

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