ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2003Missbräuchlicher Einsatz von humanem Wachstumshormon in der Anti-Aging-Medizin: Schlusswort
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LNSLNS Wir danken den Kollegen Aurich und Hakimi für ihre Ergänzungen und Kommentare. Der Kritik des Kollegen Aurich, dass zweifelhafte Behandlungsmethoden mit dem Argument angeboten werden, sie sollten in die Hand des Arztes, stimmen wir völlig zu. Wir erinnern uns an Kollegen, die den Einsatz von Wachstumshormon in der Anti-Aging-Medizin außerhalb zugelassener Indikationen unter dem Deckmantel
so genannter „Anwendungsbeobachtungen“ betreiben, daran, dass neue Indikationen nicht durch Anwendungsbeobachtungen, sondern durch kontrollierte Studien erarbeitet werden müssen. Außerhalb solcher Studien muss zusätzlich zu medizinisch wissenschaftlichen Bedenken, wie sie in unserem Beitrag dargelegt wurden, die Rechtmäßigkeit eines „großflächig betriebenen individuellen Heilversuches“ bezweifelt werden.
Die Gabe von Wachstumshormon zur „Verdrängung der Endlichkeit“ ist neben den von Herrn Kollegen Aurich geäußerten philosophischen Bedenken, denen wir zustimmen, auch sachlich nicht gerechtfertigt: Im Tiermodell zeigen Mäuse mit GH-Überexpression eine verkürzte Lebenserwartung, wohingegen sowohl GH-knock-out-Mäuse als auch GH-Rezeptor-knock-out-Mäuse und Mäuse, die GH-Rezeptor-Antagonisten überexprimieren, eine nahezu doppelt so hohe Lebenserwartung zeigen wie Wildtypmäuse. Jegliche schlüssigen Argumente, warum dieses bei Menschen exakt ins Gegenteil verkehrt sein sollte, fehlen.
Herr Kollege Hakimi weist auf die erheblichen Kosten einer Wachstumshormontherapie hin und wir stimmen natürlich mit ihm überein, dass ein Begehren zurückzuweisen ist, Wachstumshormon als Anti-Aging-Medikament zu Lasten der Solidargemeinschaft verordnet zu bekommen. Dieses ist nicht nur aus versicherungsmedizinischen Gründen der Fall, sondern vor allen Dingen aufgrund vollständig fehlender medizinischer Grundlage für eine solche Therapie.
Im Gegensatz dazu muss aus unserer Sicht in Erinnerung gerufen werden, dass Wachstumshormon in den Indikationen, in denen es zugelassen wurde, einer eingehenden Prüfung hinsichtlich Wirksamkeit und Sicherheit unterzogen wurde. Bezüglich der von Herrn Kollegen Hakimi angesprochenen verstärkten Nachfrage nach Wachstumshormon in der pädiatrischen Indikation des Minderwuchses sind die diagnostischen Kriterien, die zu einer solchen Behandlung führen, mit einem relativ breiten Interpretationsspielraum behaftet. Die internationale Growth Hormone Research Society (GRS) hat sich in ihrem Konsensuspapier zur Diagnose und Behandlung mit Wachstumshormon im Kindes- und Jugendalter hierzu geäußert (1).
Zur Frage eines erhöhten Malignomrisikos möchten wir folgendermaßen Stellung nehmen: Wie die
Growth Hormone Research Society in ihrem Konsenspapier zur kritischen Evaluierung der Sicherheit von Wachstumshormontherapie festgestellt hat (2), besteht für die Substitutionstherapie mit dem Ziel des Ersatzes physiologischerweise vorhandener Mengen von Wachstumshormon kein Anhalt für eine erhöhte Inzidenz von malignen Neuerkrankungen oder Rezidiven. In Anwendungsbeobachtungen ist diese Substitutionstherapie im Kindes- wie im Erwachsenenalter sehr aufwendig an mehreren tausend Patienten dokumentiert. Diese Datenbanken zeigen ebenfalls keinen Hinweis auf eine erhöhte Malignitätsrate. Die 1987 aus Japan berichtete gehäufte Rate von Leukämien bei mit Wachstumshormon therapierten Kindern (3) hat sich anhand längerer Beobachtungszeiträume und höherer Fallzahlen nicht bestätigt, sodass für die Substitution von Wachstumshormon nicht von einem erhöhten Malignitätsrisiko auszugehen ist (2). Im Gegensatz dazu liegen keine Daten über die Sicherheit einer Anwendung von Wachstumshormon vor, die den IGF-Spiegel über die Altersnorm dauerhaft anhebt, und die Sicherheit einer solchen Behandlung muss aufgrund vorliegender epidemiologischer Daten bezweifelt werden.
Als Fazit halten wir für wesentlich, dass Wachstumshormon nur im Rahmen hinlänglich geprüfter und zugelassener Indikationen verordnet werden sollte sowie neue potenzielle Indikationen im Rahmen kontrollierter Studien untersucht werden müssen, statt im Feldversuch propagiert zu werden.

Literatur
1. Consensus: Guidelines for the diagnosis and treatment of growth hormone (GH) deficiency in childhood and adolescence: summary statement of the GH Research Society. J Clin Endocrinol Metab 2000; 85: 3990–3993.
2. Consensus: Critical evaluation of the safety of recombinant human growth hormone administration: statement from the Growth Hormone Research Society. J Clin Endocrinol Metab 2001; 86: 1868–1870.
3. Watanabe S, Mizuno S, Oshima LH, Tsunematsu Y, Fujimoto J, Komiyama A: Leukemia and other malignancies among GH users. J Pediatr Endocrinol 1993; 6: 99–108.

Für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Christian J. Strasburger
Bereich Endokrinologie
Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Gastroenterologie,
Hepatologie und Endokrinologie
Campus Charité Mitte, 10117 Berlin

Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Quabbe
Auguststraße 18, 12209 Berlin

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