ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2003Wachstumsfaktor Pegfilgrastim: Vereinfachter Schutz vor Neutropenie

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Wachstumsfaktor Pegfilgrastim: Vereinfachter Schutz vor Neutropenie

Dtsch Arztebl 2003; 100(24): A-1692

Blaeser-Kiel, Gabriele

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LNSLNS Heilungschancen und Überlebenszeiten von Karzinompatienten hängen sehr stark von der Aggressivität der Chemotherapie ab. Limitierender Faktor vieler Schemata ist ihre Knochenmarkstoxizität. Das Risiko, eine Neutropenie zu entwickeln, liegt bei etwa 50 Prozent. Mit dem Abfall der neutrophilen Granulozyten unter eine Schwelle von 500 bis 1 000/µl, steigt die Anfälligkeit für schwere Infektionen, die in sieben bis 20 Prozent der Fälle – abhängig vom Typ der Krebserkrankung und von der Intensität der Zellneubildung – letal verlaufen.
Eine Chance, die Myelosuppression abzuschwächen beziehungsweise ihre Dauer zu verkürzen, besteht durch die Gabe von hämatopoetischen Wachstumsfaktoren. Diese Peptidhormone regen pluripotente Stammzellen des Knochenmarks und periphere Progenitorzellen zur vermehrten Produktion von Blutzellen an. Speziell auf die Synthese von Neutrophilen ist der Granulozyten-Kolonie stimulierende Faktor (G-CSF) ausgerichtet. Allerdings kommt derzeit nur maximal jeder zehnte Chemotherapiepatient in den Genuss einer Neutropenieprophylaxe mit Filgrastim (Neupogen®) oder Lenograstim (Granocyte®).
Pegylierte Version des Wachstumsfaktors Filgrastim
Als einen weiteren Schritt in Richtung einer für die Patienten weniger belastenden Chemotherapie bezeichnete Prof. Ulrike Nitz (Düsseldorf) die Einführung von Pegfilgrastim (Neulasta®). Der Fortschritt liege einerseits in dem signifikant höheren Schutz vor febrilen Neutropenien, andererseits in dem erheblich vereinfachten Management, was insgesamt für den Patienten eine bessere Lebensqualität bedeute.
Bei Pegfilgrastim handelt es sich um die pegylierte Version des langjährig bewährten
G-CSF Filgrastim. Die kovalente Bindung an ein 20-kDa-Polyethylenglykol-Polymer verändert nicht die biologische Aktivität der Proteinkomponente, sondern nur den Eliminationsweg. Statt renal wie Filgrastim wird Pegfilgrastim fast ausschließlich über die Bindung an den G-CSF-Rezeptor auf den Zielzellen eliminiert.
Dies bedeutet: Die Plasmahalbwertszeit ist nicht wie bei Filgrastim und Lenograstim auf vier bis sechs Stunden beschränkt, sondern die Serumkonzentration von Pegfilgrastim sinkt über einen selbstregulierenden Clearance-Mechanismus in dem Maße, wie sich die neutrophilen Granulozyten erholen.
Für den klinischen Alltag ergibt sich daraus der Vorteil, dass Pegfilgrastim nur einmal pro Chemotherapiezyklus (24 Stunden danach) verabreicht werden muss, und nicht wie bei den anderen G-CSF täglich über in der Regel 14 Tage beziehungsweise bis die Neutrophilenzahl über 10 000/µl angestiegen ist. Damit bleibt die Prophylaxe in der Hand des behandelnden Onkologen, was dem Patienten das regelmäßige subkutane Injizieren erspart und den Hausarzt von der Notwendigkeit wiederholter Blutbildkontrollen entlastet. Darüber hinaus sind keine gewichtsbezogenen Dosisberechnungen erforderlich, denn die Dosis von Pegfilgrastim ist fix (6-mg-Fertigspritze).
Basis für die Zulassung waren zwei internationale Multicenterstudien, in denen Pegfilgrastim randomisiert doppelblind mit Filgrastim bei Mammakarzinom-Patientinnen unter einer Chemotherapie mit Doxorubicin/Docetaxel verglichen worden war. Die Analyse der gepoolten Daten (n = 448) ergab in Hinblick auf die Inzidenz der gefürchteten febrilen Neutropenien einen statistisch signifikanten Vorteil für Pegfilgrastim (elf versus 19 Prozent unter Filgrastim).
Das bedeute gegenüber dem Risiko ohne Prophylaxe (38 Prozent) eine Verringerung um 71 Prozent und gegenüber dem bisherigen Standard um 42 Prozent, erläuterte Nitz die Ergebnisse. Bei der Verträglichkeit ergaben sich dagegen keine Unterschiede. Die häufigste Nebenwirkung – geringe bis mittelstarke, mit konventionellen Analgetika beherrschbare Knochenschmerzen – trat in beiden Gruppen bei einem Viertel der Patientinnen auf.
Insgesamt ist für Nitz Neulasta eine Innovation, mit der sie sich als Onkologin identifizieren kann, zumal sich in ihrem Bereich, der Brustkrebstherapie, viel versprechende Veränderungen abzeichnen. Man könne einerseits davon ausgehen, dass Taxane wahrscheinlich in naher Zukunft in das Standardschema integriert werden. Andererseits gebe es aktuelle Hinweise, dass die Verkürzung der
Zyklusintervalle von drei auf zwei Wochen mit einer höheren Erfolgschance einhergingen. Beide Optionen zur Therapieoptimierung setzten aber eine intakte Funktion des blutbildenden Organs voraus, die nur mit einer suffizienten G-CSF-Prophylaxe aufrechterhalten werden könnte. Gabriele Blaeser-Kiel

Pressekonferenz zur Einführung von Pegfilgrastim (Neulasta®) in Hamburg, Veranstalter: Amgen GmbH
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