ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2003Ärzte und Pharmaindustrie: Kritik an zu enger Verflechtung

AKTUELL: Akut

Ärzte und Pharmaindustrie: Kritik an zu enger Verflechtung

Dtsch Arztebl 2003; 100(25): A-1705 / B-1413 / C-1329

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Ärzte, die mehr als einen Besuch von Pharmavertretern wöchentlich erhalten, sind signifikant häufiger bereit, neue Medikamente zu verschreiben, obwohl ein älteres Mittel den gleichen Zweck erfüllt hätte. Ihre Bereitschaft, Werbematerial oder Anzeigen in Zeitschriften zur Kenntnis zu nehmen, ist größer, und sie weichen häufiger von den Empfehlungen ab, welche Klinikärzte nach der Entlassung von Patienten im Arztbrief äußern. Dies ergab eine Untersuchung von Chris Watkin (Bristol) und Mitarbeitern, die ihre britischen Kollegen nach ihrem Verordnungsverhalten von Medikamenten sowie ihren Informationsquellen über neue Medikamente befragt hatten (BMJ 2003; 326: 117–119). Für Richard Smith, Chefredakteur des BMJ, ist diese Studie nur ein Beispiel für die vielen Möglichkeiten, wie die Industrie, häufig, ohne dass den Ärzten dies bewusst wird, das Verordnungsverhalten steuert (BMJ 2003; 326: 1156 ff.). Dass die Publikation von wissenschaftlichen Studien nicht immer Objektivität verheißt, unterstrich Joel Lexchin von der Universität von Toronto (BMJ 2003; 326: 1167–1176). Der Wissenschaftler hat die Ergebnisse von 30 Medikamenten-Studien verglichen und festgestellt, dass vom Hersteller durchgeführte Studien viermal häufiger zu einem positiven Ergebnis kommen als nicht industriegesponserte Studien.

Dabei wiesen die industriegesponserten Studien keineswegs „technische“ Mängel (Wahl der Statistik) auf. Lexchin glaubt aber, dass die Wahl der Vergleichstherapie häufig das zu untersuchende Medikament begünstigt. Außerdem müsse damit gerechnet werden, dass Studien mit einem „negativen“ Ausgang nicht publiziert werden. Drei Möglichkeiten, die Publikation von Studien zu Propagandazwecken zu missbrauchen, nennt Hans Melander von der schwedischen Zulassungsbehörde Läkemedelsverket in Stockholm (BMJ 2003; 326: 1171–1175) am Beispiel der Einführung von selektiven Serotonin-Reuptake-Inhibitoren.

Erstens: Die wiederholte Veröffentlichung der gleichen Ergebnisse in unterschiedlichen Fachzeitschriften steigere den „Lerneffekt“. Zweitens: Studien mit dem gewünschten Ergebnis erscheinen häufiger in der Fachpresse als weniger überzeugende. Drittens: Häufig wird statt der „Intention to treat“-Analyse (sie schließt alle Patienten ein, bei denen eine Behandlung geplant war) die „Per Protocoll“-Analyse verwendet. Hier sind die Ergebnisse häufig günstiger, weil beispielsweise Patienten, die wegen Nebenwirkungen die Therapie abbrechen, nicht miteinbezogen sind. Rüdiger Meyer
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