POLITIK

Schmerzensgeld

Dtsch Arztebl 2003; 100(25): A-1708 / B-1416 / C-1332

Böhmeke, Thomas

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Je länger die Wartezeit, desto besser der Arzt. So lautet eine weit verbreitete Volksweisheit. Jahrzehntelang herrschte stillschweigende Einigkeit darüber, dass es nicht unbedingt vorteilhaft ist, mit einem nervigen WANNKOMMICHENDLICHDRAN! den Doktor zu größerer Hektik anzutreiben. Ist ja nicht ausgeschlossen, dass der in Hast und Eile mal was übersieht, was man dann auszubaden hat.
Ein gnädiger Richter hat nun verfügt, dass all diejenigen, die in dem sinnlosen Herumlungern in Deutschlands Wartezimmern einen herben Lebensqualitätsverlust sehen, diesen als Schadensersatz in Euro geltend machen können – quasi als Schmerzens-Wartegeld. Ich habe daraus bereits die Konsequenzen gezogen: Hoher Redebedarf wird nach Beendigung der regulären Praxistätigkeit befriedigt. Ich hoffe inständig, dass mich kein Richter wegen unbotmäßiger Patientenbetreuung nach Feierabend belangt.
Geärgert hat mich das Urteil schon. Aber beim zweiten Nachdenken fallen mir die unendlichen Möglichkeiten auf, die es bietet: Ich lasse mein Knie so lange in verschiedenen Ebenen röntgen, bis eine subchondrale Sklerose sichtbar wird. Dann erkläre ich mich für arbeitsunfähig und stelle mich in einer orthopädischen Klinik zwecks endoprothetischer Versorgung vor. Die Zwischenzeit überbrücke ich mit einer Klage auf Schmerzens-Wartegeld und Einnahme von Diclofenac. Erwartungsgemäß führt dieses Präparat zu schwersten gastritischen Beschwerden, sodass ich den OP-Termin nicht wahrnehmen kann. Daraufhin wird gleich die Folgeklage fällig. Es dauert sicher mehrere Wochen, bis das zuständige Gericht reagiert. Nunmehr reiche ich eine Klage wegen Verfahrensverschleppung ein. Weil mir das Warten auf der Liste und auf die Gerichtsurteile nicht zumutbare Einkommensverluste beschert, bin ich gezwungen, auch hier den Klageweg zu beschreiten. Die Situation eskaliert, ich halte dem Druck nicht mehr stand und muss mich in psychotherapeutische Behandlung begeben, und mein Knie ist auch noch nicht operiert. Auf den Psychologen muss ich aber zwei Monate warten, und daher . . . na ja, Sie wissen schon.
Wenn alles klappt, habe ich in der Blüte meiner Jahre ein gedeihliches Auskommen – als Schmerzensgeld- und Wartezeit-Kläger. Ich muss nur vor diesem Richter prozessieren . . . wo war noch mal das Aktenzeichen . . . verflixt, ich hatte es doch irgendwo . . . können Sie mir vielleicht weiterhelfen? Dr. med. Thomas Böhmeke
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