ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2003Neurowissenschaftliche Forschung: Privates Engagement

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Neurowissenschaftliche Forschung: Privates Engagement

Dtsch Arztebl 2003; 100(25): A-1712

Bühring, Petra

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Die Ursachen der MS sind noch nicht erforscht. Foto: Gemeinnützige Hertie-Stiftung
Die Ursachen der MS sind noch nicht erforscht.
Foto: Gemeinnützige Hertie-Stiftung
Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung unterstützt mit rund zehn Millionen Euro jährlich die Hirnforschung.

Dem Engagement von Stiftern liegt oft eine persönliche Geschichte zugrunde. So ist es auch bei der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, die auf dem Lebenswerk des 1972 gestorbenen Georg Karg, dem Inhaber der Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH, gründet: In der Familie des Stifters wird eine Multiple-Sklerose-Erkrankung vermutet.
Schlechte Bedingungen
Die Hertie-Stiftung stellt durchschnittlich zehn Millionen Euro im Jahr für die klinische Hirnforschung zur Verfügung und ist damit der größte private Förderer der Neurowissenschaften in Deutschland. Dieser Förderbereich ist einer von drei Schwerpunkten der Stiftungsarbeit. Gefördert werden auch Projekte zur europäischen Integration sowie zur demokratischen Erziehung.
Dass die klinische Hirnforschung in Deutschland besonderer Förderung bedarf, hat auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft bestätigt, betont der Leiter des Förderbereichs Neurowissenschaften, Prof. Dr. med. Michael Madeja: „Die klinische Hirnforschung hat schlechte Bedingungen im internationalen Vergleich.“ Dieses Manko sollen unter anderem das Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung im Universitätsklinikum Tübingen sowie das Institut für Multiple-Sklerose-Forschung an der Universität Göttingen auszugleichen helfen.
Das Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung in Tübingen wird seit 2000 aufgebaut und soll das „bundesweit größte und modernste Zentrum für Neurologie“ werden. Das Institut umfasst vier Abteilungen: Allgemeine Neurologie, Kognitive Neurologie, Neurodegenerative Erkrankungen, Zellbiologische Grundlagen neurologischer Erkrankungen. Die erstgenannten Abteilungen werden von der neurologischen Universitätsklinik getragen; die anderen beiden Abteilungen finanziert die Hertie-Stiftung mit 22 Millionen Euro für die nächsten zehn Jahre. 28 Stellen wurden neu geschaffen, davon acht Professuren. Dadurch soll eine „kritische Masse“ entstehen, sagt Madeja. Das heißt, die Ärzte sollen neben der Versorgung der Patienten auch tatsächlich Zeit für die Forschung haben, die widerum von der praktischen Arbeit profitiert. Mit dem Institut soll gleichzeitig ein Reformmodell verwirklicht werden: Eine „Department-Struktur“ soll geschaffen werden, bei der im Gegensatz zur Ordinarienstruktur alle vier Abteilungen gleichberechtigt nebeneinander arbeiten können. Ein flexibler Pool an Mitteln ist vorgesehen, um bei aktuellen Forschungsvorhaben schnell reagieren zu können. Leistungsgerechte Gehälter sollen für Konkurrenzfähigkeit sorgen.
Institut für MS-Forschung
Nach einem international begutachteten Auswahlverfahren erhielt ein Kooperationsprojekt der Universität Göttingen unter acht sich bewerbenden Universitäten den Zuschlag für das Institut für Multiple-Sklerose-Forschung. Die Hertie-Stiftung unterstützt dieses Institut, das eine MS-Ambulanz mit klinischer Forschung verknüpft, mit 4,6 Millionen Euro in den nächsten zehn Jahren. Das „erste MS-Forschungsinstitut dieser Art“, wie Madeja betont, will die neuroimmunologischen Mechanismen untersuchen, die dem Untergang der Nervenfaserscheiden als auch Nervenfasern selbst zugrunde liegen und will Strategien zur Reparatur dieser Schäden entwickeln. Im Sommer 2002, gut ein Jahr nach der Ausschreibung, wurde mit der Arbeit begonnen.
Die Stiftung hat zudem bundesweit den Stiftungslehrstuhl „Klinische Multiple-Sklerose-Forschung“ ausgeschrieben, um eine neue eigenständige Forschungsgruppe und MS-Einheit mit stationär-klinischer Beteiligung durch einen „herausragenden Arzt und Forscher“ an einer Universität aufzubauen.
Moderne Stiftungsarbeit
Beim „Hertie-Exzellenzprogramm“ werden herausragende Neurowissenschaftler unterstützt, die aus arbeitsrechtlichen Gründen gezwungen sind, ihre wissenschaftliche Karriere in Deutschland aufzugeben. Eine Jury endscheidet über zunächst drei Stipendien, die die Inhaber während der bis zu fünfjährigen Laufzeit qualifizieren sollen, Lebenszeitprofessuren zu erhalten.
Der Neurophysiologe Madeja, der immer noch selbst in der Forschung tätig ist, versucht „moderne Stiftungsarbeit“ zu machen, sie ein wenig von ihrem „mitunter verstaubten Image“ zu befreien. Das heißt für ihn, eine hohe Qualität der Projekte zu sichern, transparent in Bezug auf die Kriterien der Mittelvergabe zu bleiben sowie aktuell und schnell bei hoher Qualität Entscheidungen über die Förderung von neurowissenschaftlichen Forschungsprojekten erreichen zu können. Petra Bühring
Informationen:
Gemeinnützige Hertie-Stiftung
Lyoner Straße 15, 60528 Frankfurt/Main
Internet: www.ghst.de
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