ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2003Telematik: Vorarbeit der Industrie

POLITIK

Telematik: Vorarbeit der Industrie

Dtsch Arztebl 2003; 100(25): A-1716 / B-1422 / C-1338

Rabbata, Samir

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LNSLNS Unternehmen der IT-Branche legen Telematik-Expertise vor. Schmidt: Testphase für elektronische Patientenkarte ab 2004

Rezeptblock, Stempel und wuchtige Patientenakten sollen nach dem Willen von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt möglichst schnell aus deutschen Arztpraxen und anderen Bereichen des Gesundheitswesens verschwinden. Statt ihrer sollen E-Mail, Internet und Co. nicht nur für einen schnelleren Informationsfluss sorgen, sondern auch die Patientenversorgung sicherer machen und nicht zuletzt Milliardensummen einsparen helfen. Stichtag für den Datentransfer per Mausklick ist der 1. Januar 2006 – bis dahin soll die geplante elektronische Gesundheitskarte für alle gesetzlich Versicherten flächendeckend eingeführt werden.
Unterstützt wird Schmidt in ihrem Vorhaben von den Unternehmen der IT-Branche. Sollten die rot-grünen Pläne umgesetzt werden, winken ihnen schließlich lukrative Geschäfte. Anfang Juni übergaben Vertreter der Informations- und Kommunikationswirtschaft der Ministerin einen Expertenbericht*, mit dessen Hilfe der Weg in die neue IT-Welt geebnet werden soll.
Telematikarchitektur nötig
Nach dem Bericht sei eine übergreifende Telematik-Architektur die wesentliche Voraussetzung dafür, die elektronische Gesundheitskarte schnell und flächendeckend einführen zu können. Darunter ist eine übergeordnete „Sprache“ zu verstehen, über die alle vorhandenen Informationssysteme im Gesundheitswesen miteinander kommunizieren können. Nach Meinung der Experten könnten dadurch alle Systeme – ähnlich der Straßenverkehrsordnung im Autoverkehr – nach den gleichen Regeln und Anforderungen arbeiten. Mit dieser Architektur könnten Anwendungen wie das elektronische Rezept, der elektronische Arztbrief oder die elektronische Patientenakte innerhalb kürzester Zeit eingeführt werden, heißt es in dem Bericht der Unternehmen.
Ministerin Schmidt äußerte sich bei der Übergabe der Telematikexpertise zufrieden mit der unentgeltlichen Vorarbeit der IT-Branche. „Mit diesem Strategiepapier ist es der Industrie gelungen, innerhalb kürzester Zeit Vorschläge für eine schnelle Einführung der Telematik im Gesundheitswesen zu erarbeiten“, lobte Schmidt. Vor der flächendeckenden Einführung der Gesundheitskarte 2006 sollen nach Angaben der Ministerin noch in diesem Jahr die konzeptionellen Vorarbeiten für die Karte selbst und die Tele­ma­tik­infra­struk­tur geleistet werden. Im nächsten Jahr startet nach den Plänen der Regierung die Testphase. Dabei würden prioritäre Anwendungen ebenso getestet wie ausgewählte Vernetzungen von Ärzten, Krankenhäusern, Apotheken, Reha-Einrichtungen und Krankenkassen, erläuterte Schmidt.
Gebremst wurde die allgemeine Euphorie von Manfred Zipperer, Vorsitzender des Aktionsforums Telematik im Gesundheitswesen (ATG), einer gemeinsamen Einrichtung der Selbstverwaltungspartner. Momentan herrsche noch Verwirrung bezüglich der Infrastruktur. Zudem fehle es an Klarheit und Planungssicherheit, so Zipperer. Das Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung und die Selbstverwaltung würden aber in Kürze in einem Planungsworkshop die großen Grundlinien für eine Telematikarchitektur abstecken.
Im Unterschied zur heutigen Krankenversichertenkarte, die nur den Versichertenstatus sowie einige persönliche Daten des Patienten enthält, soll die elektronische Gesundheitskarte weitaus mehr können. Sie soll dem behandelnden Arzt den Zugriff auf Informationen über frühere Krankheiten, Untersuchungsergebnisse und Röntgenbilder des Patienten sowie über Medikamente, die dieser einnehmen muss, ermöglichen. Letztlich soll die Karte der Schlüssel zu praktisch allen Behandlungsdaten sein, zeigte sich die Parlamentarische Staatssekretärin, Marion Caspers-Merk, optimistisch.
Investitionen in Milliardenhöhe
Bevor dies aber Wirklichkeit wird, müssen Krankenkassen sowie Ärzte, Krankenhäuser, Apotheken und andere Beteiligte im Gesundheitswesen nach Schätzung der an der Studie beteiligten Unternehmen etwa 1,3 Milliarden Euro berappen. Dem stehen geschätzte Einsparungen ebenfalls in Milliardenhöhe entgegen. „Jeder Tag, an dem die Telematik im Gesundheitswesen nicht umgesetzt wird, kostet die Volkswirtschaft 13,7 Millionen Euro, im Jahr fünf Milliarden Euro“, rechnen die Industrievertreter in ihrem Bericht vor. Jörg Haas, Vorsitzender des Verbandes der Hersteller von IT-Lösungen für das Gesundheitswesen e.V., Berlin, frohlockte bereits: „Das wird der Exportschlager der deutschen Industrie.“ Samir Rabbata
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