ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2003Biotechnologie: Der Überlebenskampf hat begonnen

POLITIK

Biotechnologie: Der Überlebenskampf hat begonnen

Dtsch Arztebl 2003; 100(25): A-1717 / B-1423 / C-1339

Leinmüller, Renate

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LNSLNS Der 4. Deutsche Biotechnologie-Report spiegelt die Krise der deutschen Firmen wider. Nach einer Marktbereinigung, so die Analysten, werde die Branche aber gestärkt hervorgehen.

Das ökonomische Klima macht den deutschen Biotechnologie-Unternehmen mehr zu schaffen als Firmen in Großbritannien oder der Schweiz. Da das Wagniskapital (Venture Capital) im Jahr 2002 um die Hälfte geschrumpft ist, erwarten die Analysten hierzulande eine Konsolidierung mit Marktbereinigung. Welche Probleme und welche Lösungsansätze für die Branche bestehen, weist der 4. Deutsche Biotechnologie-Report aus, den die Stuttgarter Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young in Frankfurt/Main vorab präsentiert hat.
Nach dem Bericht, der in diesem Jahr unter dem Titel „Zeit der Bewährung“ erscheint, ist nicht nur die Zahl der Firmenneugründungen zurückgegangen, sondern auch die der Mitarbeiter um sieben Prozent auf 13 400 gesunken. 26 Unternehmen mussten Insolvenz anmelden, einige wurden von Konkurrenzfirmen aufgekauft. Mit dieser Bilanz sei aber die „Talsohle“ der Entwicklung noch nicht erreicht, diese erwarte man erst in diesem Jahr, sagte Dr. Julia Schüler.
Ein Hauptproblem sieht die Referentin in der „kritischen Masse“: Gut drei Viertel der Biotech-Unternehmen habe weniger als 30 Mitarbeiter. Darüber hinaus bestehe ein Übergewicht an Ein-Produkt-Firmen sowie häufig eine einseitige Ausrichtung auf Therapeutika. Letzteres ist auf den Wunsch der Geldgeber zurückzuführen, die eine möglichst schnelle Rendite ihrer Investitionen erwarten. Kritisch sieht Schüler auch die oft fehlende Produkt-Pipeline. Als erfreulich wertete sie, dass inzwischen mehr Produkte von der präklinischen in die frühe klinische Phase übergegangen sind, während sie das Scheitern einiger Phase-II-Projekte als bedauerlich, aber normal erachtet. Als mögliche Auswege aus der Krise sieht die Referentin einerseits die Assoziation verschiedener Unternehmen zu „virtuellen“ Firmen mit eigenen Produkten und Non-blockbuster-Entwicklungen. Notwendig sei dabei ein professionelles Management – auch im Finanzbereich. Nach Ansicht ihres Kollegen Dr. Siegfried Bialojan dürfe staatliche Förderung – wenn überhaupt – nicht nach dem „Gießkannenprinzip“ erfolgen, vielmehr müsse das Geld mit sorgfältigen Analyseprozessen („Due Diligence“) begleitet werden.
Für Mirko Scherer, Finanzvorstand von GPC biotech, steht jedoch fest, dass sich das Unternehmen ohne primäre Unterstützung durch staatliche Gelder nicht so stark hätte entwickeln können. Über den Verkauf von Technologien könne GPC die Entwicklungskosten „abfedern“, was wiederum die Einlizenzierung neuer Produkte erleichtere. Mit dieser Strategie hat das Unternehmen, das sich auf die Entwicklung neuartiger Krebsmedikamente konzentriert, einen finanzstarken Partner in der Pharmaindustrie gesucht und in der Altana Pharma gefunden.
Dieses Vorgehen ist für Bialojan ein Beispiel für den erfolgreichen Weg aus der finanziellen Krise, die in diesem Jahr wohl eine Reihe von Biotech-Unternehmen treffen werde. Der Finanzexperte erwartet, dass das Portfolio der Venture Capitalists in Deutschland erheblich
geschmälert werden wird, was neue Businessmodelle erfordere. „Die Firmen sollten nicht versuchen, den Investoren hinterherzurennen“ und sich von diesen bestimmen zu lassen, spitzte Schlüter das Thema Finanzressourcen zu.
Eine Bereinigung des Markts sei notwendig und unausweichlich – angesichts des Bedarfs an innovativen Produkten werde die Biotechnologie als Markt mit hohem Wachstumspotenzial und Innovationsmotor jedoch gestärkt daraus hervorgehen. Das Hauptproblem werde die Mittelschicht von Firmen mit Potenzial, aber ohne ausreichende Finanzressourcen haben, die einen Überbrückungsfonds suchen. Dr. Renate Leinmüller
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