ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2003Ärzteschach: „Schau mal, Oma, Kasperletheater!“

THEMEN DER ZEIT

Ärzteschach: „Schau mal, Oma, Kasperletheater!“

Dtsch Arztebl 2003; 100(25): A-1721 / B-1426 / C-1342

Pfleger, Helmut

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Nach jeweils neun Partien unter insgesamt 150 Teilnehmern ganz oben: Hans-Joachim Hofstetter, Peter Weber (Turniersieger), Patrick Stiller, Stefan Müschenich und Uwe Mehlhorn (v.l.) Fotos: Josef Maus (4) und Helmut Werner (1)
Nach jeweils neun Partien unter insgesamt 150 Teilnehmern ganz oben: Hans-Joachim Hofstetter, Peter Weber (Turniersieger), Patrick Stiller, Stefan Müschenich und Uwe Mehlhorn (v.l.) Fotos: Josef Maus (4) und Helmut Werner (1)
Rund 150 Teilnehmer kamen zur 11. Schachmeisterschaft für Ärztinnen
und Ärzte nach Bad Neuenahr. Der Arzt und Internationale Schachgroßmeister Dr. med. Helmut Pfleger berichtet über das dreitägige Turnier.

Manchmal kann man an seinen Ärzten ganz schön irre werden. Da erinnert man sie an den Urvater der Schach spielenden Ärzte, Dr. med. Siegbert Tarrasch, der vor seinem WM-Match 1908 gegen Emanuel Lasker diesem bedeutete: „Ihnen, Herr Dr. Lasker, habe ich nur drei Worte zu sagen: Schach und matt!“ Welch grimmige Entschlossenheit, welch Selbstbewusstsein! (Man muss ja in diesem Zusammenhang nicht unbedingt hinzufügen, dass Tarrasch den Wettkampf mit Pauken und Trompeten verlor.)
Und was schallt einem dann schon bei der Eröffnung der 11. Schachmeisterschaft für Ärztinnen und Ärzte im Kurhaus von Bad Neuenahr entgegen? „Bei der ärztlichen Kunst und im Schach, da gibt es nie Vollkommenheit – man muss sich bescheiden!“ Treffend auch die Beschreibung von Manfred Hermes, Direktor der Deutschen Apotheker- und Ärztebank, die das Turnier als Hauptsponsor maßgeblich unterstützt: „Mit dem Schach geht’s mir wie mit meiner Frau. Ich liebe sie, aber ich beherrsche sie nicht!“ Und weiter geht’s in diesem defätistischen Duktus beim Grünkrauter Kollegen Dr. med. Stefan Hehn, dem der Computer zur ersten Runde das Brett 62 zugelost hat: „Hinten anfangen und stark nachlassen!“
Nach alldem wird es niemanden verwundern, wenn einem zum Abschluss Dr. med. Wolfgang Plathner folgende Zeilen in die Hand drückt (nach Eugen Roth): „Einst übte ich mich im Bach-Spiel, bis ich merkte, dass ich schwach spiel’. Damit keiner es hört, und niemand es stört, begnüg’ ich mich jetzt mit dem Schach-Spiel.“
Unvergessen sind auch die Worte des leider so früh verstorbenen chirurgischen Kollegen Dr. med. Modjataba Abtahi, der der Selbstzweifel Blässe schon im Ansatz verscheuchte: „Schach ist wie eine gute Anästhesie. Man darf dem Gegner nur soviel Luft lassen, dass er gerade noch atmen kann!“
Nun ja, um der Wahrheit die Ehre zu geben, das wurde schon auch gemacht – und gar nicht knapp; in künftigen Schachspalten (Post Scriptum) will ich einige gelungene Operationen vom Leben zum (Schachkönigs-)Tode vorführen. Insofern muss doch ganz entschieden dem kleinen Jungen widersprochen werden, der am Kurhaus mit dem Schild „Schachturnier für Ärztinnen und Ärzte“ vorbeiging und zur Oma sagte: „Schau mal, Oma, Kasperletheater!“
Zu solch einer Fehldiagnose konnte er nur kommen, weil er nicht in der sechsten Runde Dr. med. Helmut Schröder zwar klar auf Gewinn stehen sah, indes mit den unerbittlich dahintickenden Sekunden auf seiner Schachuhr auch in großer Zeitnot. Fieberhaft schweift der Blick über die 64 Felder, selten hat sich eine Katecholaminbestimmung so gelohnt. Eine Springergabel würde den Gegner ins Verderben stürzen, die vorzüglich Schach spielende Gemahlin an seiner Seite hat’s schon gesehen. Aber sie muss schweigen, darf nur zittern und bangen. Schließlich geht seine Hand zum Springer – sie jubelt innerlich, er hat’s auch gesehen! –, aber nein, auf einem anderen Feld kommt besagter Springer nieder. Perdu! Vermaledeite vornehme Zurückhaltung. Wie war das doch beim amerikanischen Schachmeister Samuel Reshevsky, der in der Hitze des Gefechts nicht bemerkte, dass sein Gegner die Zeit überschritten hatte, worauf seine neben ihm sitzende Frau sagte: „Zeitüberschreitung! Ich reklamiere den Punkt im Namen meines Mannes!“ und kleinliche Vorbehalte des Schiedsrichters mit dem Verweis auf die Bibel, wonach Mann und Frau ein Fleisch und ein Blut seien, zurückwies.
Wie war das doch bei der arabischen Dilaram im Mittelalter, deren Mann schon sein ganzes Vermögen verspielt und nun sogar seine innigst geliebte Gattin aufs Spiel gesetzt hatte. Wieder schien die Lage hoffnungslos, aller Mut war aus seinem Gesicht gewichen, als sie, die voller Bangen das Geschehen verfolgte, ihm zuflüsterte: „Mein Herr, überlegt gut, ob es nicht doch noch eine verborgene Rettung gibt!“ Und siehe da – mit einer fantastischen Opferkombination, die als „Dilarams Matt“ in die Geschichte einging, konnte er seinen Gegner matt setzen und Dilaram behalten. Liebe Frau Schröder, das waren ein paar Anregungen zur Güte für nächstes Mal.
Dr. med. Martin Schaefer, dem man sein gesundes Mannsein abnähme, auch wenn er kein T-Shirt mit dieser Aufschrift trüge, erzählte von einem vergangenen Ärzteturnier, als beim Mittagessen der bestellte Fisch partout nicht kommen will. Inzwischen hat die erste Nachmittagsrunde schon begonnen, schließlich lässt er sich in seiner Verzweiflung den Fisch einpacken und eilt ans Brett, bei dem sein Zeitguthaben bereits von 30 auf 15 Minuten geschrumpft ist. Nun gilt es, dem Geschehen auf dem Brett und dem für den Verzehr vorgesehenen Fisch gleichzeitig gerecht zu werden. Mit fischfettigen Fingern werden also Bauern geschlagen und Damen gefesselt. Trotz dieser Doppelbelastung resultiert schließlich ein leicht vorteilhaftes Endspiel. Doch die verflixte Zeit – nur noch eine Minute Restbedenkzeit für unseren Helden, unmöglich zu schaffen. Doch da bietet der Gegner, Dr. med. Wolfgang Gulich, äußerst fair remis an.
Konzentration unter Zeitdruck: Matias Jolowicz (l.) und Peter Krauseneck
Konzentration unter Zeitdruck: Matias Jolowicz (l.) und Peter Krauseneck
Anzeige
Oder war er nur einfach mürbe gegessen? Ähnlich wie einst beim Kandidatenturnier in Zürich 1953 der Gegner vom holländischen Ex-Weltmeister Max Euwe, als dieser ebenfalls zu spät zur Partie erscheint und neben den nonchalant aufs Brett geworfenen Zügen immer wieder genüsslich in sein Sandwich beißt, sich vor soviel Demonstration von Zuversicht in ein Remisangebot rettet. Die letzte Wahrheit ist wohl nicht zu haben, ebenso wenig wie eine Erklärung für die Tatsache, warum Dr. med. Schaefer jedes Jahr immer wieder auf den Kollegen Gulich trifft, obwohl die Wahrscheinlichkeit bei rund 150 teilnehmenden Ärzten denkbar gering ist. Aber vielleicht hat der Auslosungscomputer ja auch seine Lieblingspaarungen?!
Zum Beispiel das Frankenderby Dr. med. Norbert Knoblach gegen Prof. Dr. med. Peter Krauseneck. Ist Ihnen übrigens auch schon aufgefallen, dass der Anfangsbuchstabe „K“ im Namen für Qualität bürgt? Oder was halten Sie von solch illustrer Gesellschaft wie der der Herren Karpow, Kasparow, Kortschnoi und Kramnik?
Leider konnte der mittlerweile 91-jährige Dr. Rudolf Faulhaber diesmal nicht kommen, der Geist ist noch wach und willig, doch die Beine, die einst sogar für den ruhmreichen 1. FC Nürnberg Tore schossen, sind müde geworden. Dafür waren der 92-jährige Dr. Herbert Schütz und der 90-jährige Dr. Horst Reichel wieder dabei. Letzterer mit sich und der Welt zufrieden, als er schon nach sechs Runden sein Wunschziel von drei Punkten erreicht hat – da mag noch kommen, was will.
Der große Barocksaal im Bad Neuenahrer Kurhaus: Gespielt wurde an rund 75 Brettern.
Der große Barocksaal im Bad Neuenahrer Kurhaus: Gespielt wurde an rund 75 Brettern.
Was die Beteiligung der Ärztinnen angeht: Frau Dr. med. Utta Recknagel ist eine Konstante. Bitte weiter so! Die Wiege ihrer diesjährigen Mitstreiterinnen Dr. med. Daniela Geisler und Dr. med. Tatjana Strieder stand in Rumänien beziehungsweise Russland. Letztere ist sogar die Schwägerin des Weltklassespielers Drejew, was an manch hervorragender Partie von ihr zu sehen war! Leider waren die Chirurgin Dr. med. Giti Abtahi und Dr. med. Bergit Brendel diesmal nicht dabei, was vor allem Dr. med. Peter Weber bedauerte. Wie sollte er sich nur ohne sie motivieren, keine Operndiskussionen, nicht einmal ein Casinobesuch, trübe schien die Welt. Aber siehe da – wer gewinnt unangefochten mit dem bislang noch nie erreichten Ergebnis von 8,5 Punkten aus 9 Partien das Turnier? Peter Weber! Vielleicht ist ja die alleinige Konzentration aufs Schach manchmal auch nicht schlecht!
Ansonsten schien die Sonne, wenn auch nicht immer über allen Brettern. Weder Horst Metzing, der Geschäftsführer des Deutschen Schachbundes, noch Schiedsrichter Jürgen Dammann, unterstützt von Reinhold Faißt und Alexander Krauth, hatten Mühe, das Turnier über die Bühne zu bringen. Denn bei allem schachlichen Ehrgeiz stand wiederum die kollegiale Begegnung im Vordergrund.
Viele, wohl die meisten, Teilnehmer schätzen die Schachmeisterschaft als willkommene Gelegenheit, einmal ein verlängertes Wochenende jenseits von Klinik und Praxis nur dem eigenen Hobby nachgehen zu können. Auch Familientreffen gehören inzwischen zur Tradition der Ärzteturniere des Deutschen Ärzteblattes: Die Frau und die Töchter von Dr. med. Christian Bordasch nützten das Turnier einmal mehr in diesem Sinne und lasen in trauter Dreieinigkeit vor dem Kurhaus der Enkelin zum dreißigsten Mal „Conni kommt in den Kindergarten“ vor. Dr. med. Timm Ludwig, einer von knapp einem Dutzend Ärzten, die noch keine Schachmeisterschaft versäumt haben, verordnete sich unmittelbar vor einer Augenoperation drei Tage voller Schach, diese präoperative Einstimmung sollte sich als genau richtig erweisen. Monika Mädler am Bücherstand blieb erwartungsgemäß einmal mehr auf ihrem Ladenhüter „Der Arzt im Schachspiel“ sitzen, und der Schäferhund von Dr. med. Hans-Joachim Hofstetter bellte wieder freudig-erregt bei der Siegerehrung.
The same procedure as every year – ich melde mich wieder nächstes Jahr zur gleichen Zeit. Dr. med. Helmut Pfleger

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema