ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2003Medikamente: Mehr Engagement dringend erforderlich

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Medikamente: Mehr Engagement dringend erforderlich

Dtsch Arztebl 2003; 100(25): A-1735 / B-1439 / C-1354

Wienold, Matthias

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LNSLNS Aids ist ein außerordentliches Problem, das durch außerordentliche Maßnahmen erfolgreich bekämpft werden kann. Im Ergebnis bedeutet ein Verzicht auf Compulsory Licensing (das rechtlich durch Notstandserklärungen der Mitgliedsländer der WTO abgesichert werden muss) im Aids-Bereich mittelbar den Tod von mehreren Millionen Menschen weltweit. Aids-Medikamente können nicht heilen, sie bringen jedoch auch unter den Lebensbedingungen in weiten Teilen der so genannten Dritten Welt eine Hoffnung auf ein länger und gesünder verlaufendes Leben mit HIV. Eine verzweifelte Situation für Menschen, die ihrem eigenen Tod entgegensehen und auf die Einsicht der Anteilseigner von Pharmakonzernen zum Verzicht auf Gewinnmargen hoffen müssen. Glücklicherweise schreiten immer mehr nationale Regierungen hiergegen ein. Auch in Wirtschaftsbereichen über die einzelnen Pharmakonzerne hinaus, die bereits heute auf Rechte zugunsten der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) verzichten, wird Engagement in der Dritten Welt als Form des Marketings und der Imagepflege erkannt. Dem „kalten, juristisch-handelspolitischen“ Argument, das den Gewinn aus dem Pharmamarkt den Konzernen allein zubilligt, tritt der Aspekt des weitreichenderen Nutzens humanitärer und auch entwicklungsfördernder Aktionen entgegen. Möglicherweise ist dies ja auch eine Form von Dankbarkeit gegenüber den Teilnehmern an klinischen Studien, die für die Forschung ihr Leben einsetzen. Internationale Konzerne (z. B. Volkswagen, Daimler-Chrysler) investieren in Aids-Aufklärung und -behandlung ebenso eigene Mittel, wie Pharmafirmen inzwischen nationale Systeme stützen.
Es führt zu einer unnötigen Polarisierung, von „Enteignung“ der Industrie durch Länder wie Indien, Kenia und Brasilien zu sprechen. Unfair ist der Vergleich von Rüstungs- und Gesundheitsausgaben, denn die Verschlechterung der Aids-Situation, das Sterben von Tausenden von Menschen täglich, gefährdet inzwischen mehr als alle Kriege Afrikas die Stabilität des Kontinents. Einsicht der Regierungschefs hierein wäre sicherlich auch mehr vonnöten. Die Öffnung von Notkorridoren, in denen preisgünstige Arzneimittel gehandelt werden können, drängt. Wenn ein Land heute aus der eigenen Not heraus Aids-Medikamente zur Rettung seiner bedrohten Bevölkerung und Kultur ausgibt, ist darin kein unmittelbarer Schaden erkennbar. Darin sollten Juristen einstimmen können.
Mit dem Etat der US-Bundesregierung kann nur ein kleiner Teil der Aufgaben der weltweiten Aids-Bekämpfung finanziert werden. Ein stärkeres staatliches, aber auch privates Engagement in Europa ist dringend erforderlich. Hierzulande hat sich in kirchlichen Kreisen das Aktionsbündnis Aids gegründet, um auch den weltweiten Zugang zu Therapien mit Nachdruck zu verbessern.
Dr. med. Matthias Wienold, M.S.P., Kramerstraße 25, 30159 Hannover
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