ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2003DMP: Ideologischer Wahn

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DMP: Ideologischer Wahn

Dtsch Arztebl 2003; 100(25): A-1736 / B-1439 / C-1355

Springborn, Susanne

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LNSLNS Tief besorgt bin ich über die zukünftige Entwicklung der medizinischen Versorgung in Deutschland. Wenn die gesetzlich verordneten DMP für die Volkskrankheiten auch nur in Ansätzen dem DMP-Vertrag in Hessen zum Diabetes mellitus Typ 2 gleichen, wird dies ineffizient, teuer und patientenfeindlich.
Als 33-jährige Hessin bin ich seit vier Jahren niedergelassene Fachärztin für Allgemeinmedizin auf dem Land mit einer täglichen Arbeitszeit von etwa 13,5 Stunden. Die Arbeit erfüllt mich, und evidenzbasierte Leitlinien sind aus meiner Sicht ein sinnvolles Werkzeug. Hielte ich mich aber an den DMP-Rahmenvertrag, ergäbe sich ein schlechterer Versorgungsstandard für Diabetes in der Praxis. Ich müsste statt 13,5 Stunden knapp 14 Stunden täglich arbeiten, um die Dokumentationsbögen korrekt auszufüllen und damit teuren Datenmüll zu produzieren: 55 kleine Kreuze ergeben ein großes auf dem Friedhof. Was mich aber am meisten schmerzt, ist die staatliche Lenkung meines ärztlichen Handelns hin zur Billigmedizin. Das ist ideologischer Wahn von gestern. Die Menschen in Deutschland werden doch nur deshalb ärztlich so gut versorgt, weil die meisten Kolleginnen und Kollegen enorm engagiert arbeiten – trotz Bürokratie. Unsere Politik, Kassen- und Standesvertretung müssen uns das Vertrauen und die Anerkennung bezüglich unserer Leistungsfähigkeit wieder geben, dafür gewähren wir hohes medizinisches Niveau – eine Basis der menschlichen Würde und gesellschaftlichen Energie. Wenn dies nicht mehr der Fall ist, und die DMP verwirklicht werden, werde ich diesem System nicht mehr wie heute dienen, denn dann ist es nicht mehr das, in dem ich erzogen wurde: freiheitlich und die Würde der Menschen achtend.
Dr. med. Susanne Springborn, Costloffstraße 47, 65207 Wiesbaden
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