ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2003Art-déco-Ausstellung: Atemberaubende Schätze

VARIA: Feuilleton

Art-déco-Ausstellung: Atemberaubende Schätze

Dtsch Arztebl 2003; 100(25): A-1756 / B-1456 / C-1370

Scheiper, Renate V.

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Indisches Bett und Art-déco-Poster;
Indisches Bett und Art-déco-Poster;
330 Exponate des Jugendstils aus Museen und privaten Sammlungen der ganzen Welt werden zurzeit in London ausgestellt.

Man steuert am besten von der repräsenta-tiven Eingangshalle von Großbritanniens Nationalmuseum der Schönen Künste sofort auf die Räume der Sonderausstellung zu: „ART DECO 1910–1939“ wird in großen Lettern die Richtung gewiesen. Sonst verzettelt man sich hoffnungslos auf dem elf Kilometer langen Weg durch die 145 Ausstellungsräume des Victoria and Albert Museums. Diese Sonderausstellung ist in jeder Hinsicht einmalig. Und sie ist mindestens genauso gut bewacht wie die Kronjuwelen im Tower. Denn atemberaubende Schätze des Jugendstils, wie die Kunst dieser Epoche in Deutschland heißt, aus Museen und privaten Sammlungen der ganzen Welt sind dort zusammengetragen – insgesamt mehr als 330 Exponate.
Freundlich öffnet einer der Wärter die Tür zum ersten der fünf Ausstellungsräume. Geheimnisvolles Dämmerlicht empfängt den Besucher. Durch geschickte Lichteffekte werden die Objekte in den Vitrinen hervorgehoben. Orientalisch Inspiriertes zieht gleich zu Beginn die Besucher in ihren Bann: zierliche Tischchen und Ständer für Nippes. An der Wand um die Ecke greift eine entzückende junge Dame in grünem Kleid graziös an die Krempe ihres weit schwingenden Hutes. Tamara de Lempicka hat sie um 1927 gemalt als „Jeune fille en vert“. Normalerweise ist sie im Centre Pompidou, Paris, zu bewundern.
Steingutgefäß mit Deckel, gestaltet in der Werkstatt von Enoch Boulten Carlton, 1928;
Steingutgefäß mit Deckel, gestaltet in der Werkstatt von Enoch Boulten Carlton, 1928;
Und wieder ein Stück weiter gerät man in Entzücken über hinreißend schöne Gläser von Lalique und graziöseste Schmuckstücke, komponiert aus Glas, Elfenbein, Edelsteinen, Schildpatt und Perlmutt. Daneben finden sich Arbeiten von Cartier, der Anleihen macht im Alt-Ägyptischen mit zauberhaften Skarabäen als Brosche oder Anhänger, langen Zigarettenspitzen für die elegante Dame und feinsten Puderdöschen. Zierliche Spiegel werden von schlanken Mädchen mit lang wehenden Haaren getragen. Geschickt wird der Besucher durch entsprechend platzierte Vitrinen labyrinthartig durch die Räume geleitet, damit sich die verschiedenen Themenbereiche Malerei, Skulptur, Mode, Fotografie, Grafik und Produktdesign nicht überschneiden. Auch Möbel, Tapeten, Glas- und Metallkunst sind vertreten. Es gab keinen Bereich, den diese beliebteste neue Gestaltungsrichtung des 20. Jahrhunderts nicht eroberte. Fließende, ineinander greifende Formen nach Vorbildern aus der Natur und die Betonung des Ornamentalen sind die Grundelemente des sich, je nach Land, Künstler und Kunstgattung, unterschiedlich entwickelnden Stils.
Vor allem in Europa feierte der auch als „Art nouveau“ bekannte Stil sogar in der Architektur und bei funktionalen Bauten Einzug: Der Eiffelturm in Paris ist wohl das bekannteste und vor allem früheste Beispiel, ferner die Stahlkonstruktion des Hamburger Dammtor-Bahnhofs; im Zentrum Barcelonas gerät jeder Betrachter gleich mehrerer Hausfassaden und Gebäude von Antoni Gaudí, wie das Haus Battló, in Begeisterung.
Auburn 851 Speedster, 1935 Fotos:Victoria and Albert Museum
Auburn 851 Speedster, 1935 Fotos:Victoria and Albert Museum
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Im zweiten Raum der Ausstellung ist zwischen Klei-
derentwürfen von Coco Chanel, Elsa Schiaparelli und Jeanne Lanvin im Zeitraffer ein kurzer Film zu sehen mit der ekstatisch tanzenden
Josephine Baker, die als exotisch „Schwarze Primitive“ 1925 in Paris rauschende Erfolge feierte als Vertreterin des Aufbruchs eines schwarzen Amerika mit pulsierendem Jazz. Synonym dafür wurde Manhattan. Ein ganzer Raum ist diesem „neuen Amerika“ gewidmet mit dazugehöriger Musik, Autos, Konsumartikeln und Gebäudesilhouetten.
Großfotos berühmter Hotelfoyers und Fassaden sind zu sehen. Werbeplakate der Welt des Glamours, die mit Luxuszügen wie dem Orient-Express und Ocean-Linern im Art-déco-Stil in die Welt hinausfuhren. Art déco stand, besonders nach dem großen Bank-Crash der Wall Street von 1929, für ein neues Lebensgefühl. Ghislaine Wood, Kurator der Ausstellung, sagte: „Viele Menschen tun Art déco heute als frivolen Stil ab. Doch die Ausstellung zeigt, dass Art déco damals tatsächlich neue Werte verkörperte und auf menschliche Bedürfnisse antwortete – und das tut es vielleicht heute wieder.“ Renate V. Scheiper

Informationen: Victoria and Albert Museum, South Kensington, London, SW7 2RL, Tel.: 00 44-20-79 42 20 00. Die Ausstellung ist bis zum 20. Juli geöffnet. Donnerstags bis dienstags von 10 bis 17.45 Uhr, mittwochs bis 22 Uhr. Eintritt: 8 Engl. Pfund. Die Ausstellung wird im Herbst in Toronto im Royal Ontario Museum zu sehen sein und im Frühjahr 2004 in Boston im Museum of Fine Arts.

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