ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2003Kunst und Psyche: Unfreiwillige Abstraktion

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Kunst und Psyche: Unfreiwillige Abstraktion

Dtsch Arztebl 2003; 100(25): A-1757 / B-1457 / C-1371

Kraft, Hartmut

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„Ohne Titel“, 1981.Wachskreiden auf Papier, Formate zwischen 35,5 cm und 52,3 × 75 cm.
„Ohne Titel“, 1981.Wachskreiden auf Papier, Formate zwischen 35,5 cm und 52,3 × 75 cm.
Auslöser dieser Bildserie war ein Besuch im Zoo. Unmittelbar nach einem Ausflug der Station chronisch erkrankter psychiatrischer Patienten zeichnete Josef S. in der Beschäftigungstherapie einen Vogel, möglicherweise eine der Enten, die ihn beeindruckt hatten. Entsprechend seiner Zeichenfähigkeit ist das Tier recht naturalistisch dargestellt. Bereits am nächsten oder übernächsten Tag hat sich die Ente in einer weiteren Zeichnung nicht unwesentlich verändert: Ihre Beine sind wie bei einem Vierfüßler weit auseinander gerückt. Die Zeichnung erscheint deutlich weniger differenziert. Wiederum einige Tage später ist das Bildthema nur noch für denjenigen zu erkennen, der den Beginn der Zeichenserie kennt. Es wird deutlich, dass Josef S. das
Anschauungsbild in seiner Ganzheit nicht bewahren konnte und die Einzelelemente daraufhin freier anordnete. Dass für seine sonstigen Zeichnungen typische flächenfüllende Punktmuster taucht auf. All dies entspricht zweifellos nicht einer gewollten Abstraktion oder einer bewussten freieren Kombination einzelner Bildteile, wie man es beispielsweise von den Bildserien eines Stiers oder einer Kuh bei Pablo Picasso oder Roy Lichtenstein kennt. Josef S. versucht nicht, das Wesentliche oder Typische eines Vogels herauszuarbeiten – er arbeitet lediglich mit den Versatzstücken, die er noch in Erinnerung hat. Dass dabei im letzten Blatt der Serie ein grafisch sehr reizvolles Werk entsteht, das seine realitätsgerechteren Vorläufer in den Schatten stellt, haben wir als Betrachter durch die künstlerische Entwicklung im 20. Jahrhundert erst zu sehen gelernt. Hartmut Kraft

Biografie Josef S.
Geboren 1916. Vermutlich minderbegabt. Nach Arbeit auf einem Bauernhof wurde er 1936 zum Reichsarbeitsdienst eingezogen, wo er zunehmend psychisch auffällig wurde durch Teilnahmslosigkeit, Fratzenschneiden, albern-läppisches Verhalten. Es wurde die Diagnose „hebephrenes Zustandsbild bei Debilität“ gestellt. Seit 1939 dauerhaft hospitalisiert. Ende der Achtzigerjahre wurde Josef S. von einem Mitpatienten im Streit erschlagen.

Literatur
Kraft H: Grenzgänger zwischen Kunst und Psychiatrie. Köln: DuMont, 1998.
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