ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2003Pharmalobby: Puppe in der Puppe

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Pharmalobby: Puppe in der Puppe

Dtsch Arztebl 2003; 100(26): A-1769 / B-1469 / C-1377

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Aufmerksame Leser meinungsbildender Tageszeitungen stolpern neuerdings über kleine Anzeigen, die mitten im Text platziert und
mit Schlagzeilen wie „Staatsmedizin macht krank“ geziert sind. Als Absender zeichnet www.dialog-statt-huerden.de. Dahinter verbirgt sich eine Initiative von 15 Arzneimittelherstellern, die gegen die so genannte Vierte Hürde zu Felde ziehen. Gemeint ist damit die von der Bundesregierung geplante Prüfung von Arzneimitteln unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten. Nur bei einer günstigen Kosten-Nutzen-Relation sollen die Produkte zulasten der Krankenkassen verordnet werden dürfen.
Vor allem forschende Arzneimittelhersteller stoßen sich an der Vierten Hürde. Dadurch werde die Innovation behindert. Deutschland sei im Bereich innovativer Arzneimittel ohnehin schon Entwicklungsland, äußerte jetzt sogar ein Sprecher der Stolperanzeigen-Initiative. Hierzulande gebe es einen Regulierungsdschungel, dem Patienten nütze der letztlich nicht, wohl aber einigen Experten, die Neueinführungen skeptisch gegenüberstünden. Und ausgerechnet die könnten demnächst in dem von Ministerin Schmidt vorgesehenen Arzneiinstitut die Vierte Hürde errichten.
Da mag was dran sein. Interessant an dem Vorgang ist aber auch, dass nicht der Verband Forschender Arzneimittelhersteller in Berlin mit solchen Argumenten vor die Presse trat, dessen Job wäre nämlich solche Lobbyarbeit, sondern eine Gruppe von 15 Herstellern, die ihre Firmenzentralen in den USA haben. Sie verträten die größten und innova-
tivsten Hersteller, in der deutschen Pharmaindustrie fände nennens-werte Forschung kaum noch statt, hieß es in Berlin ein wenig von oben herab.
Entpuppt sich hier eine neue Gruppierung der Unzufriedenen
innerhalb des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA)? Überraschend wäre das nicht, gibt es doch ein Vorbild: Der VFA selbst ging aus einer Gruppe unzufriedener (deutscher) „Großer“ hervor, die mit dem Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) nicht einverstanden waren und sich mit einem eigenen Verband verselbstständigten. Die Gruppe der 15 „Amerikaner“ wäre demnach schon die dritte Puppe. Norbert Jachertz
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